Warum Willy Resetarits 2003 zum "Ostbahn"-Jahr ausgerufen hat. Und warum das auch für uns relevant ist.
Im Schutzhaus am Schafberg sitzen am Dreikönigsabend ein paar ältere Herren auf dem Podium, während im Saal ein ebenso leicht überwuzeltes Publikum Faschiertes mit Ei (den sogenannten Stefaniebraten) in sich reinschaufelt.
Die älteren Herren unter der offenkundigen Führung eines gewitzten Anführers und Sängers spielen auf akustischen Instrumenten wienerisch/österreichische Adaptionen von wunderbaren Folk/Rock/Soul/Country-Perlen. Und das ist großteils wirklich wunderbar, geht tief rein.
Willy Resetarits, nein, der Ostbahn-Kurti, nein, Kurt Ostbahn hat eingeladen, um zu essen, zu spielen und um bekannt zu geben, dass er mit 31.12.2003 in Pension gehen wird. Schluss, aus, vorbei.
Bis dahin wird, das ganze Jahr über noch einiges passieren.
Dazu gibt's eine Vorgeschichte. Die hat vor etwas über zwei Jahren auch in diesem Schutzhaus gespielt. Damals ist eine ähnliche Runde zusammengekommen, um einen Leichenschmaus zu zelebrieren, einen echten. Am selben Abend wurde Günther Brödl beerdigt.
Brödl, das erklärt der Resetarits-Willy anhand eines schönen Bildes, war die andere Hälfte des Ostbahn. Immer dann, wenn Brödl und Resetarits zusammentrafen, gab es dann eine chemische Reaktion und die Ostbahn-Figur entstand.
Brödl, Ex-Musicbox-Journalist, Buch- und Drehbuch-Autor und großer Kenner und Liebhaber amerikanischer Volks- und Rock-Musiken, schrieb und übersetzte (fast) alle Ostbahn-Texte und war der Chefideologe des Duos. Resetarits erfüllte die Figur mit Biografie und Leben, ein Leben prall wie eine Knackwurst im Maul eines Straßenköters.
Mit seinem (überaschendem Herz-)Tod war's dann schlagartig vorbei. Ein schon vor Brödls Tod fertiggestelltes Album kam heraus, einige schon gebuchte Konzerte wurden gespielt und ein paar Selbstläufer liefen eben.
Jetzt macht Resetarits den Schnitt. Und er ist notwendig. Der Ostbahn, eine von vielleicht maximal drei authentischen, relevanten und stilprägenden österreichischen Roots-Pop-Figuren, kann nicht vor sich hin siechen und sich selbst demontieren.
2003 kommen also drei bis vier Alben (inclusive Box-Set mit allen Outtakes & Raritäten), Konzerte mit der aktuellen Band, mit der legendären alten "Chefpartie", Lesungen, Krampus-Specials und womöglich sogar der langeplante "Who the fuck was Kurt Ostbahn"-Film.
Mein Verhältnis zum OBK war immer ein zwiespältiges.
Die kleinen Events, die akustischen Sessions, die dezenten Auftritte, die den Geist der Helden von Kurt/Willy/Günther, der großen alten Leidenden (siehe Hank Williams...) atmeten, die hab ich unendlich geschätzt.
Weil es hier auch gelungen ist Original-Americana in Original-Austriaca umzuwandeln, weil die übernommenen Geschichten sehr authentisches Klein- und Vorstadt-Leben definierten.
Die großen, überlaufenen Konzerte, die Ostbahn mit outrierender Band, die trotz hochelektrischer Verstärkung eher grobschlächtig herumgepinselt haben, anstatt zu MALEN, die haben mich immer ein bissl abgestoßen.
Aber natürlich haben genau diese vergröberten Darstellungen das Massenpublikum eingefangen, für das der Ostbahn eine Religion ist.
Und insofern erübrigt sich die alte Debatte: Solange man mit etwas populäreren Mitteln soviele Menschen wie möglich für das Gute einfängt (und der Ostbahn gehört UNBESTREITBAR zu den Guten) ist es okay.
Und dann sitzen da vier Herren im Schutzhaus auf der Bühne und spielen das Lied von den "57 Engeln", "die wos schaun auf mi", und ich stibitze noch ein Ei vom Stefanie-Braten des Nachbartellers, um mich kurz gegen den Gänsehaut-Effekt zu wehren.
Und ich denk mir, dass sich meine Hoffnung, dass sich der Ostbahn irgendwann als gesellschaftpolitisch relevante Figur (so in einer Art wie es "Attwenger" machen) manifestiert, nun nie aufgehen wird.
Und ich denk mir, dass er dafür als Türöffner für viele andere wichtige Dinge (ich denke nur ans Integrationshaus und seine anderen Initiativen) fungiert hat - die auch weiterhin dank der Integrations-Kraft funktionieren werden.
Und ich denk mir, dass diese Beendung eines Projekts wie jedes Ende auch ein Befreiungsschlag sein kann.
Und ich denk mir, dass die älteren Herren und vor allem der Resetarits, es sowieso nie sein lassen können werden: das auf-der-Bühne-sein und die herzvolle Interpretation von alten Weisheiten.