Einige Wochen nach dem Weltklimagipfel in Bali hat die UNO zur nächsten Umweltkonferenz geladen. Diesmal in Bonn, diesmal zum Thema Biodiversität, und diesmal ohne großes Medieninteresse. Sicher, Bonn ist nicht so schön wie Bali, und der Klimawandel geht uns mehr unter die Haut als das Aussterben irgendwelcher Insekten oder Korallen. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn was auf den ersten Blick als harmlose Konferenz zum Schutz der Artenvielfalt daherkommt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als eine explosive Verhandlungsrunde. Darin finden sich klassische Nord-Süd-Konflikte ebenso wieder wie die Tendenz, immer weitere Bereiche unseres Lebens einer kommerziellen Verwertung zuzuführen.
Vom Schützen und Nützen
Die Convention on Biological Diversity (CBD), beim UN-Gipfel in Rio 1992 beschlossen, verfolgt drei Ziele: den Schutz der Biodiversität, die nachhaltige Nutzung derselben sowie eine gerechte Verteilung aus den Profiten dieser Nutzung. Unter Biodiversität oder Artenreichtum wird dabei die vorhandene Vielfalt an Ökosystemen, Plfanzen, Tieren und auch genetischen Ressourcen verstanden. Seit dem Vertragsabschluss gibt es regelmäßig neue Verhandlungsrunden, um diesen Zielen näherzukommen - Bonn ist bereits der neunte Anlauf. Nicht ganz zufällig trifft man sich diesmal in Deutschland. Das Land versucht seit einiger Zeit, sich als Umwelt-Weltmeister zu profilieren. Dabei erhofft man sich vor allem eines: Profite. Diese lassen sich mit umweltfreundlicher Technologie ebenso machen wie mit der industriellen Produktion von Pflanzenwirkstoffen. Allerdings nur, wenn es internationale Regelungen zu Umweltschutz bzw. zur Vermarktung genetischer Ressourcen gibt.
Bis dahin scheint es jedoch noch ein weiter Weg. Denn bei den laufenden Verhandlungen prallen höchst unterschiedliche Interessen aufeinander. Neben einer (brüchigen) Front zwischen den Megadiverse Countries (17 Länder, die die höchste Biodiversität aufweisen) und den Industriestaaten tun sich auch Konflikte mit und zwischen NGOs, indigenen Bewegungen und Unternehmerverbänden auf. So vielseitig die beteiligten Parteien, so mannigfaltig auch die Konflikt- und Kritikpunkte.
Biopiraten
Die Position der Industrieländer ist relativ eindeutig. Sie wollen insbesondere die Staaten des Südens, die aufgrund geringerer Zerstörungsprozesse einen höheren Artenreichtum aufweisen, dazu verpflichten, diesen auch zu erhalten. Und sie wollen freien Zugang zu den dort vorhandenen "grünen Ressourcen" wie Heilpflanzen oder seltenen Genusspflanzen. Die südlichen Staaten, insbesondere die 17 Megadiverse Countries (darunter Brasilien, China, Indonesien und Venezuela), erheben dagegen vor allem zwei Einwände. Warum, fragen sie, sollen wir zum Wohl der gesamten Menschheit und auf Kosten unserer eigenen Entwicklung die Biodiversität der Welt erhalten? Grundbedingungen für einen verpflichtenden Schutz sind für sie daher Kompensationszahlungen. Eine entsprechende Abgeltung wollen die Länder auch für wirtschaftliche Verwertung von biologischen Ressourcen durch westliche Unternehmen. Neben finanzieller Beteiligung fordern sie dabei auch einen verpflichtenden Transfer von technischem Know-How, um zukünftig ihre Natur selbst in Wert setzen zu können.
Schlechte Erfahrungen mit westlichen Pharma- oder Saatgutkonzernen haben insbesondere indigene Bewegungen gemacht, die in Gebieten mit hoher Biodiversität wohnen. Unternehmen eignen sich genetisches Material oft ohne das Wissen oder gegen den Willen der Indigenen an, in manchen Fällen wie in Kolumbien sogar unter dem Schutz des Militärs. Dabei greifen sie auch auf das traditionelle Wissen der Indigenen über spezifische Wirkstoffe von Pflanzen zurück, ohne selbige an der kommerziellen Ausschlachtung dieses Wissens finanziell zu beteiligen. Mehr noch: Nach erfolgreicher Patentierung haben Indigene in manchen Fällen sogar das Recht an der Nutzung und dem Verkauf dieser Pflanzen verloren. Die Aktivitäten dieser Unternehmen wird deshalb häufig als Biopiraterie bezeichnet.
Der Wert der Natur
Insbesondere von Seiten der indigenen Bewegungen und einiger NGOs wird das widersprüchliche Agieren westlicher Staaten in Fragen der Biodiversität angeprangert. Während sich viele dieser Staaten für die Verbreitung von gentechnisch manipuliertem Saatgut einsetzen, die unweigerlich eine Reduktion der Artenvielfalt zur Folge hat, versuchen sie gleichzeitig, Länder des Südens zum Erhalt der Biodiversität zu verpflichten. Beide Maßnahmen - Verbreitung von Genpflanzen und Etablierung von strikten Schutzgebieten - gefährden dabei oftmals die Existenzbedingungen von indigenen Gruppen, gleichzeitig dienen sie westlichen Unternehmen zur Profitlukrierung.
Hinter der Kritik an dieser Vorgehensweise stehen jedoch auch prinzipielle Fragen: Ist Geld ein geeigneter und hinreichender Maßstab, um den Wert von Natur zu messen? Kann man traditionelles Wissen um Pflanzenwirkstoffe, das sich über Generationen wenn nicht Jahrhunderte gebildet hat und einen öffentlichen Charakter besitzt, patentieren? Dient die Privatisierung von Natur dem Wohl der gesamten Menschheit, dem sich die CBD als oberste Priorität verschrieben hat?
Diesen Fragen bietet die Konferenz zur Artenvielfalt in Bonn keinen Raum. Stattdessen dürfen Firmen wie Volkswagen, Axel Springer und TUI als Partner des deutschen Umweltministers präsentieren, welchen Beitrag sie für den Erhalt der Biodiversität leisten werden. Ob das Wohl der Menschheit damit in guten Händen liegt, wird sich wohl erst nach dem Ende der Konferenz kommenden Sonntag weisen.