Vor ein paar Wochen beim Nuke-Festival ist unter den kulinarischen Angeboten vor allem die mobile Crêperie gelobt worden.
Das ist mir am Samstag eingefallen, als ich bei der Station Bellaria ausgestiegen bin um ins MuQua zu gehen (Regenbogen-Parade-Abschluss-Veranstaltung):
Denn dort auf der Volksgarten-Seite gibt es - meines Wissens nach - Wiens einzige Standl-Crêperie.
Ich hab mir beim Hinsprinten noch gedacht: Warum nütz ich dieses Angebot nicht häufiger.
Nach meiner Bestellung war's mir dann klar: Es gibt keine.
Und mir fielen die immer anderen Ausreden ein, die ich jedesmal zu hören bekomme, wenn ich dort bin und Crêpes essen will (also IMMER wenn ich bei der Bellaria vorbeikomme):
Grad kein Teig da; ich kann's nicht, nur der Sowieso, aber der ist grad sonstwo; heute nicht, weil Feiertag; grade nicht, weil die Platten kaputt sind etc.
Am Samstag war die Ausrede die Parade.
Ich hab den beiden Herren dann gesagt, dass ich ihnen nicht glaube, dass sie überhaupt Crêpes anbieten, weil das noch nie der Fall war, sie also für Schwindler halte.
Sie haben lächelnd das Gegenteil versichert, darauf hab ich für demnächst Test-Besuche angekündigt.
Gestern war ich dann wieder dort, hab sogar einen kleinen Umweg in Kauf genommen.
Der Standler, einer der beiden Herren vom Samstag, wollte es zuerst mit dem "ab in 15 Minuten dann"-Schmäh abwiegeln, mein dezentes Nachsetzen hat dann aber den Wiedererkennungswert in Gang gesetzt und plötzlich ging es eh dann gleich.
Und während der Crêpes-Stand-Mann umständlich eine Crêpe für mich macht, werde ich melancholisch und denke an Paris.
Dort gibt es ja vieles, was mein Herz erfreut - neben vielerlei Verabscheuungswürdigem - aber das im täglichen Stadtgang wundervollste sind die offenen Mini-Crêpes-Wagerl an jeder Ecke, die einem in Windeseile hauchzarte Palatschinken mit allen erdenklichen Auflagen auf den Pappteller zaubern: frisch, heiß, knackig, Crêpes eben.
Präferierte Geschmacks-Richtung: Maronen-Creme.
Gut, Wien ist nicht Paris, und die hiesige Würstlstand-Kultur hat schon auch so ihre Vorzüge (das kann jeder, der schn einmal im Norden des Kontinents an geschmacklosen Wurst-Schläuchen und grausigen Brötchen knabbern musste, weinend bestätigen), aber diese eine Seltsamkeit verstört mich schon seit Jahrzehnten:
Warum schafft es Wien, die Welthauptstadt der Mehlspeis-Delikatesse, nicht eine auch nur halbwegs brauchbare flächendeckende Crêpes-Infrastruktur aufzustellen.
5 bis 8 Standl quer in den Innebezirken würden mir ja schon reichen.
Denn nach zehnminütiger Zubereitung bekomm ich vom Crêpes-Stand bei der Bellaria etwas auf den Teller, was man als zu dicke und übergroße Palatschinke eventuell durchgehen lassen kann.
Gefüllt ist die Wurst mit bröckeligem Topfen und Kunsthonig.
Gaberl? Haben wir keines, sorry.
Damit sind zwei Dinge bewiesen: Die Crêperie an der Bellaria ist nur eine Tarnung, ein Abschreib-Unternehmen für sonstwas - was man in Wien gern den China-Restaurants, die immer leerstehen, unterstellt - aber sicher keine Crêperie.
Und: Es juckt keinen außer mir.
Jetzt könnte man sagen: Besteh doch nicht auf dem Freiluft- & Take-Away-Ding, du sommerlicher Stadtläufer, sondern setz dich wo rein in einen Palatschinkinger oder einen Schanigarten und iss dort deine Topfen- oder Schoko-Pala.
Mag sein.
Aber die Marmeladen-Palatschinke von Mama oder im Gasthof ums Eck, die ist einfach eine andere Liga.
Das sind keine Crêpes.
Crêpes sind dünn und rund und werden zweimal zusammengelegt und nicht gerollt.
Und die Zutat ist nicht daumendick, sondern schmiegt sich dezent in den Teig.
Es gibt nichts, NICHTS, was sich als take-away besser eignet als die Crêpe (naja, vielleicht noch Deli-Food, New York-Style, aber darüber muss ich an einem anderen Journal-Tag jammern).
Warum, zum Teufel, geht das nicht?
Die unfassbar grauslige Bellaria-"Crêpe" hab ich mit Todesverachtung gefressen - bis auf den zu zähen oder harten Teig-Teil und den Brösel-Topfen, der rausfiel.
Und ich war dann gestern spätabends noch in der überfüllten Barnabitengasse, bei einem Italiener, gleich ein paar Tische neben der Amour-Fou-Wochenbesprechung, und konnte nicht anders als Marillen-Marmelade-Palatschinken bestellen.
Ich hab Palatschinken mit nichts drinnen und viel Schoko und Schlagobers drauf bekommen und sie mit Todesverachtung zurückgeschickt.
Im zweiten Anlauf gab es dann brauchbar schmeckende Palatschinken mit halbwegs qualitätsvoller Marmelade. Natürlich keine selbstgemachte von Mama oder Frau Hummel.
Nachts hab ich dann von einer perfekten Welt geträumt:
es gab Weltfrieden und all das, die Grasser-Homepage war eigenfinanziert, Stronach war ein Rennpferd, Real gab Beckham wieder weg und holte Hierro zurück und es gab Delis im 7. Bezirk und Crêpes-Wagerl vorm MuQua und wir plünderten die Maronencreme-Reserven bis uns schlecht wurde...