fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Graz | 13.1.2006 | 16:37 
Ex-Nomadin, nun fix eingenistet in Graz. Von dort aus kulturell und subjektiv.

Gollackner, Hedi, Schoenswetter

 
 
Totstellen als Lebensmotto.
  Ein Tipp, wie man besser einschläft: Man stelle sich vor, man spiele eine Leiche in einem Film, die Kamera sei immerzu auf einen gerichtet und man dürfe sich laaange nicht rühren.
Eine Schlüsselszene im Film "The Girl in the Cafe", der die Serie "Spacemovie" im Space04 (daher der Name) im Grazer Kunsthaus eröffnete. Die beiden Organisatoren Reini Urban und Albert Gramer haben sich enthusiastisch ins Zeug gelegt, dem nach niveauvollem Programmkino hungrigen Grazer Publikum etwas zu bieten. Bei der genauen Filmzahl - 24? im Laufe des Jahres - waren sie sich noch nicht ganz einig, aber was ist schon Quantität?
 
 
 
Die besten Filme der letzten Jahre.
  Schließlich handelt es sich um Gustostückerln der letzten Jahre, die in Österreich entweder kaum oder überhaupt nicht gezeigt wurden. Die Veranstalter bezeichnen sich als absolute Cineasten und haben sich zum Ziel gesetzt, zu Unrecht nicht wahrgenommene Filme aus z.B. Israel, Korea, Japan, USA, Argentinien etc. in Originalfassung (beziehungsweise die nicht aus England oder USA stammenden mit englischen Untertiteln) zu präsentieren und ein wenig zu promoten. Ein besserer Begriff als "Spacemovie" wäre wohl der zweite Titel "Charisma-Kino".
 
 
 
"The Girl in the Cafe"
  "The Girl in the Cafe" (GB 2005) überzeugte auf Anhieb und zog die ZuschauerInnen mit seinen ruhigen ästhetischen Bildern und der gelungenen inhaltlichen Verknüpfung von Liebes- und politischem Thema in seinen Bann. Zwar handelt die Story ein paar alte Klischees wie "ältlicher Mann und junges Mädchen" ab, bleibt aber dennoch jenseits des gewöhnlich vorgesetzten Schabloneneinheitsbreies.

Der Mann und das Mädchen kommen im Cafe zufällig ins Gespräch und treffen sich wieder und wieder - um zu reden. Dazwischen bleibt die Kamera bei ihm, Lawrence, seinen Unsicherheiten, Verknöcherungen, Einsamkeiten zwischen zermürbenden Arbeitskonferenzen mit dem englischen Finanzminister, mit dem er den G-8 Gipfel für Reykjavik 2005 (eine Verfremdung: in Wirklichkeit hat dieser bekanntlich in Edinburgh stattgefunden) vorbereitet und seiner leeren Wohnung. Bill Nighy spielt überragend. Die Frau, Gina, - eine eindrucksvolle Kelly Macdonald mit süßem schottischen Akzent - bleibt mysteriös im Dunkel.

 
 
Vom Lockern des obersten Knopfes..
  Still die Bilder. Verharren lange auf wesentlichen Details, wie die schüchtern Seite an Seite liegenden und sich nicht berührenden Hände der beiden nebeneinander sitzenden HauptdarstellerInnen. Verfolgen das innere Ringen des durch die Konzentration auf die Arbeit unfähig für Zwischenmenschliches gewordenen Protagonisten. Auf dem Weg zum Treffen mit ihr nimmt er zögerlich die festgezogene Krawatte ab, um sie beim Eintreten ins Cafe erst recht wieder zu tragen. Beim ersten gemeinsamen Hotelzimmer-Beisammensein öffnet er mit sichtlicher innerer Überwindung den obersten Knopf des gebügelten Pygamas. Eine Befreiung für einen grau und starr-resignativ gewordenen Bürokraten, der nachts träumt, die Rolling Stones - his generation - würden ihn fragen, ob er in ihrer Band spielen will.

