In den letzten Monaten ist er mir nächtens beim Fernsehschlafen vier Mal untergekommen. Er saß in sehr unterschiedlichen Diskussionsrunden mit vielen heftig gestikulierenden und die Mundwinkeln herabziehenden Wirtschaftsmenschen und PolitikerInnen. Er fiel mir auf, weil er - so heftig die Lautstärke auch wurde und so unkontrolliert sich die KontrahentInnen auch ins Wort fielen - die Ruhe selbst blieb. Der Mann wirkte nicht wie von dieser Welt. Irgendwie erinnerten mich all diese Diskussionsrunden an eine Teestunde mit Alice im Wunderland.
Warum, fragte ich mich, löst jemand so einen heftigen verbalen Schlagabtausch aus? Warum winden sich selbst ModeratorInnen, um seine Argumente zu entkräftigen? Einer beendete gar die Gesprächsrunde mit den Worten: "Kein Mensch versteht, von was Sie hier sprechen, Herr Werner!"
Utopie
Was hat Götz W. Werner verbrochen? Er, ein reicher Unternehmer, Gründer und Geschäftsführer der Drogeriemarktkette dm, setzt sich breitenwirksam medial für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland ein. Das klingt erst mal verdächtig. Auf jeden Fall utopisch.
Werner hat einen Traum. Er geht von dem Grundgedanken aus, dass jeder Bürger/jede Bürgerin einen gesetzlichen Anspruch auf eine bedingungslose monetäre Grundversorgung durch den Staat haben soll. Der dahinterstehende revolutionäre Gedanke ist die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen.
Hysterie
Noch bevor das hochkomplexe Thema, das als prozessuales Modell gedacht ist, um die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Situation langfristig zu verändern, gemeinsam durchdacht werden kann, treten die GegnerInnen lautstark auf den Plan.
Sie meinen u.a.: Wenn die Menschen nicht arbeiten müssten, um zu leben, würden sie in der sozialen Hängematte liegen und es sich nur gutgehen lassen.
Wer würde dann die Arbeit machen, die keiner tun will? Dieses neue Hirngespinst lenke nur davon ab, dass man das Bestehende verbessern müsste: Arbeitsplätze gehören geschaffen. Leistung muss wieder mehr zählen. Und außerdem: Warum sollen auch die Reichen, die das gar nicht brauchen, vom Staat etwas bekommen?
Und würde das nur die Verantwortung und die finanzielle Last von den ArbeitgeberInnen auf den Staat umverteilen?Das sei nicht bezahlbar.
Und überhaupt das klinge alles verdammt nach Kommunismus.
Philosophie
Götz W. Werner hält dem in seinem Buch "Einkommen für alle" ein anderes anthroposophisches Menschenbild, eine neue aber uralte gesellschaftliche Idee entgegen. Er geht davon aus, dass die Menschen, auch die diffamierten "Sozialschmarotzer", wenn sie nur einmal vom Existenzdruck und den Sorgen ums tägliche Brot befreit wären, sich gerne und vor allem kreativ mit Arbeit beschäftigen würden. Neue Arbeitsformen und Möglichkeiten würden entstehen. Keine/r müsste sich mehr fragen, ob er/sie sich eine Waschmaschine leisten könne oder einen Zahnarztbesuch. Die meisten würden wieder einen Sinn in ihrem Leben sehen, sie wären frei sich weiterzubilden und neu zu erfinden. Jene, die das nicht wollten, würden es ohnehin nie tun, in keinem System.
Werner geht davon aus, dass jeder Mensch gleich ist, egal wo, wann und wohin er/sie geboren wurde und dass er/sie ein Recht auf Existenzsicherheit und Gesundheit hat. Das mag für manche heutige Ohren gutmenschlich klingen, ist aber tatsächlich ein Menschenrecht.
Bürokratie
Der Unternehmer schreibt von der Lüge der Arbeitsplatzbeschaffung und der Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Eine "Sockelarbeitslosigkeit" hätte sich in den letzten Jahren stillschweigend etabliert und sei im Zuge der industriellen Revolution, die bis heute andauert, nicht nur normal geworden, sondern würde auch von den meisten ExpertInnen in Kauf genommen. Bei den neu zu schaffenden Arbeitsplätzen in allen Diskussionen handle es sich um "alte Arbeit", fremdbestimmte Jobs, die über die körperliche Arbeitskraft definiert würden, solche die längst nicht mehr aus dem Boden zu stampfen seien, weil sie seit Jahren durch die Verbesserungen der Technologie verschwinden bzw. in globalisierten Zeiten, begünstigt durch die "Austauschbarkeit" der arbeitenden Hände, in Billiglohnländer abwandern.
