Manchmal hat man das Gefühl, während man so eingequetscht im Publikum steht, dass man selbst dem Musiker oder der Gruppe auf der Bühne viel näher ist als alle anderen um einen herum. Ja, unsympathisch, ich weiß, aber so ist es mir gestern ergangen, als ich mit glitzernden Augen dem Auftritt von Gogol Bordello alias DJ Hütz entgegenfieberte. Eine kleine Rückblende.
Gogol I
Meine "persönliche" Beziehung vor Gogol Bordello begann im Frühjahr 2003, als ich Kollegen Lehner in New York besuchte. Den unvergesslichsten Abend dort verbrachten wir im Bulgarian Cultural Club. Skurrilerweise direkt am Broadway gelegen, findet man sich dort im ersten Stock in einer recht grindigen Holzbar wieder. Wände, Boden, Tische, Sessel - alles aus Holz. Dazu das vielleicht billigste Bier in ganz New York ... und DJ Hütz hinter den Plattenspielern. Hager, mit einem Unterhemd bekleidet, großem Schnauzer und vodkaseeligen Augen schmeißt der eine Platte mit Balkan-Turbo-Folk nach der anderen auf die Turntables und fliegt einige Male fast selbst hinterher und übers Mischpult (das er später dann tatsächlich mit Vodka übergießt).
Übergänge zwischen den Liedern werden verleugnet, Platten fast immer abgewürgt. Für einige war es ohnehin der letzte Auftritt - sie rutschen Gogol Bordello aus der Hand und gehen zu Bruch. Der reißt zwischendurch immer wieder die Hände in die Luft und jauchzt. Auch wenn er hinter seinem DJ-Pult offensichtlich einige Kontrollprobleme hat - den Rest des Raumes hat er fest in der Hand. Noch selten habe ich ein ganzes Lokal derart ausflippen gesehen. Wenn ich mich recht erinnere, haben irgendwann mal sogar Schwertkämper und Bauchtänzerinnen vorbeigeschaut.
Gogol II
Bei meinem zweiten "persönlichen" Bordello-Erlebnis war ich dann gar nicht anwesend. Das kam so: Letzten Winter war Gogol Bordello zum ersten Mal in Österreich zu Gast, in der Fluc Mensa zu Wien. Ich mich gefreut wie der Schneekönig, dann aber Wintergrippe und aus der Traum. Naja, zumindest hat mein New Yorker Reisegefährte Richard Herrn Bordello tags darauf an der WUK-Bar getroffen - nicht viel nüchterner als im Jahr zuvor. Unter Flüchen versuchte Bordello, sich mit einem 50-Dollar-Schein Vodka zu kaufen. Richard bot sich an einzuspringen. Das blieb ihm glücklicherweise erspart - schlussendlich bezahlte ein unbekannter Dritter die Rechnung - trotzdem kamen die beiden ins Gespräch. DJ Hütz konnte sich an den Auftritt im Bulgarian Cultural Club sogar noch erinnnern ("The most fucked up Club in New York"). Außerdem versprach er Richard, ihm am nächsten Tag eine CD von sich und seiner Band zu geben. Er habe allerdings keine Exemplare mehr und müsse sie selbst erst von seinem Laptop kopieren. Was er auch wirklich tat und mir so zumindest eine orginal-kopierte Gogol-Bordello-CD half, Enttäuschung und Grippe zu überstehen.
Gogol III
Vor einigen Tagen - schon mitten in der Vorfreude auf das freitägliche Konzert - habe ich dann auf FM4 einen Bericht über den Film Alles ist erleuchtet gehört, in dem ein junger Amerikaner sich in der Ukraine auf Spurensuche nach seinen jüdischen Großeltern begibt, und siehe da: Gogol Bordello hat sich mittlerweile auch schon recht erfolgreich ins Filmbusiness verirrt. Sogar der New York Times ist er mittlerweile einen Artikel wert: "Gogol Bordello has become an underground phenomenon in New York with its brand of contrarian globalism. Their sound is raucous, sweaty, tuneful and recklessly vibrant, like the punk and Gypsy music that inspired them. Iggy Pop meets Kafka." Und Gogols jüngstes Album Gypsy Punks - Underdog World Strike wurde von niemand geringerem als Steve Albini produziert.
Gogol - Das Konzert
Womit wir endlich wieder beim gestrigen Abend angelangt wären. Sobald Gogol auf die Bühne der Szene Wien sprang, merkte ich, dass wohl mehr als die Hälfte des zahlreich erschienen Publikums eine mindestens ebenso starke emotionale Bindung mit dem gebürtigen Ukrainer verband wie mich. Aus der Traum von der Einzigartigkeit unserer Beziehung. Doch gleich das erste Lied Immigrant Punk half mir über die kurze Ernüchterung hinweg. Eine passende Einstiegsnummer für die Truppe, die sich vor allem aus osteuropäischen Emigranten zusammensetzt. Noch passender, bedenkt man, dass Herr Hütz nach eigenen Angaben nach seiner Flucht aus der Ukraine einige Zeit auch in einem österreichischen Flüchtlingslager verbrachte.
Von Anfang an ließ Gogol Bordello keinen Zweifel daran, worum es in den folgenden eineinhalb Stunden gehen sollte: Alkohol, Party, Exzess, Punk und Gypsy-Musik. "Männermusik", wie eine Freundin nach dem Konzert meinte. Die funktionierte dafür ziemlich gut. Bandleader Hütz wirbelte um die Bühne, als gäbe es kein Morgen, schrie, spukte, setzte sich einen Müllkübel auf den Kopf, ohne dass die Show dadurch jedoch lächerlich wurde. Denn neben Einsatz gehört auch eine gewisse Selbstironie zu Hütz' Stärken. Grenzwärtig vielleicht die Frau, die im ukrainischen Bauerngewand anfangs eher als Sexpuppe diente, in der Folge aber immerhin Waschbrett und Riesenpauke spielte.
Getanzt wurde jedenfalls, wie ich es schon lang nicht mehr erlebt habe. Besonders gut gefiel mir dann der halbstündige Zugabeblock, den Herr Hütz solo und mit Illumination begann: Of course, there is no us and them. But them, they do not think the same.
Und als die Band dann als Abschluss noch Baro Foro anstimmte - zu dem ich drei Stunden zuvor noch in meiner Küche herumgewirbelt war - war mein Glück und das vieler anderer im Saal perfekt. Herr Hütz ließ sich zur Krönung auch noch auf eine Majestix-Pose ein - er erklomm die Pauke, die von Publikumshänden getragen wurde, und tanzte auf dieser seine letzte Polka. Sehr schön. Schade nur, dass nicht jeder ehemalige Bewohner österreichischer Flüchtlingslager auf unsere offenen und helfenden Arme setzen kann.
Siehe auch:
ORF.at Eugene Hütz - Ein Emigrant erobert die Welt
Weitere Livetermine:
17.12. PPC, Graz
22.12. Muffathalle, München