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Wien | 1.1.2007 | 13:48 
"Es gibt Sachen, die sind so falsch, dass nicht mal das Gegenteil wahr ist."

Pfister, HansWu

 
 
As east you go, the more they grow
  Mit 1. Jänner 2007 hat Rumänien es geschafft. Der steinige Weg in die EU ist (ebenso wie für Bulgarien) zu Ende. Was man davon halten soll? Ich weiß es selbst nicht so genau.
 
 
 
  Ich erwartete eine Reise ans Ende der Welt.
"Nimm die Fähre von Tulcea nach Sfantu Gheorghe, wo ein Arm des Donaudeltas ins Schwarze Meer mündet", riet mir mein Bruder vor meiner Reise nach Rumänien. "Dort bist du allein mit einigen Fischern. Irgendwo wirst du schon ein Bett zum Schlafen finden."
Als ich nach fast schon zu klischeehafter Fahrt - vorbei an rostenden Kähnen, endlosen Schilffeldern, krächzenden Reihern und an Bord mit sich bewusstlos trinkenden rumänischen HobbyfischerInnen - in dem kleinen Fischerdorf ankam und dabei war, den Preis für eine Unterkunft zu verhandeln, erfuhr ich, dass am Rande des Dorfes gerade eine riesiger Fünf-Sterne Bungalow-Siedlung und ein Drei-Sterne Campingplatz eröffnet hatte.

Am Campingplatz dann die nächste Überraschung: Dort ging gerade ein internationales Kurzfilm-, Animationsfilm- und Doku-Filmfestival über die Bühne. Anstatt abends einsam den Grillen zu lauschen, sah ich mir mit hunderten Menschen Filme aus Japan, dem Iran, Rumänien, Mexiko, Österreich, den USA undundund an. Statt am Ende der Welt war ich dort gelandet, wo sich die RumänInnen ohnehin sehen: mitten in Europa.

 
 
There Is No Alternative
  "Für Rumänien ist dies der wichtigste geäußerte Satz seit 1990", meinte dessen Staatsoberhaupt Traian Basescu, als der EU-Rat in Brüssel Mitte Dezember das Land in der EU herzlich willkommen hieß. Wie sehr die RumänInnen ihre Zukunft mit der EU verbinden, zeigt auch, dass in jedem noch so kleinen Dorf immer dieselben drei Flaggen wehen: die Flagge Rumäniens eingerahmt von der Flagge der EU und der Flagge der NATO, der das Land 2004 beitrat. Das Bild hat symbolischen Charakter: Während sich Rumänien von der Aufnahme in das transatlantische Militärbündnis und den europäischen Binnenmarkt eine politische und wirtschaftliche Stabilisierung erhofft, haben die harschen Aufnahmekriterien insbesondere der EU den eigenen Handlungsspielraum enorm eingeschränkt - manche sprechen gar von Selbstaufgabe.


 
 
  Der EU-Beitritt steht dabei nicht am Anfang der wirtschaftlichen Eingliederung Rumäniens in die Union, sondern bringt diese eher zu einem Abschluss. Denn schon vor dem EU-Beitritt sind Schlüsselsektoren der rumänischen Wirtschaft fest in ausländischer, nicht selten gar in österreichischer Hand. Vom - nicht ganz sauberen - Engagement der OMV bei der Übernahme des größten Ölkonzerns ist ja in letzter Zeit einiges zu hören. Ebenfalls in die Schlagzeilen kam 2006 die Erste Bank, die die größte Bank Rumäniens einkaufte. Daneben stolpert man in den rumänischen Städten alle 50 Meter über Baugerüste der Strabag, Filialen der Raiffeisen-Bank, Werbeschilder der Wiener Städtischen oder Billa-Märkte. All diese Unternehmen machen sich den Effekt zu nutze, den das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche in einer Osteuropastudie so betitelte: "As east you go, the more they grow.

