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Wien | 27.12.2002 | 16:30 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
rewind.2002<<macht ja nichts.
  Keine Helden. Keine Sprache. Keine Waffe. Keine Themenführerschaft. Macht eigentlich ja auch nichts. Schadet nur enorm.
 
 
 
  Worte & Beatz

Oft macht es gar nichts. Wenn neue Sounds, wie vor Jahrzehnten HipHop oder House oder vor Jahren Drum'n'Bass allein durch die rohe Kraft des Neuen revolutionieren, dann erfolgt der Diskurs automatisch. Denn Neues oder Neuerer haben es so an sich, dass sie sich auch anderen, tendenziell aufrüttelnden Ideologien verschrieben haben und somit eine Debatte voranbringen.
 
 
 
  NYC Cops

Oft macht es also gar nichts. Manchmal ist es auch nicht wichtig, wenn sich sehr klassische, vormals mit dem Stempel "Jugendrevolte-olé" versehene Spielarten wie der Rock'n'Roll, Metal oder Punk, aber auch Hiphop um gar nichts kümmern als z.B. den Geschlechtstrieb oder ähnlich Grundlegendes.
Denn allein der Duktus, allein die Pose, mit der dieses abgeführt werden kann, sagt: "Leg dich nicht mit uns an. Wenn du uns blöd kommst, können wir jederzeit die scharfe Zunge einlegen und dich in Grund und Boden ballern, mit der schlimmsten Waffe, die die Popmusik hat." Der Sprache. Denn die ist mächtiger als das Schwert. Das wissen wir ja.
 
 
 
  Wir sind Helden

Oft macht es also gar nichts. Kritisch wird es nur in folgendem Fall: Wenn das Eine in der Krise steckt, die fast schon dotcom-mäßige Ausmasse erreicht hat. Wenn also die avancierte Tanzbodenmusik um ihre ökonomischen Grundlagen raufen muss und sich erst in zweiter oder gar dritter Linie ums eigentliche, ums "kreative nach vorne stoßen", kümmern kann. Und wenn das andere, der klassische Bereich, derart fettgefressen in den Seilen hängt, dass er die inhaltliche Verantwortung auf die Jüngsten abschiebt, die dann damit - wie heuer die sogenannten "the"-Bands - natürlich nicht fertigwerden, nicht fertigwerden können.
 
 
 
  kaklakariada

Eigentlich macht das alles ja überhaupt nichts. Denn der Rückfall in die inhaltliche Bedeutungslosigkeit, dieses Abgeben einer sowieso in den letzten Jahren nur mehr als Phantom hochgehaltenen, inexistenten Themenführerschaft hat auch eine wunderbare Konsequenz: im Kleinen, in autonomen Zellen weltweit wird gemurrt und an Neuem gebastelt, das dann ein paar Jahre später als hoch-interessante Eiterbeule in die Atmosphäre explodiert. So ist es auch heuer passiert: allerorten Gutes, Schönes und auch Wichtiges in einzelnen Bereichen und Genres und Sub-Genres.
Nur das Crossover ins große Feld der allgemein beachteten Popmusik ist nicht und niemandem gelungen. Nichts, worauf sich mehr als ein Tribe, ein Stamm einigen könnte. Weil nichts und niemand soviel zu sagen, zu geben hatte, dass er oder sie mehr als die schon Bekehrten ansprechen konnte.
 
 
 
  Disposable Teens

Das ist nun eigentlich ja nicht so wichtig. Könnte man meinen. Aber die bislang zumindest in manchen ängstlichen Köpfen vorhandene Meinung über das umstürzlerische Jugendkultur-Potential der Popmusik wird durch allzuviel und allzulanges Nichtssagen bedrängt, angenagt, bedroht. Denn die, die die Musik besitzen, beherrschen und kontrollieren, verdienen zwar viel Geld damit, aber sie haben auch Angst vor ihr, weil sie wissen, dass hier eine scharfe Waffe lauert. Marilyn Manson z.B. hat diese Macht angedeutet: als er in "Bowling for Columbine" auf die Frage was er, mit Fans, Kids konfrontiert, ihnen denn für eine Botschaft mitgeben würde, folgendes antwortete: Keine. Ich würde ihnen zuhören.
 
 
 
  Revolution

Eigentlich macht es auch deswegen nichts, weil die, die sich sehr vordergründig mit politischen Themen beschäftigen, hier bloß wie ein verirrter Squashball im tumben Eck zwischen naiver Dummheit und gefährlich-reaktionärem Esoterik-Müll herumzappeln.
In nichtssagenden Jahren wie diesen wird den Machthabern eine Spur klarer, dass diese Waffe Pop ein Papiertiger ist. Und das ist nicht gut. Pop hat die Themenführerschaft wie gesagt längst verloren; ist im allgemeinen USA-Bush-war against terror-Metaklima abgesoffen, hat sich als willfähriges Vehikel á la Hollywood erwiesen. Bezeichnend, dass der einzige "Rebell" mit einer halbwegs hinterfotzigen Idee dazu ausgerechnet Eminem war. Die guten Menschen unter der Führung von Thom Yorke oder Moby können maximal als Heilsarmee punkten. Und: mit welcher Schauspielerin fickt Anthony Kiedis derzeit?
 
 
 
  By the Way

Eigentlich macht das alles ja überhaupt nichts, weil es ja genug andere Künste gibt, die sich auseinandersetzen. Mir fällt jetzt zwar kein auf der Hand liegendes Beispiel ein, aber es wird schon so sein, oder?
Schade nur, dass Pop die Macht, die er hat, sukzessive aus den Händen gleiten lässt, dass Pop sich bald nur noch als fleischgewordene kuhäugige Halle Berry an der Seite eines dominanten Herrn bewegen wird, der die Topics vorgibt.
 
 
 
  Wire

Und komisch, dass mir das alles bei einem Konzert von vier alten Deppen aufgefallen ist, von denen ich zumindest einen schon für tot gehalten habe. Und komisch, dass Wire, die wiederauferstandenen Art-Punks, das beste Konzert des Jahres gespielt haben: hart, brutal gegen sich selbst, direkt, tanzbar, politisch bösartig und to the point. Es geht also. Oder muss man, um das zustande zu bringen, schon einmal eine Revolution geführt und verloren haben? Verschwendet eure Jugend.

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