Lesestoff: 'Doktor Paranoiski' & 'Heute könnte ein glücklicher Tag sein'
Ab in den Wienerwald
Stell dir vor, dich kotzt dein Alltag, deine Umgebung, dein sinnentleertes Leben einfach nur mehr an. Gar nicht so schwer, oder? Was nun tun, wenn du zum Selbstmord zu feig bist, oder darauf einfach keine Lust hast? Dr. Salzer hat eine Lösung: Man entwende eine Leiche aus dem Leichenschauhaus, täusche mit deren Hilfe seinen Brandtod in der eigenen Wohnung vor und dann: nichts wie weg. In Dr. Salzers Fall heißt das: ab in der Wienerwald. Dort will er ab nun sein Leben fristen, fern ab von den ihm verhassten Menschen. "Ich friere plötzlich. Unversehens bin ich mitten im Wald. In meinem kleinen Rucksack scheppert ein Taschenmesser gegen die Thermoskanne. Eine zweite Geburt hat den Nachteil, daß man sich fragen kann, wie gut man auf das vorbereitet ist, was danach kommt."
Doch so leicht ist das alles nicht. Woher Essen bekommen außer den paar spärlichen Beeren und dem Abfall aus Mülleimern, die einen wieder an den Rand der Zivilisation zwingen. Dr. Salzer ist dem Ende nah und wird schließlich noch von einem Förster brutal zusammengeschlagen. Doch da kommt Hilfe von unerwarteter, weil unbekannter Seite: Dr. Salzer lebt nämlich nicht allein im Wald. Der Wienerwald wird von einer Armee beherrscht. Der Armee der Unsterblichen. "Wir sind eine Kampfeinheit, die für das offizielle Österreich nicht existiert. Wir operieren seit etwa fünf Jahren", wird Dr. Salzer von Wachtmeister Leu aufgeklärt.
Die Armee setzt sich aus den unterschiedlichsten Menschen zusammen, die alle mit ihrem alten Leben abgeschlossen haben: Lehrern, Ökos, Trotzkisten und Nazis. Und auch ihre Beweggründe sind höchst unterschiedlich: Musik etwa ist im Wald auf einem LSD-Trip hängengeblieben und so zu den Unsterblichen gestoßen. Die Armee verfolgt drei Ziele: 1. Die Auflösung der Staaten. 2. Die Abschaffung des Geldes. 3. Die Bewaldung der Städte. Die Armee der Unsterblichen, zerstritten wie der Olymp, bereitet sich auf den Tag X vor.
Dr. Paranoiski - so der Kampfname Dr. Salzers - nimmt bald eine bedeutende Position innerhalb der Armee ein. Die versucht durch Störaktionen wie die Sperrung von Autobahnen den österreichischen Staat zu destabilisieren. In diesem hat sich inzwischen auch einiges geändert "Die Nationalen sind aus der Regierung gebrochen, die Christkonservativen regieren allein, in der Minderheit" und ziemlich autoritär. Bei Protesten gegen das Ökonomieforum in Salzburg greift die Polizei hart durch. Das hat auch die Armee der Unsterblichen vor. Sie hat einen spektakulären Plan ausgeheckt, die österreichische Regierung zu stürzen und die Welt in ihrem Sinn umzugestalten. Ausführen soll diesen Plan Doktor Paranowski.
Doktor Paranoiski von Ernst Molden (Deuticke-Verlag) ist eines der zynischsten und unterhaltsamsten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Die unglaubliche Handlung des Buches wird auch sprachlich perfekt umgesetzt.
Das bedeutet: kurzweiliges, spannendes und lustiges Lesevergnügen, das durch Anspielungen zur politischen Situation in Österreich noch an Unterhaltungswert gewinnt. Also: Lesen und dann ab in den Wienerwald. Man sieht sich dort!