 
 
.. bis zu etwas Mut ..
  In einem Anfall von Mut lädt Lawrence Gina ein, mit ihm zum G-8-Gipfel nach Reykjavik zu kommen und sie sagt zu. Beide sind immer noch in Schüchternheiten gefangen. Parallel zu den tragisch-komischen Szenen und Peinlichkeiten, wer von beiden das Sofa und wer das Bett zum Schlafen nehmen soll und den Beurteilungen der Situation durch seine Arbeitskollegen (welche selbstverständlich mit Ehefrauen anreisen, interessanterweise ist die einzige Frau im Team allein), gibt es sprenkselartige und mit ironischen Spitzen versehene Einblicke in die langwierigen Konferenzen.

Lawrence erzählt dem Mädchen, was er sich selbst nie zu sagen wagt: Worum es in den Verhandlungen geht und worum es eigentlich gehen müsste. Die acht wichtigen Männer samt ihrem Gefolge diskutieren um eigene witschaftliche Vorteile und nationale Themen, hätten es aber in ihrer Hand, endlich einen Beginn zu setzen, um den Hunger auf der Welt langfristig zu bekämpfen.
Gina sorgt beim abschließenden Dinner mit dem Premierminister für einen plötzlichen Eklat, als sie nach dem peinlichen Geplänkel des Premierministers ("Ich hoffe, meine Rede ist genau so lang, dass das Souflee nicht zusammenfällt") lautstark den Anwesenden das üppige Essen vermiest: "Wieviele Kinder sterben in Afrika, während wir hier essen? Alle drei Sekunden stirbt ein Kind. (schnippt mit den Fingern) Und wieder eines. (schnipp) Und wieder eines. Und noch eines."

 
 
 
 
.. und Zivilcourage.
  Die bisher recht real verknüpften Handlungsstränge nehmen eine ins Märchenhafte gehende Wendung. Was wäre, wenn ein normaler Mensch die Möglichkeit und in der richtigen Situation auch das Rückgrat hätte, die große Politik zu beschämen? Und würde dieser Mensch irgendetwas bewirken können?

Gina wird vom Dinner und vom Hotel entfernt. Aufwühlend die Szene, wo Lawrence einmal aus sich herausfährt und nach ihrem Abflug den Maschendrahtzaun mit "Fuck you" beschimpft. Danach ist alles beim Alten. Oder doch nicht? Die englische Delegation beschließt doch das Armutsthema vordringlich zu behandeln und zu einem gemeinsamen Beschluss zu drängen. Der Schluss bleibt offen, mit einer leichten Tendenz zum Positiven, einer Einigung, hin. Die acht mächtigsten Männer der Welt treten vor die Kamera. Der Film blendet aus.

Und bleibt mit seinen Bildern und zwischenmenschlichen wie auch politischen Fragen eindringlich haften. Löscht jede Erinnerung an andere zuletzt gesehene Filme, einschließlich "Matchpoint" aus.
 
 
 
Totstellen.
  Der letzte G8-Gipfel ist einige Monate her. 2006 wird das Treffen der großen Acht in St. Petersburg stattfinden. Werden weitergehende produktive Schritte für die Ärmsten der Welt getan werden oder stellt man sich in ewiglangen Sitzungen ohne Ergebnis gegenseitig tot?
Der Film ist aus. Fortsetzung folgt.

Spacemovie, eine Veranstaltungsreihe des Kunsthaus Graz in Kooperation mit Radio Helsinki, jeden 2. und 4. Montag im Space04. Eintritt: 5,--
ACHTUNG geänderte Zeiten: Abendkassa ab 19h, Beginn: 19.30 h. Freie Platzwahl.
 
fm4 links
  Weitere Infos:

spacemovie.mur.at

The Girl in the Cafe

Wikipedia-Eintrag zu G8

www.whiteband.org/NewsListingG8/

www.armutszeugnis.at

www.nadir.org/nadir/initiativ/agp/g82006/index_de.htm
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick