Seit dem Ausbruch des Irak-Krieges vor einer Woche gibt es im FM4-Radio eine Spot-Aktion.
Sie heißt "All We Are Saying".
Dabei sagen 30 Stars, was sie von der Angelegenheit halten; und fordern Frieden.
Es handelt sich dabei um Leute des Kalibers Brian Molko, Tori Amos, Evan Dando, Damon Albarn, Jay Z, Moby, Tom Morello, Spike Lee, Ed Norton oder Mike D. von den Beastie Boys.
Es gibt 30 dieser Spots, und weil auch Radio nicht zufällig funktioniert, sondern eine durchgeplante Sache ist, werden diese Spots für die verschiedenen Sendungen mittels eines Einschalt-Plans verteilt.
Diese Planung ressortiert bei mir.
Als nun also die 30 Spots fertig waren, kam einer der FM4-Programmgestaltung, die sie gemacht hatten, zu mir und sagte: "Du, die Spots sind fertig. Und es gibt einen, da wollten wir dich fragen, ob wir den spielen sollen."
Die Nummer 21 nämlich. Kool Savas.
Ich hab, ohne eine Sekunde nachzudenken "Warum solln wir den nicht spielen?" gesagt und diesen Spot ganz normal eingeteilt.
Wer ist Kool Savas?
Die Vorgeschichte dazu ist folgende:
Der Berliner Mittelklasse-Rapper und Großbürger-Sohn Kool Savas, der gern seine türkische Herkunft vor sich herträgt, hat vor etwa zwei/drei Jahren versucht, den deutschsprachigen HipHop mit etwas aufzumischen, was er sich bei den "Luke Skywalker" und anderen US-Westcoast-Gangsta-Rappern halbgar abgeschaut hatte: mit radikalem homophoben und extrem frauenfeindlichen Raps.
Das stieß in den Proll-Randbereichen der deutschen HipHop-Hörerschaft, vor allem bei minderjährigen Nachwuchs-Gangster-Posern auf Gefallen und wurde von einigen reinen Unit-Zählern der Branche schon als neues tolles Ding gewittert.
Die extrem unkritischen deutschen HipHop-Medien sprangen schnell (wegen dem hohem Geilheits-Faktor) auf den Zug auf.
Die Szene selber grenzte sich lauwarm bis beinhart ab.
Und im Süden, da wo die familiären Strukturen à la Blumentopf oder Freundeskreis regierten, stieß der Provo-Mist auf Ablehnung bis Ignoranz. Detto in Austria.
Daran hatte die Haltung von FM4, die sich an Savas dümmlichen "Lutsch meinen Schwanz"-Fantasien nie eine Sekunde lang aufgeilen ließ, auch ihren Anteil.
Zudem war das Thema Homophobie schon ein Jahr davor in der Debatte über ein paar unbedachte Aussagen von Ferris MC, dem Mario Haas seiner Szene, stark diskutiert worden.
Man war also sensibilisiert und lehnte den im Vergleich zum unabsichtlich doofen Ferris durchaus absichtsvoll die Grenzen überschreitenden Savas ab.
Der Wickel kulminierte in einem dutzendfach hin- und her-verschobenen Konzert, das Savas in Wien oder Umgebung spielen wollte, und nach vier Ausladungen (u.a. aus dem Flex) dann in einem (zurecht) nicht mehr existierenden Klub in der Pampa spielen musste.
Die Rosa Antifa hatte Savas besiegt.
In Österreich hat sich sein Zeug außerhalb von kichernden Buben-Zirkeln nie durchgesetzt.
In dieser Sache habe ich (publizistisch, vor allem hier auf der fm4-homepage) durchaus an vorderster Front mitgemischt. Einer musste es ja machen.
Wer ist Savas nun?
Die alte Homebase von Savas, der Royalbunker, ist mittlerweile am Ende. Die alte Band von Savas prozessiert gegen ihn und untereinander. Und er selber hat sich zum streichelweichen MTV-tauglichen Kuschelbären gewandelt, der in Interviews langatmig darüber redet, warum er das ganze "Sex-Zeuchs" nicht mehr macht..
Mit anderen Worten: nachdem der Dreck nicht reingegangen ist, hat die Provo-Crew aufgegeben.
Die Savas-Jünger halten heute noch eine Art Dolchstoß-Legende hoch, und widersprechen sogar ihren damaligen Aussagen, dass das alles doch nur reflexiv und ironisch gemeint war.