 
 
Turbo
  So schnell wie möglich soll alles gehen. Meint die EU, und meinen auch viele RumänInnen. Das Tempo der Veränderungen ist allerorts zu spüren - Sfantu Gheorghe ist da keine Ausnahme. Von Maramures, einem Gebiet an der Grenze zur Ukraine und der Bukovina, berichtete der Reiseführer von 2004, dass sich dort ausschließlich Pferdewägen über schlammige Wege quälen würden. Zwei Jahre später zischen dort allerdings schon BMWs über die frisch asphaltierten Straßen. Neben den traditionellen Holzhäusern, die sich in den letzten Jahren zu einer Touristenattraktion entwickelt haben, sprießen immer mehr kitschige Paläste aus dem Boden, erbaut von GastarbeiterInnen, die sich ihr Geld in Italien, Spanien oder Portugal verdient haben. Meist geht das Geld während des Baus jedoch aus, dann heißt es wieder ab ins Ausland. Zurück bleiben halbfertige Bauruinen sowie diejenigen, die an ihrem traditionellen, mühsamen Leben als Subsistenzbauern und Bäuerinnen festhalten. Denn Pferdewägen findet man hier noch immer genug, und auf den Jahrmärkten zählen Sensen zu den meist begehrtesten Gütern.

 
 
  Es sind unter anderem diese Kontraste zwischen Altem und Neuem, die eine Fahrt durch Rumänien so reizvoll machen. Abseits des touristischen Charmes bleibt allerdings äußerst fragwürdig, wie verträglich diese duale Entwicklung für das Land selbst ist. Denn wer mit dem vorgegebenen Tempo nicht mithalten kann, kommt leicht ins Straucheln. Seit der Wende hat sich die Schere zwischen Arm und Reich in Rumänien weit geöffnet. Pferdewagen und BMW sind nicht der einzige Gegensatz. Beispiel Bukarest: Auf der einen Seite kaufen Immobilienfonds die halbe Stadt auf und lassen heruntergekommene Bauten in neuem Glanz erstrahlen. Auf der anderen Seite haben immer mehr Menschen Probleme, die steigenden Mietpreise zu bezahlen. Und während es für Straßenkinder zumindest einige Hilfsprogramme gibt (und Vier Pfoten sogar ein eigenes Hilfsprojekt für Straßenhunde ins Leben gerufen hat), ist es erschreckend, wie viele alte Menschen an Straßenecken und in Hauseingängen kauern und verlegen-unauffällig um Essen betteln.

Unter die Räder kommen bei dieser Entwicklung, die wirtschaftliches Wachstum auf Teufel komm raus fordert, jedoch nicht nur Menschen, sondern auch die Natur. Die Karpaten, einer der urtümlichsten Gebirgszüge Europas, haben in den letzten Jahren eine Abholzung sondergleichen erlebt. Die oft illegalen Rodungen, die von der rumänischen Regierung sowie der EU geduldet werden, waren der Hauptgrund für die verheerenden Überschwemmungen, die Rumänien in den letzten zwei Jahren erlebte.

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Rumänien Rules!
  Trotz der strengen Auflagen, trotz einer Mitgliedschaft zweiter Klasse, trotz der VerliererInnen: für viele RumänInnen bringt der EU-Beitritt auch Vorteile mit sich. Etwa für diejenigen, die jetzt schon in Österreich oder anderen westeuropäischen Staaten leben - ab ersten Jänner benötigen sie kein Visum mehr, um über die Grenzen zu kommen. Oder die vielen Minderheiten: auch wenn Probleme insbesondere mit der Volksgruppe der Roma und Sinti andauern werden, sind die Minderheitenrechte durch den EU-Beitritt gut abgesichert. In Transsylvanien sind dreisprachige Ortstafeln (Rumänisch, Ungarisch, Deutsch) keine Seltenheit - da könnten wir uns was davon abschauen.

Wie überhaupt Rumänien in vielen Dingen einen einladenderen Eindruck macht als das Mozart-Land. Okay, Österreich jetzt vorzuwerfen, dass es kein Filmfestival am Meer zu bieten hat, wäre etwas unfair. Aber wo bitteschön trifft man in Wien in einer Seitenstraße auf eine rauschende (Roma-)Hochzeit mit Riesenbankett und Turbofolk? Und auch wenn man am Dach des Nationaltheaters von Bukarest zwischen lauter sympathischen Menschen auf Bänken oder am Boden sitzt und Bier trinkt, fragt man sich: Wo habe ich mich in Österreich das letzte Mal so wohl gefühlt?

 
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