Seine Energie ist kraftvoll, stärkend, stabilisierend, strukturgebend, ordnend, energetisierend und dennoch ruhig. Sie hilft in Schwung zu kommen und seine Kraft auf das Ziel zu richten.
Das sagt irgend eine Eso-Homepage über Uriel, einen der vier Top-Erzengel.
Das trifft auch auf die Kraft der Performance zu, die wir Freitag Nachmittag bei Henry Rollins sehen durften.
Rollins trat unter ungünstigen (Tageslicht)-Umständen bei einem Festival auf. Als vierter Act von links.
Das ist so als würde man beim Heurigen delikate Dessert-Happen reichen.
Aber man nimmt, was man anderswo nicht kriegen kann.
Rollins spielte (soweit ich das beurteilen kann) ausschließlich Black Flag-Stücke.
Das ist sein aktuelles Programm.
Black Flag gehörte zu den wichtigsten und stilprägenden US-Punk-Bands.
Seine BF-Mitstreiter Greg Ginn und Chuck Dukowski gründeten auch das wichigste Punk-Label Amerikas, SST, das uns Hüsker Dü, die Minutemen oder die Meat Puppets und damit die direkten Vorläufer von Nirvana und Co. bescherte.
Rollins war ihr entscheidender Sänger und konnte als einziger danach seine Energie auch in so etwas wie ein Botschafts-Portal umleiten.
Rollins stand und steht für Körperbewusstsein, für Pureness, für Korrektheit bis zum Schmerz, für Selbstreinigung, für Mineralwasser etc...
Irgendwie war er der Gorbatschow des alternative Rock.
Und irgendwie ist er jetzt ebenso unbedankt unterwegs.
Wird zwar allerorten und allenthalber geschätzt und geachtet, teilt aber das Schicksal von Uriel.
Außer den Jüngern kennt auch den keine Sau mehr.
Das ist schade.
Was Rollins da am Freitag Nachmittag vor einem staunenden Publikum präsentierte, war wieder einmal die bestmögliche Bühnen-Performance ever:
in jeder Sekunde Präsenz, klares Bewusstsein um jedes Wort, dass er ausspuckt, um jede Bewegung, die sein gigantisches Körper-Gesamtkunstwerk vollführt, Wucht und Präzision, und das Bewusstsein um die Einheit, die er, der Körper, mit der Musik seiner Band eingeht.
Das war wieder einmal zum Mund-Offenstehen.
Wie immer bei Rollins.
Ich hab ihn jetzt ja länger nimmer gesehen.
Aber dieser Erzengel hat nichts von seiner Kraft verloren.
Lucifer
Tricky ist ein anderer Erzengel.
Lucifer.
Und zwar zu dem Zeitpunkt, wo sich der im freien Fall aus dem Himmel befand und bevor er dann dort unten quasi den Gegen-Club, die Hölle, gründete.
Tricky ist Lucifer: sieht alles, weiß alles, meints (noch) nicht böse (er ist seinem Bewusstsein nach ja noch ein Erzengel, fühlt sich ungerecht aus dem Himmelsreich verbannt), aber kann nicht anders als das in uns allen ansprechen, was uns zu seltsamen Dingen treibt.
Tricky funktioniert wie Voodoo.
Das lässt sich auf Platte vielleicht kanalisieren, wenn man aber - wie bei einem Live-Konzert, wie gestern nacht in Wiesen eben - ihm in direkten Kontakt ausgeliefert ist, dann gibt es kein Zurück.
Was Tricky da gestern gemacht hat, war kein Konzert mehr.
Schon die letzte Begegnung mit ihm, vor ein paar Jahren in den mittlerweile (durch ihn?) zerstörten Sofiensälen, war mysteriös und seltsam, hatte aber noch klassische Konzert-Anmutung, weil es da noch Co-Sänger und Instrumentalisten gab.
Diesmal spielte Tricky letztlich alleine mit einem Bassisten, auf dessen fast jazzig anmutendem Groove alles zurückfiel, wenn der Meister die anderen Mitmacher verstummen ließ, wie ein Puppenspieler.
Und trotzdem zuckte der Teil des Publikums, der dem Voodoo-Zauber Trickys verfallen war, auch bei den aus nichts als Bass bestehenden Passagen wie das kopflose Huhn nach der rituellen Schlachtung.