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Wien | 7.7.2003 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '03. siebenterjuli.
 
 
 
 
 

Weil ja jetzt gerade die Sommer-Festival-Zeit ist:
ich möchte KEIN Festival-Veranstalter sein.

Bloß nicht.

 
 
  Stell dir das vor.
Stell dir vor, du bist Veranstalter, in Österreich.
Und du bist vor einiger Zeit auch in die Festival-Branche eingestiegen.

Stell dir vor, du hast zum Beispiel im Vorjahr den Durchbruch geschafft.

Du hast mitten in Österreich ein mittelgroßes Alternative-Pop-Festival aus dem Boden gestampft, das nach allgemeinem Dafürhalten das leiwandste der Saison war.
 
 
 
  Stell dir also vor, du bist dieser Festival-Veranstalter und du planst für heuer im August das Nachfolge-Fest zu deinem Vorjahrserfolg und irgendwie ist alles in Butter.

Die Acts, die du heuer gebucht hast, sind teils eine Nummer größer als letztes Jahr, als du das schönste und beste aus dem deutschsprachigem Raum und einen formidablen New Yorker Art-Rock-Act gehabt hast, aber alle deine Bands für heuer haben diesen locker-lässigen Alternative-Flair, sind entweder alte Bekannte oder Bands/Acts, die gut dazupassen.

 Das Festivalgelände in Wiesen
 
 
  Stell dir vor, du bist dieser Veranstalter und hast also das allerbeste aus Deutschland, das nicht schon im Vorjahr da war, dazu ein paar feine Elektronik-Acts, ein paar vielversprechende neue englische und amerikanische Gitarren-Acts, du hast den Headliner vom letzten FM4-Geburtstagsfest, den begabtesten neuen Songwriter oder die sympatischste nordirische Band überhaupt.

Und du hast diese netten schottischen Hit-Jungs, die nur singen und driften wollen; und die schwierigen drei Blauäugigen vom bitteren Ende; oder den scheppernden blonden Loser mit dem teuflischen Haarschnitt.

Und dann kriegst du auch noch die netten Jungs aus München, deren Absage dir fast dein anderes kleineres Festival versaut hätte.
 
 
 
  Stell dir also vor, du bist Veranstalter und solltest - ob dieser Bedingungen - glücklich sein.

Aber du weißt und ich weiß und wir alle wissen: der Teufel schläft nicht.

Denn dann kommt ein Konkurrent aus dem ländlichen Bereich, in dem du dein Festival machst, einer, der dich als Eindringling in sein Revier betrachtet und setzt dir eine Gegenveranstaltung vor die Nase.

Am zweiten Tag deines Festivals will er die derzeit größte Metal-Band der Welt auftreten lassen, quasi ums Eck.

Du rechnest schnell im Kopf und erkennst, dass dich diese - absichtliche - Terminkollision durchaus 5.000 Besucher kosten kann.

 
 
  Und du beginnst weiter zu rechnen und wirst nervös.
Denn selbst wenn du viel mehr Leute als im Vorjahr kriegst, so vielleicht 20.000, dann rechnet sich das - wenn man die höheren Gagen des teureren, besseren und vermehrten Bands berücksichtigt - eh schon nicht wirklich.

Und genau diese 5.000 (andere Schwarzmaler reden gar von 8 - 10.000) werden dich ins Defizit reiten.

Also beginnst du hellhörig zu werden, als dir dein Konkurrent ein Angebot macht.
Dass man sich nämlich auf ein Packl haut, und die größte Metal-Band des Planeten zu deinem Festival dazubucht.
 
 
 
  Stell dir vor, du bist Festival-Veranstalter und rechnest und egal, wie du es anlegst, du kommst in die roten Zahlen.

Denn die größte Metal-Band des Planeten ist natürlich unglaublich teuer und rechnet sich erst mit Stadion-Besucher-Zahlen, die du zwar overall mit deinem Festival auch zusammenbringen wirst, nur dürften dann die anderen Bands nichts kosten.

Andererseits befürchtest du, dass dir dein Festival durch die Konkurrenz-Programmierung schlicht und einfach baden geht.

Also entschließt du dich den Deal zu machen, versicherst dich der Rückendeckung deiner ausländischen Partner und riskierst die Zusammenlegung.

 
 
  Stell dir also vor, du bist Festival-Veranstalter und du hast gerade etwas ausgemacht, von dem du nicht überzeugt bist, es aber für das geringste Übel hältst.

Und dann kommen deine engsten Mitarbeiter für dieses Festival zu dir und fragen dich ob's dir noch gut geht.
Und du weißt, dass sie wohl - zumindest auch - recht haben.

Sie sagen dir, dass sich das finanziell nie rechnen kann.
Sie sagen dir, dass sich das von der Zuschauer-Mischung nicht ausgehen kann, dass da zwei Welten, die der lieblichen Dreistreifen-Träger und die der Nietengürtel aufeinanderprallen und damit das vertreiben werden, was dein Festival im letzten Jahr so ausgezeichnet hat: die "summer-of-love"-mäßige, extrem relaxte Grundstimmung, die alle so genossen haben.

Und sie sagen dir, dass die jetzt zu erwartenden Mehr-Zuschauer alle bisherigen logistischen Probleme wie Pipifax erscheinen lassen werden.
 
 
 
  Stell dir vor, du bist Festival-Veranstalter und du weißt, dass all das stimmen und eintreten kann, aber nicht muss, dass es von Kleinigkeiten abhängig ist, ob deine Zufahrtswege, deine Backstage-Infrastruktur, deine sanitären Anlagen die neu zu erwartende Größenordnung bewältigen oder nicht.

Noch dazu ist mit der größten Metal-Band der Welt nicht gut Kirschen essen: die wollen Helicopter-Einflüge und ähnlichen Großkotz-Scheiß, haben tausendseitige Verträge und bösartige Anwälte.

Was tust du?
Würdest du, so wie ein Veranstalter das vor zwei Jahren, als er es mit ebenjener größten Metal-Band der Welt zu tun hatte, getan hat, den Vertrag platzen lassen und lieber die - auch nicht zu schwache - Pönale zahlen?

Oder würdest du das dreifache Risiko eingehen?

Vorhersehbarer finanzieller Verlust.
Inhomogene Publikumsmischung.
Und potentielles Infrastruktur-Versagen.

 
 
  Was zum Teufel würdest du tun?

Ich möchte kein Festival-Veranstalter sein.
Bloß nicht.
 
 
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