Ein kleiner Teil der heutigen Demonstration für den Frieden sein. Und warum mich andere Teile stören.
A tale of 500 cities
"Das Gute daran ist, zu wissen, dass genau dasselbe gerade eben auch in 500 anderen Städten auch passiert", sagt Ines und bringt es damit auf den Punkt.
Sie ist vorher hingefallen und quetscht beide Hände in einen Handschuh. Es ist kalt.
Aber es wärmt das zu wissen.
Die heute (Europa/Welt-weit) abgehaltenen Demonstrationen gegen den drohenden Irak-Krieg haben also Sinn.
Soviel Sinn, wie Demos eben haben können: Aufmerksamkeit erregen; ein Anliegen transportieren.
Trotzdem hat mich, wieder einmal, etwas gestört.
Ich bin kein großer Demo-Geher. Vielleicht hab ich mein diesbezügliches Potential bei den zahllosen Anti-Zwentendorf-Protestaktionen in meiner Jugend verbraucht. Schon bei Hainburg war ich froh, dass dann meine Schwester in die Au fuhr.
Mich hat zunehmend etwas gestört.
Die Stunde der Machtlosen
Bei Demos schlägt im Normalfall die Stunde des Machtlosen;
derer, die keine politische oder ökonomische Macht ausüben. (Demos in denen Politiker oder Witschaftsbosse mitgehen, haben etwas Ceausescu-mäßiges, sind lachhaft)
und derer, die auch keine Definitions-Macht ausüben.
Definitions-Macht kann jeder haben, der imstande ist eine Idee öffentlich zu machen. Theoretisch also jeder.
Praktisch ist das selten; in Österreich noch seltener.
Bei österreichischen Demos sind solche Menschen und Ideen kaum zu finden. Sie gehen im Vorfeld unter.
Es setzen sich nämlich die Volksfront von Judäa oder die Judäische Volksfront durch. Oder die Populäre Volksfront. Oder alle drei.
Die Volksfront von Judäa
Bei der heutigen Friedensdemo waren sie auch wieder: alle Spalter aus "The Life of Brian", dutzende Monty Python-Abziehbilder.
Eine kritische Jugend gegen Apartheid
Kurdische Öcalan-Befreier
Umwelt-Aktivisten mit "Rainbow Warrior"-Reden
SJ-Fahnenschwinger, die Deutsch-Punk-Bands (trotz der Unsichtbarkeit jeglicher Einsatzkräfte) "Bullenschweine!" singen lassen
Die Abgröhler der Internationale
Oder die Leute unter dem "Stop the war on drugs"-Transparent (Die Kiffer vom hanf-Shop hab ich nicht gesehen, aber ich wette sie waren da)...
Alle Volksfronten also.
Alle, die ihr eigenes Süpplein kochen und sich anlässlich einer klar ausgerichteten Aktion mit einem ganz anderen viel wichtigerem Thema wichtig machen wollten.
Exhibitionisten.
Trittbrettfahrer.
Trittbrettfahrer
Das ist es, was mich stört.
Dass die üblichen Verdächtigen, die Schwachen der Schwachen, glauben jede Gelegenheit ausnützen zu müssen, die ihnen Öffentlichkeit bringt.
Und dass sie glauben, wenn sie sich als geschlossener Block präsentieren, offen und sympatieheischend rüberkommen, anstatt zu erkennen, dass ihre Wirkung der der Volksfront von Judäa entspricht, der von verkniffenen dogmatischen Deppen.
Diese Präsentationen sind sinnlos.
Falsches Themen-Managment; hirnlose Herangehensweise.
Der Glaube, dass man immer alles mit allem verknüpfen muss, um alles zu gewinnen.
Natürlich hängt alles mit allem zusammen.
Die Kunst des Etwas-Weiterbringens, die Kunst der Ausübung von Definitions-Macht jedoch liegt im Aufdröseln, im Dekonstruieren.
Rechtfertigungs-Schleifen
Jemand, der wie die diversen Volksfronten immer alles nur gemein findet, immer nur Verschwörungs-Theorien anhängt, sich immer behindert und verfolgt fühlt, sich immer in einer Angsthasen-Haltung befindet, anstatt sich einen Bereich zueigen und zunutze zu machen, ihn an sich zu reißen, zu ändern und damit Gestaltungs- und Definitions-Macht zu bekommen, wird immer nur im eigenen Saft köcheln.
Er befindet sich in einer Rechtfertigungs-Schleife, dass jede Kritik am eigenen Verhalten ihn wieder bestätigt.
Self-fullfilling Propaganda. Vorurteils-Bestätigung.
Der Staat ist immer böse, die Amis immer im Unrecht, die Bullen immer Schweine.
Eine ganz primitive Schwarz-Weiß-Sicht also, die sich von der oft ebenso simpel-primitiven Sichtweise der Kritiserten gar nicht unterscheidet.
Deshalb fühle ich mich auf Demos unwohl.
Nicht wegen der Themen, sondern wegen der Ansammlung destruktiver Energie von absichtlich Machtlosen, von Menschen, die ihr Potential auf Definitionsmacht nicht nützen, sondern die uns allen innenwohnende Paranioa schüren.
Und im heutigen Fall hat's mich wieder einmal angestunken, dass zwar nur eine Minderheit der Mitmarschierer, aber natürlich der laute Teil, wieder genau so unterwegs war.
Ich habe gemacht, was ich bei solchen Gelegenheiten immer tu: Leute treffen, die ich länger nimmer gesehen habe.
Ines hat mir das Thema ihrer Diplomarbeit aueinandergesetzt, dann hat sie eine Freundin getroffen, die vorm Peek & Cloppenburg einen Stand gegen die drin verkauften Pelze hatte, und so halt.
Wir waren ein kleiner Teil eines weltweiten und notwendigen Statements.
Und wir sind ganz ohne Öcalan, Apartheid und die Internationale ausgekommen. Weil sie heute fehl am Platz waren.