Sehr wenig werde jedoch bezeichneterweise in Bildung und Weiterbildung investiert, um neue, kreative und auch geistige Arbeitsformen zu ermöglichen. Gesellschaften mit gesättigten Volkswirtschaften würden nur die Auswirkungen beklagen, aber die Chancen des "Wandels der Arbeit" nicht erkennen.
Der Mythos "Arbeitsmarkt" wird genau zerpflückt, ein Mythos, der ständig aufrechterhalten wird, um den Menschen die Botschaft mitzuteilen, sie können daran teilhaben, wenn sie nur gut genug, fleißig genug und willig genug seien. Ein tatsächlicher Markt aber würde die freie Entscheidung bieten, daran zu partizipieren oder nicht. Ein "Markt" ist das derzeitige Arbeitsplatz- und Arbeitsvermittlungssystem keinesfalls, das durch vielfältige Zwänge und Repressionen bis zur Existenzvernichtung bei Überschreitungen von Zuverdienstgrenzen und dergleichen geht. Es gibt kein Recht auf Arbeit, sondern es herrscht Zwang zur Arbeit. Werner spricht in diesem Zusammenhang von Harz IV als "offenen Strafvollzug".
Maschinerie
Das Grundeinkommen soll kein Ersatz für Arbeit sein, sondern eine staatliche Sockelleistung, zu der jede/r ohne Beschränkungen und ohne Nachschnüffelei verdienen kann. Das wäre für viele und immer mehr Betroffene, die unter der Armutsgrenze leben müssen, vor allem für jene große Zahl von Menschen, die aus verschiedensten Gründen nicht erwerbstätig sind/sein können (Götz W. Werner spricht davon, dass zwei Drittel heute bereits nicht erwerbstätig im traditionellen Sinne, aber sehr wohl produktiv und nützlich für die Gesellschaft sind), eine große Befreiung.
Selbstverständlich müsste das wirtschaftliche System komplett umgebaut werden, beginnend mit einer Neudefinition von Arbeit. Es sollte dabei allerdings verhindert werden, dass im Laufe der Zeit nicht ein kurzfristiges, kaum durchdachtes und abgespecktes Bürgergeld ohne begleitende abfedernde Maßnahmen daraus entsteht, das zum Leben zu wenig bietet, aber die heutigen sozialen Leistungen ersetzten soll. (Es wäre nicht das erste Mal, das gute Ideen in der praktischen Umsetzung schlecht aussehen.) Auch muss darauf geachtet werden, dass die Unternehmen nicht ganz aus den Verantwortungen für ArbeitnehmerInnen entlassen werden und das Lohndumping nicht weiter voranschreitet.
Fantasie
Es gäbe genug zu tun, zu verbessern und neu zu strukturieren, um die sogenannte "Arbeitswelt" menschenwürdiger und lebbarer zu machen. So müsste nach Götz W. Werner z.B. Arbeit, die niemand tun möchte, entweder so gut bezahlt werden, dass sich jemand findet, oder total automatisiert werden.
Ein Grundeinkommen müsste, damit es irgendwann in der Zukunft funktioniert, allgemein, existenzsichernd, personenbezogen, arbeitsunabhängig, leistungsfreundlich und egalitär sein. Natürlich wird dies lange dauern, sollte es dieser Idee tatsächlich einmal erlaubt werden, mainstreamtauglich zu werden. Und es bedarf kluger und humanistisch denkender Menschen.
Das klingt für eine gelernte Realistin und Skeptikerin ihrer Zeit sehr utopisch, aber auch gleichzeitig für die Romantikerin, die nicht aufgeben möchte, wunderschön und erstrebenswert. Ich will daran glauben. Ich habe einen Traum. Warum also nicht dem weißen Kaninchen folgen?
Buchtipp:
Götz W. Werner: Einkommen für alle.
Kiepenheuer & Witsch, März 2007.
FM4 Reality Check
Jill Zobel hat mit dem internationalen Grundeinkommens-Vordenker Philippe van Parijs gesprochen - "Basic Income: Support and Resistance in Europe and beyond" ist der Titel seines Vortrags, den er heute (Freitag) ab 17.00 am Philo Institut der Uni Wien hält. Zu hören heute, Freitag, zwischen 12 und 14 Uhr im FM4 Reality Check.