Man könnte die Äußerungen von Minister Gehrer als unüberlegte Pauschal-Beleidigung aller jungen Menschen und lehrerhafte Einmischung in deren Lebenskonzepte abtun.
Das beruhigt die Gemüter, trifft aber den Kern der Sache nicht.
Man könnte in einer sarkastischen Replik die Tatsache kommentieren, dass Politiker immer wieder Schicksale ihrer direkten Umgebung hernehmen, zu einem Gesamtjugend-Problem hochrechnen und mit ihren vorschnellen Schlüssen dabei geradezu zwingend logisch Unrecht haben müssen.
Aber das schrammt weit an den vorbei, worum es wirklich geht.
Man könnte in einer spöttischen Polemik die Schicki-Schnucki-Seitenblicke-Events und die diversen Hochkultur-Schaulaufen erwähnen, an denen die Politiker-Kaste fernsehfüllend teilnimmt, und die Frage stellen, ob das dort stattfindende Paarlaufen mit Dolly Busters, Pizzahut-Burger-Ötzi oder den die Salzburger Festspiele überflutenden "neo-riches", die man natürlich höchst zu unrecht als Russen-Mafia tituliert, moralisch sauberer ist als jeglicher Party-Spaß.
Aber auch das sollte, finde ich, nicht unser Thema sein.
Denn natürlich ist es legitim, wann, wie oder wo auch immer eine Debatte loszutreten, wenn sie Sinn macht.
Und eine Werte-Debatte macht immer Sinn - auch wenn sie eher zufällig, wahrscheinlich nicht aus ministerieller Absicht, sondern wegen der guten Nase eines Presse-Redakteurs entstanden ist, und der Unterrichts&Bildungs-Minister, also die eigentliche Ansprech-Person der jungen Menschen dieses Landes, ein wenig glücklich gewählter Debatter-Leiter ist.
Andererseits ist Gehrer aber auch Vize-Chef der ÖVP und dort eine der zentralen Player und Vertreter von klassisch-ideologischen, christlich-sozialen Standpunkten.
Den vorhin bereits zitierten Werten.
Im wesentlichen basieren die Aussagen der Ministerin (wenn man all den vorhin angesprochenen Ballast abzieht) auf zwei Standpunkten.
Standpunkt 1: es gibt einen kollektiven Lebensentwurf der Österreicher.
Standpunkt 2: alle Österreicher bewegen sich im ziemlich gleichen gesellschaftlichen Umfeld.
Da Gehers Aussagen außerhalb dieser Standpunkte keinen Sinn machen würden, muss ich davon ausgehen, dass sie (und mit ihr der christlich-soziale Teil ihrer Bewegung) auch daran glaubt.
Und deshalb mag es zwar lustig sein, zu spötteln, zu replizieren, sich zu empören - wirklich Not tut eine Beschäftigung mit diesen beiden Gehrer-Parametern.
Ich denke nämlich, dass beide Punkte nicht stimmen.
Punkt eins, die Annahme, dass ein kollektiver Lebensentwurf der Menschen, im speziellen Fall der österreichischen Menschen, existiert, hat katholische Wurzeln und basiert letztlich auf dem Glauben, dass die christlichen Lebensvorschreibungen de facto immer noch in allen Köpfen und Herzen existent sind.
Abgesehen davon, dass dies nicht einmal in den Köpfen und Herzen der Kirchenherren selber der Fall ist: Österreich ist in wesentlich höherem Umfang ein laizistischer Staat, als man außerhalb der politisch einflussreichen, aber kleinen, wirklich streng katholischen Bevölkerungs-Gruppe des Landes glauben will.
Das katholisch-christliche Bild von Familie und vor allem Groß-Familie wird als idyllische Methapher auf die Flaggen geheftet, existiert aber praktisch nicht einmal in den Kreisen, die sie derart aufs Podest heben.
die zwei Österreichs
Außerdem teilt sich Österreich grob gesagt sowieso in zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften, die das zweite Gehrer'sche Axiom der Gleichmacherei über den Haufen werfen.