Ernst Molden
Heute könnte ein glücklicher Tag sein
meint Xaver Bayer, Autor des gleichnamigen Buches. Auch dessen Protagonist, Germanistikstudent in den letzten Zügen, weiß mit seinem Leben nicht wirklich etwas anzufangen. Doch statt in den Wienerwald zieht es ihn durch die Stadt, auf Parties, in Cafés, zu Alkohol, Joints und Koks. Für mich ja die unsympatischere Art, dem Leben zu entfliehen, wenn auch in unserer Gesellschaft die weitaus gebräuchlichere. Im Leben des Erzählers passiert eigentlich nichts wirklich Interessantes. Und genau darum dreht sich das Buch: Die Unmöglichkeit, aus diesem Trott auszubrechen, zum Teil aus Faulheit, zum Teil aus dem Gefallen Finden an der eigenen Trostlosigkeit.
Ich muß innerlich über meine Ziel- und Planlosigkeit lachen. Es kommt mir auf einmal so absurd vor, daß ich nie weiß, was ich tun soll. Sogar das Ins-Kaffeehaus-Gehen ist dann nur so eine Art Notlösung, ein instinktives Ausweichen. Ich gehe einfach irgendwo hin, wo ich eigentlich nicht sein will, bestelle mir etwas zu trinken, worauf ich keine Lust habe, rauche eine Zigarette, obwohl mir nicht danach ist, und ich habe keine Ahnung, wie ich dem vorausgedachten Ablauf entgehen kann. Die anderen Leute auf der Straße, so kommt es mir vor, haben immer irgend etwas Bestimmtes zu tun. Alles, was sie tun, geschieht mit einer Absicht, einem Plan. Manchmal bekomme ich tatsächlich ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Leute so sehe, die alle wissen, was zu geschehen hat und wo es langgeht.
Nur allzuoft habe ich mich in den Zeilen des Buches selbst wiedergefunden.
Manchmal war es beim Lesen schon fast erschreckend, welch ähnlich absurde Gedanken und Gefühle Menschen haben können. Auch folgendes Zitat könnte wohl in meinem Tagebuch stehen (wenn ich eines hätte):
Das ist oft so bei mir, selbst wenn ich glücklich bin, habe ich oft die absurdesten Gedanken und den Wunsch das Glück zu zerstören. Ich liege zum Beispiel neben einer Frau und bin unblaublich glücklich, aber irgend etwas in mir stäubt sich gegen das Glück, und dann stelle ich mir vor, wie ich etwas Verletzendes zu ihr sage, etwas, das sie in keiner Weise erwartet. Oder jemand ist wirklich nett zu mir, und während ich mich noch mit ihm unterhalte, male ich mir aus, wie es wäre, ihm ins Geschicht zu schlagen. Ich halte einfach keine Idylle aus, glaube ich.
Xavier Bayer schreibt eine Geschichte, wie sie Tausende junge Menschen in Österreich täglich erleben. Behaupte ich jetzt einmal. Und das macht er nicht mal so schlecht. Eines ist mir nach der Lektüre von Heute könnte ein glücklicher Tag sein jedenfalls bewusst geworden: So möchte ich eigentlich nicht (weiter)leben. Diese lethargische, gleichgültige Grundstimmung, dieses Nichts-Verändern-Können, weil Nichts-Verändern-Wollen nervt extrem! Wenn ich nicht ganz falsch liege, spielt das Buch in der Zeit, in der in Österreich die blau-schwarze Regierung an die Macht kam. Kein Wort darüber. Nichts, aber gar nichts gibt es an den herrschenden Umständen wo auch immer zu kritisieren, zu bekämpfen, zu diskutieren. Das Leben spielt sich woanders ab, zwischen zwei benebelten Partyaffairen und Selbstbemitleidungen beim Nachmittagskaffee. Doch auch damit spiegelt das Buch wohl nur die Realität der meisten Menschen wieder. Und bevor ich jetzt zu sehr ins Schimpfen und belehren komme, höre ich besser auf.
Xaver Bayer
Heute könnte ein glücklicher Tag sein von Xaver Bayer ist im Jung Und Jung Verlag erschienen. Nicht zu empfehlen für Leute, die gerade in einer sogenannten Lebenskrise stecken. Oder vielleicht gerade für die.