fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 20.4.2008 | 16:52 
"Es gibt Sachen, die sind so falsch, dass nicht mal das Gegenteil wahr ist."

Pfister, HansWu

 
 
Unruhen in China
  In China rumort es. Was uns jüngst wieder die ausführliche Berichterstattung über die Vorgänge in Tibet vor Augen geführt hat. Allerdings: Wesentliche Konflikte, die die chinesische Gesellschaft seit längerem durchziehen, schaffen es nur punktuell in westliche Nachrichten. Zwar findet man genügend Berichte über die katastrophalen Arbeitsbedingungen in chinesischen Sweatshops oder Minen. Meist bleiben diese Beschreibungen jedoch unvollständige Versatzstücke. Eine tiefergehende Beschäftigung mit den Umwälzungsprozessen in China findet wenig, eine Auseinandersetzung mit den einhergehenden sozialen Kämpfen fast gar nicht statt. Wer sich dafür interessiert, sollte sich unbedingt das Heft Unruhen in China besorgen, das vor kurzem als Beilage der Wildcat #80 erschienen ist.
 
 
Die gefährlichen Klassen
  Sitzblockaden vor Rathäusern, Zerstörung von Maschinen, Geiselnahme von Managern - soziale Revolten sind ebenso fixer Bestandteil des chinesischen Wirtschaftswunders wie zweistellige Wachstumtszahlen. 60.000 bis 80.000 Proteste, so schätzt man, finden im Reich der Mitte jährlich statt. Getragen werden diese Proteste von drei Bevölkerungsschichten, die von den aktuellen Veränderungen besonders stark betroffen sind.

Zum einen die Bauernschaft, die mit 700 Millionen von 1,321 Milliarden Einwohnern noch immer die Bevölkerungsmehrheit stellt und unter anderem mit Enteignungen durch die Behörden und der Privatisierung des Gesundheitssystems zu kämpfen hat. Zum zweiten die städtischen ArbeiterInnen - die ehemalige proletarische Avantgarde des Landes, deren Leistung mit einer lebenslangen Versorgung abgegolten wurde (tiefanwan - eiserne Reisschüssel), wird im Gefolge von Fabrikschließungen, Umstrukturierungen und Privatisierungen zunehmend zur Ausschussware degradiert. Und drittens die stetig wachsende Zahl der WanderarbeiterInnen, die zu Millionen vom Land in die Städte ziehen, um Armut, Perspektivenlosigkeit, aber auch traditionellen patriarchalen Strukturen zu entfliehen.

Dort angekommen, haben die mingong (Bauern-die Arbeiter-wurden) weder eine permanente Aufenthaltserlaubnis noch einen Anspruch auf Sozialleistungen. Schuld daran trägt das chinesische Haushaltsregistriersystems (hukou), das allen ChinesInnen einen Status als Land- oder StadtbewohnerIn mit unterschiedlichen Rechten zuschreibt. Aufgrund dieser Diskriminierung müssen sich die mingong meist mit schlecht-bezahlten, prekären Jobs zufrieden geben, sei es als Beschäftigte in den Weltmarktfabriken, Bauarbeiter, Kellner, Sexarbeiterin oder Dienstmädchen. Oft fühlt man sich bei den Beschreibungen an das Los von MigrantInnen hierzulande erinnert.

 
 
Der Kampf der arbeitenden Schwestern
  Die Artikel des Hefts Unruhen in China beschränken sich jedoch nicht darauf, die drei Gruppen als reine Opfer globaler Veränderungen oder staatlicher Politik darzustellen. Vielmehr schildern sie, wie die "gefährlichen Klassen" der chinesischen Entwicklung auf vielfältige Weise ihren Stempel aufdrücken: durch Sabotagen, Streiks, Fabriksbesetzungen, Protestmärsche, Abwanderungen etc. Aufgrund des repressiven staatlichen Vorgehens verlaufen diese Aktionen meist unkonzertiert und ohne erkennbare Führungsfiguren. Das heißt jedoch nicht, dass sie ineffektiv wären. Firmen mit besonders schlechtem Ruf haben zunehmend Schwierigkeiten, Arbeitskräfte zu finden. Und die chinesische Regierung versucht unter dem Slogan der Harmonischen Gesellschaft, den sozialen Frieden nicht nur durch die Anwendung von Gewalt, sondern auch mit Hilfe von sozialstaatlichen Maßnahmen zu bewahren.

Die Kämpfe der Subalternen beschränken sich dabei nicht nur auf den Arbeitsplatz. Sie richten sich oft auch gegen traditionelle Strukturen, familiäre Zwänge oder geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen sowie für ein selbstbestimmtes Leben. So nehmen etwa viele weibliche mingong die schlechten Arbeitsbedingungen in der Stadt zumindest eine Zeit lang bewusst in Kauf, wenn sie dafür ihre eigene Unabhängigkeit stärken können. Auch über die Situation und Perspektiven der sogenannten dagongmei (arbeitende Schwestern) erfährt man in Unruhen in China einiges.

 
 
  Wer wissen will, was Sache ist in China, der kommt um dieses Heft wohl nicht herum. Und wer nach der Lektüre der 80 Seiten Feuer für das Thema gesellschaftliche Dynamiken und soziale Proteste in China gefangen hat, für den stellt das Heft zahlreiche Buchtipps, sowie Rezensionen zu aktuellen chinesischen Spiel- und Dokufilmen bereit. Zu beziehen ist Unruhen in China über die Wildcat-Homepage. Interessante Infos zu Protestbewegungen in China und ganz Südostasien gibt's auch auf umwaelzung.de.

Daniel, einer der Autoren des Heftes, der ein Jahr in der 10 Millionen Stadt Tianjin gelebt hat, ist am Montag, 21. April auch Gast in FM4 Connected.
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick