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Wien | 25.6.2003 | 20:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '03. fünfundzwanzigsterjuni.
 
 
 
 
Einmal Innsbruck und zurück, part 1.
 

Der Tiroler an sich ist ja jetzt nicht der allereinfachste.
Aber ich kenne ihn jetzt ja schon lang genug.

Schuld dran ist der Bernhard-Opa, der nach der Scheidung von meiner Oma (die es dann samt meiner Mama nach Wien verschlagen hat) von NÖ nach Tirol ausgewandert ist um dort bei seiner zweiten Frau zu leben.
Und zwar in Wildermieming, einem Dorf, das ich kenne noch lange bevor das erste Bergdoktor-Drehbuch ausgehirnt wurde.

Nachdem bei unserer Familie das Patchwork-Denken schon in den Sechzigern durchaus ausgeprägt war, fand niemand etwas dabei, dass die Enkerl der ersten Frau vom Opa regelmäßig die Sommer in Mieming verbrachten.
Seitdem bin ich ein wenig Beutetiroler, mit Schwerpunkt auf Ober-, Unter- und Wilder-Mieming, Affenhausen, Obsteig, Telfs und auch Innsbruck. Und auf die Hohe Munde natürlich.

 tivoli-alt
 
 
  Das jüngste Kind vom Opa in zweiter Ehe, der Onkel Luis, war nur ein Jahr älter als ich. Irgendwann mit 16 ist er dann sitzengeblieben und war dann schultechnisch gleich mit mir - was für ein Spaß.

Den gab's mit dem Luis-Onkel aber auch beim Bergwandern. Er, der Naturbursch, war immer der letzte in der Gruppe, der der als erster schlapp machte und was trinken wollte, während die Stadtkinder (meine Schwester und ich) vergleichsweise brutale und abgehärtete Viel-Stunden-Marschierer waren.

Das hat sich zwischenzeitlich - Treppenwitz - geändert.
Der Luis-Onkel ist inzwischen ein - speziell seit seinem Galtür-Einsatz- hochqualifizierter Experte bei der Tiroler Berg-Rettung. Umgekehrt würd ich für die Munde heute wohl länger brauchen denn als Kind.

Die Geschichte vom Edi-Onkel und dem Eigenstiller-Eigentor hab ich schon einmal erzählt hier, oder?
Ich schweife ab...
 
 
 
  Seit den Wildermieminger Sommern hab ich den Kontakt zum heiligen Land nie verloren.

Ob für die Österreich-Rundfahrt der Musicbox (wo mich dann der Verlagsleiter einer frechen Wiener-Kopie namens Tiroler geklagt hat, weil ich seine, mittlerweile verschiedene, Zeitschrift eine Wiener-Kopie genannt habe. Die Klage wurde natürlich abgewiesen) oder um Townes van Zandt in einer Mühle zu sehen, mich hat's immer hingedrängt.

In der warmen Jahreszeit wohlgemerkt.
So bin ich Tirol-sozialisiert.

Im Winter war ich noch nie dort: Der ganze Wintersport-Blödsinn kann mir seit jeher gestohlen bleiben.

Auch später dann bei den FM4-Festen im Utopia (die TT hat übers erste, 1996, nur berichtet, dass dort Besucher wegen ihrer T-Shirts rausgeworfen wurden - ich hatte zwei gröhlende Idioten mit Onkelz-Shirts eigenhändig entfernt) in Innsbruck.

Einmal hab ich da einfach vergessen in Innsbruck auszusteigen und bin aus reiner Gewohnheit weitergefahren und erst in Telfs draufgekommen.
 
 
 
  Später, als das Utopia dann von der Stadtpolitik vernichtet wurde, gab's die Feste in Hall.
Dieses Städtchen hat mir dann D. gezeigt, die nach zwei Jahren Wien wieder zurückgeflüchtet ist in die alte Heimat, auch um irgendwie Schutz zu suchen in der Enge zwischen Nordkette und den Erhebungen im Süden.
Obwohl der Tiroler an sich das Inntal ja eh schon als breitestmögliches Flachland ansieht.

Der Tiroler an sich ist ja jetzt nicht der allereinfachste.
Aber ich kenne ihn jetzt ja schon lang genug.

Obwohl die Tiroler-Gruppe, mit der ich am meisten zu tun habe, mittlerweile auch schon ein Weilchen in Wien lebt.
Die weit verzweigte Freundes-Clique um meinen Freund Ch., die vereint mittlerweile das Interessante aus beiden Welten: das fremdelnde, rauhe Auftreten des Bergmenschen mit dem neugierig-assimilativen des Stadtmenschen.

Das ist zwar auch in Innsbruck teilweise verbreitet, aber vielleicht doch eher bei Teil-Exilanten wie dem Boris, der gestern abend auch am Tivoli war.

 tivoli-neu
 
 
  Alle anderen, die, die sich eben bewusst nicht geographisch verändern, sondern vielleicht eingefahrene Strukturen (löblicherweise) von innen heraus ändern wollen, agieren (wahrscheinlich unbewusst) aber trotzdem so wie es die Altvorderen, auch der Opa oder der Luis-Onkel, immer schon getan haben: abwarten, ein bissl bellen und frühestens nach ein paar Stunden etwas sagen, woraus man so etwas wie einen Sozialkontakt bauen kann.

Das, was man einem in Wien viel zu früh und teilweise zu aufdringlich gleich ins Gesicht schmiert, dann kommt unterm Berg-Isel (schaut von unten einfach Scheiße aus, die neue Schanze, tut mir leid) traditionell zu spät.

Klassische Verhaltens-Muster, die ich in den 24 Stunden Innsbruck zwischen Dienstag und Mittwoch wieder auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen konnte.

Ja, wenn ich jetzt nicht derart abgeschweift wäre, könnt ich jetzt hier noch über die Fußball und Literatur-Lesung in der unfassbar schönen Tivoli-Ruine erzählen, über die grausige Zillertal-Wirtin, die Bier-Bude der Neuner-Sisters, über Michi Streiters todschicken Bart, über die TT, über die arme Sau, die hinter Fußball-Gott Andi Spielmann herrennen musste (mich also), über den ungemein sympathischen Franzobel, über Britboys und Stadtschreiber, den durchgeknallten Kurt Lanthaler oder Konrad Plautz, der Reclam-Hefte statt roter/gelber karte eingesteckt hatte.

Aber weil ich heute eh nichts mehr erleben werde, kommt das in Teil 2, im nächsten Journal.
 
 
 
Nur ein PS noch zum heutigen Abend...
 

Im Retour-Zug nach Wien ist schräg gegenüber ein Pärchen gesessen, das zum Bruce Springsteen-Konzert im Praterstadion wollte.

Und es war exakt Springsteens aktuelles Publikum und das ist durchaus traurig.
Er, vielleicht Mitte, Ende 20, ein Alex, Vielredner, Alles-Kommentierer.
Sie, vielleicht Anfang/Mitte 20, eine Toni, ihrem Schatzi-an-den-Lippen-Hängerin.

Beide Upper-Class aus einer Landeshauptstadt (Salzburg?), Stern-Leser und in einer Beziehung, wie sie schlimmer/klischeehafter nicht sein kann.

Er redet (über Friedmann, Yoko Ono, der letzte Stern halt...), sie nickt und sagt Mhm!.
Er bestimmt die CD, die sie gemeinsam mit Doppelkopfhörer anhören und bricht ab, weil er sie blöd findet.
Sie sagt: Ja, Schatzi. Dafür hat sie Essen im Tupper-Gschirr eingepackt, Gemüsesnacks, und er lobt sie dafür.

Das ist alles lieb und schön, aber eben 100% Springsteen 2003: zahn- und wirkungslos, kein Rock'n'Roll mehr, sondern Tupper-Gschirr-Biederkeit.

Ich hab die 5%-Idee mir heute doch noch spontan den Boss zu geben nach dieser Fahrt wieder verworfen.
Ich hätte dauernd nur Alex, wie er "Supaa!" schreit und Toni, wie sie "Genau, Schatzi!" sagt im Hinterkopf.
 
 
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