Aber in Wahrheit interessiert das alles niemanden mehr.
Der deutsche HipHop hat damals eine wichtige Schlacht gewonnen: er hat sich der ernstgenommenen pseudo-provokatorischen Parodie auf amerikanische Zustände erwehrt.
Er hat es nicht zugelassen, dass seine Grundwerte, nämlich Respect und der Family-Unit-Charakter durch stupides Gedisse und kulturell fehlimportierte Flame-Wars unterminiert werden.
Und er hat sich auch gegen das rechtsextreme Klientel abgegrenzt, das von der nächsten Generation an Stimmungs-Auslotern schon angepeilt war: nach dem frauenverachtenden und dem homophoben HipHop stand nämlich schon der ausländerfeindliche Nazi-HipHop am Start.
In dieser historischen Schlacht hat damals das Gute gewonnen. Und Savas war auf der Seite der Verlierer.
Was der mittlerweile macht, entzieht sich meinem Primär-Interesse. Das neue Album soll brav sein, wie es einem überschätzten Weltergewichts-Rapper gebührt.
Immerhin hat ihm seine Plattenfirma einen Platz auf dem Deutschland-Release des RZA-Albums erkauft.
Vielleicht kommt von Savas ja auch noch etwas Beachtliches, mal sehen.
In jedem Fall sagt Savas im "All we are saying"-Spot Nr.21 folgendes:
"Meine Meinung zu diesem Krieg ist, dass ich das nicht befürworten kann. Ich denke, auch wenn das ein bisschen abgedroschen klingt: Gewalt erzeugt Gegengewalt und Hass erzeugt wieder Hass."
Das ist jetzt nichts Beachtliches, aber es ist okay.
Es ist richtig. Also kann man es spielen. Oder?
Post aus Graz
Am Dienstag hab ich ein Mail von einem mir unbekannten DJ aus Graz bekommen.
Nun ist HipHop aus Graz für die österreichische Szene so wichtig wie Österreich für den weltweiten HipHop.
HipHop in Graz hat das Problem, dass es die vielen Jakomini-Platz-Typen, also die harten Prolls, die sonst Itzn-Techno oder Kommerz hören, anbinden muss.
Deswegen ist der Output dort so mager und so schwächlich.
Der Mailer ist auch kein MC, sondern ein DJ, der in holpriger Sprache (DJs können ja selten reden...) folgendes zu melden hat:
"wie fühlt man sich wenn man zuerst leute boykottiert und ihnen dann in arsch kriecht sobald sie auf mtviva laufen??
ich glaub da gehört einmal ein track gemacht damit die leute das nicht vergessen wer ihn nicht haben wollte lieber martin"
Ich hab dann zurückgemailt, dass er diesen Track doch machen und schicken soll.
Es kam dann bloß ein laffes Instumental retour und andere kurze Mails, die außer allgemeiner Angeberei aber nichts enthielten.
Ich müsste eigentlich nicht anführen, was an dieser Rezeption alles nicht stimmt, aber weil die Mario Haas-Dichte in diesem Eck hoch ist, mach ich's sicherheitshalber:
1) Savas war und ist bei FM4 ein Randthema, mit oder ohne MTViva.
2) Ein richtiges Statement zu einer wichtigen Sache zu spielen ist keine Arschkriecherei, sondern eine freundliche Geste.
3) Die alte Geschichte rund um Savasens übelst frauen- und schwulenfeindliche Widerwärtigkeiten ist keineswegs vergessen, aber eben Vergangenheit.
Manchmal sind also auch die dümmsten Mails von sonstwo für etwas gut: dass man sich die Position, die man automatisch und selbstverständlich eingenommen hat, dann auch noch einmal durchüberlegt.
Ob aus Graz jetzt noch eine Replik in Form eines fulminanten textlich gelungenen Stücks kommt, das die ganze Sache historisch aufarbeitet, ihr einen neuen Dreh gibt und sprachlich fresh und funky daherkommt, das darf ich bezweifeln.
Ich glaube auch, dass es sich Graz gerade heuer verdient hat, endlich wegen WIRKLICH guter Sachen auf die HipHop-Landkarte Österreichs zu kommen und nicht wegen fader, vorgestriger, vorgeblicher Verteidungung von Verlierern (was für eine Alliteration...).