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Wien | 6.6.2003 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '03. sechsterjuni.
  We all live in a yellow submarine, yellow submarine, yellow submarine.
 
 
 
it's the Beatles...
 

Gestern Abend es da wieder einmal, eine wieder einmal ein wenig bessere, digital restaurierte, vielleicht sogar um eine Szene dickere Variante des wichtigsten Animationsfilms aller Zeiten, "Yellow Submarine" von George Dunning, Lee Minoff, Al Brodax, Jack Mendelsohn, Erich Segal, Lennon, McCartney, Harrison, Starr und Chefzeichner Heinz Edelmann, auf arte.

Und wieder leise Begeisterung, und vor allem Freude, dass hier etwas auch nach Jahren immer noch so wunderbar funktioniert, dass eine Geschichte nichts verloren hat, eine Bild-Ästhetik immer noch hält, und dass ein guter Schmäh immer noch ein guter Schmäh ist.

 
 
  Ich hab vor einiger Zeit einen 49 songs-Text über "Yellow Submarine" gemacht. Und weil ich keinen Sinn drin seh, eine schon erzählte Geschichte nochmal zu erzählen, lass ich euch den jetzt lesen - soviele werden's damals, am 11. Februar 2001, schon nicht im Zimmerservice gehört haben.

Yellow Submarine wird übrigens am Pfingst-Montag spätnachts wiederholt, auf arte, ab 1 Uhr 15.

 
 
49 songs/5
 
11-2-01

THE BEATLES
It's all too much


49songs-bumper

Die fünfte Geschichte hat mit Kindheit und Fantasie zu tun, mit Sozialisation und Pop-Sozialisation im besonderen, und ihre Player sind - außer dem Erzähler - sein Vater, ein Zeichner namens Heinz Edelmann, eine Band namens The Beatles und ein spezieller Film.

 
 
hey bulldog
  Unlängst stehen wir bei der Geburtstags-Party für den jugendlichen Herrn Functionist so rum, ein paar alte Deppen, Martin Pieper, Boris Jordan und andere und überlegen, was unser jeweils erster Film war.
Ich kann/konnte mich nimmer erinnern.
Früher, in meiner Kindheit ging man als Elternteil mit den Kids oft ins Kino, da lief an jedem Eck im Eckkino ein Tierfilm (sowas wie die Universum-Vorgänger) oder ein Kinderfilm wie Tschitti Tschitti Bäng Bäng, die Vorgänger des umfassendes TV-Nachmittag-Angebots.

Wenn ich das weglasse, ist meine erste Erinnerung das riesenhafte Portal des Apollo-Kino, vor dem 100 Leute standen und sich um Eintrittskarten für einen Charlton Heston-Blockbuster (wie Ben Hur oder Die 10 Gebote, ich weiß nimmer) prügelten.
Papa und ich, wir wohnten ja nur zweimal um die Ecke, waren auf gut Glück hergekommen, zogen angesichts des Auflaufs aber eine der späteren Vorstellungen vor.
Der erste Film aber, der Spuren hinterließ, war ein anderer.

 
 
yellow submarine
  Irgendwann '69 oder '70, ich war 9, sagt Papa, heute schauen wir uns einen Zeichentrickfilm an.
Damals gab es Super-Zeichentrick-Langfilme zb aus Italien, mit irren Stories und total ausgfreakten psychedelischen Gaga-Effekten, super für Kinder. Also: Freude.
Der Zeichentrick hieß Yellow Submarine und war von den Beatles.

Ich hatte von den Beatles gehört, weil sie irgendwie ein Thema waren in den Medien und bei uns zu Hause, weil es auch für den Papa, der immer die Tageszeitungen, den Spiegel, den Stern und anderes interessantes Papier nach Hause brachte, ein Thema war.