Es gibt, und mit dieser Realität muss man sich abfinden, ein städtisches und ein ländliches Österreich.
Das städtische besteht aus Wien, ein wenig Umland, den südlöstlichen Industriezonen, dem Burgenland, Linz, Graz u. ä., wird sozialdemokratisch oder liberal verwaltet.
Das ländliche Österreich besteht aus dem Westen und den noch fehlenden Ländereien dazwischen und es wird konservativ verwaltet.
Das ist nicht auf Parteien festgelegt: ich würde z. B. die Grazer VP als liberal, weil aufgeklärt städtisch bezeichnen.
Ein Kriterium da wäre z. B. der "von Beust/Schill"-Skandal jetzt in Hamburg. In einer aufgeklärten Community (wie im protestantischen Hamburg) ist sowas möglich, in einer konservativen der Gottseibeiuns.
Ich kann und möchte das aber auch nicht auf die Herkunft fixieren: natürlich gibt es in den tiefst-ländlichen Regionen urban denkende Menschen, natürlich gibt es mitten im Herz der Stadt zutiefst der großbäuerlichen Kultur verhaftete Menschen.
Trotzdem werden die von Gehrer angesprochenen Punkte in diesen beiden Österreichs völlig unterschiedlich rezipiert.
Deshalb bleibt die Werte-Debatte derzeit auch auf halbem Weg stecken.
Kein Mensch beschäftigt sich jetzt mit der eigentlichen Forderung der Ministerin (sich gefälligst nicht zu Tode zu amüsieren, sondern sich frühzeitig Kinder und Familie anzuschaffen), zu der man dann stehen kann, wie man will.
Jeder, der sich davon unangenehm berührt fühlt (die urban lebenden und denkenden, die jungen, die gesellschaftlich aktiven, ich möchte fast sagen die für die Werbewirtschaft attraktive Gruppe, der die Wirtschaft andererseits alles unterordnet, aber auf dieses Paradoxon will ich jetzt gar nicht weiter eingehen ...), stellt zuerst einmal die Frage, wie irgendjemand dazu kommt derartige Forderungen zu stellen, die an Dickens-Romane und Leibeigenschafts-Szenarios erinnern.
Das hat mit einem seltsamen Generationen-Phänomen zu tun, von dem eigentlich schon seit den alten Griechen allen klar sein müsste, dass es nur in den Köpfen der Altvorderen existiert - man kann es auch das "Die-Jugend-von-heute!"-Gejammer nennen.
Im speziellen Fall hat die Nachkriegs-Generation der vor allem in den 50ern sozialisierten Österreicher einfach ein anderes Bild von den Dingen als die erste wirklich befreite Generation, die in den 70ern sozialisiert wurde (die wiederum ihrerseits die medial sozialisierten 90er-Jahre Kids nicht verstehen kann ...).
Und genauso, wie man von seinen Eltern einfach nicht erwarten kann, dass sie die Regeln der neuen Zeit verstehen, ist es auch hier, bei den Gehrer-Aussagen.
Das Problem ist nur, dass Amtsträger in dieser höchsten Kategorie (oder auch ihre Berater ...) eigentlich dafür bezahlt werden, die Zeit, in der sie leben, zu verstehen.
Nur so können sie sie nämlich regeln.
Wenn die christlich-soziale Wertegemeinschaft weiterhin von irrealen und längst nicht mehr existierenden Positionen (die man in den beiden oben angeführten Standpunkten zusammenführen kann) ausgeht, wird sie keinen Dialog führen können, geschweige denn jemanden, der nicht schon bekehrt ist, erreichen können.
Und das ist eigentlich schade.
Denn eine sinnvolle Auseinandersetzung mit Andersdenkenden schadet nie.
Weil eine Werte-Debatte IMMER sinnvoll ist.