Papa, in den 50ern ein gnadenloses Tänzer und Clubgeher, kam eher vom Jazz, hatte aber die Rockmusik immer okay gefunden, zog sich aus allen Bereichen das Beste raus.
An den Beatles hatte er einen Narren gefressen. Nicht wegen der damals alles überstrahlenden 'Fluch oder Segen'-Debatte, ob sie jetzt Halbstarke, Gammler mit ungewaschenen Haaren wären, Haschbrüder oder sonstwas, diese Oberflächendebatte, die immer läuft und von der man (siehe Manson) bei einiger Cleverness heute noch profitieren kann, diese Trotteligkeiten interessierten den Papa nicht.

Papa war von den Beatles angetan, von ihrer Rebellion, ihrer Erweiterung des Kunstbegriffs und von ihrer eigenwilligen Kompositions-Technik, die so versponnen und so melodiös gleichzeitig war, alles umschloss und abrundete, wie ein Fluss den Stein, aber kratzen konnte wie Bartstoppel auf Babyhaut.

Und dann war da noch dieser eine Satz, den er dauernd verwendete: die Macht der Fantasie.

 
 
only a northern song
  Yellow Submarine, der Film, war der schlagendste und beste Beleg für diese Macht der Fantasie.

Die abstrus konzipierte Geschichte des Films, die psychedelischen Details, der trockene Humor, der fliegende Handschuh, die Bluemiesen, der kleine Gnom Jeremias und die vier Zeichentrickhelden mit den seltsamen Frisuren: diese fantastisch erzählte und trotzdem einer fein abgesteckten Logik folgende Story hatte alles von dem, was die Beatles darstellten: für den Papa und auch in Folge für mich.

Ich hab die Beatles über diesen Film kennengelernt.
Ich hab die Verwendung von Popmusik über diesen Film kennengelernt.
Ich hab das Zusammenspiel von Bild und Musik, den Zusammenhang von Idee und Assoziation über diesen Film kennengelernt.
Ich hab die Macht der Fantasie geschmeckt.

Eigentlich war das das beste Drogenschutzprogramm, das ich jemals bekommen konnte: immer wenn irgendwer mir was über die tollen Welten erzählt hat, ist mir sofort Yellow Submarine in den Sinn gekommen, und diese Welten waren für mich immer wesentlich fantastischer als das nicht so interessant klingende Gewurkse der Kifferfreunde.

Natürlich sind die Fantasiewelten aus Yellow Submarine zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf Basis des Konsums diversester Substanzen entstanden, das hab ich im Verlauf der Jahre auch kapiert.
Trotzdem ist mein Blick auf die Welt, auf die Fantasie und die Realität, auf Träume und den Rausch seit diesem Film, seit ich also 10 bin, ein anderer.

 
 
all together now
  Papa hat die Platte zu Yellow Submarine ein paar Tage später gekauft und weil wir zuhause immer zum Sonntag-Mittagessen eine ganze Langspielplatte durchhörten, hab ich diese Platte sooft gehört wie keine andere.
Ich verstand die Worte nicht, ich kann die Texte bis heute maximal phonetisch, habe aber jeden Knarzer, jeden kleinen versteckten Seemannschor und jedes Gebelle verinnerlicht.
Ich hör weiter an jedem Sonntag Mittag die sechs Songs der ersten Seite, die Hits Yellow Submarine, All you need is love und All together now, und die anderen, meine Lieblingsstücke wie den versponnenen Northern Song von George Harrison, oder das wilde und zuschnappende Hey Bulldog.
Und manchmal hör ich sogar die B-Seite, die orchestralen Themen-Songs von George Martin.

 
 
  49 songs bumper

Ich weiß nicht, ob Yellow Submarine die wichtigste Platte meines Lebens ist.
Vielleicht.
Ich weiß auch nicht, ob Stück Nummer 5, It's all too much, wirklich mein liebstes Stück auf diesem Album ist.
Es ist schließlich nur von Harrison, nicht von Lennon/McCartney.
Es ist aber das Stück, das mir diese Gefühligkeit in die Poren treibt, ohne die ich nicht sein möchte, von Zeit zu Zeit.
Und ich hörs einfach jeden Sonntag in meinem Kopf.
It's all too much.
The Beatles

 
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