Österreich hat ein Problem mit seinem Selbstbild. Wir sehen in den Spiegel, wie eine Mutter das tun würde, und finden zuallererst hier eine Flunserl am Hemd und dort ein Wimmerl an der Backe.
Und dann sehen wir lieber nicht mehr in den Spiegel.
Oder nur noch um das immer fetter und roter gewordene Wimmerl zu bejammern.
Österreicher haben ein Problem mit ihrem Selbstverständnis.
Sie reden und denken drumherum.
Sie gehen nicht einfach drauf zu und stellen sich.
Sie sagen so gut wie nie: Ich bin Österreicher.
Österreich hat ein massives Patriotismus-Problem.
Patriotismus bedeutet letztlich - für den einzelnen - zu sich selber stehen, sich akzeptieren, so wie man ist.
Für die nächstgrößeren sozialen Einheiten (Familie, soziale Gruppe, Region, Staat) gilt dasselbe.
Österreicher tun gerne so, als wären sie eh eigentlich irgendwas anderes. Wiener, Tiroler, Gsiberger, Mitteleuropäer, Weltbürger oder Steirer.
Österreicher verstottern sich teilweise absichtlich, weil "österreichisch" so ein mühsames Wort ist.
Sagt ruhig, dass ich vergröbere und verallgemeinere.
Aber: jeder Italiener ist Italiener, fühlt sich als Italiener und nennt sich selber so; kein Engländer würde jemals seine Insel verleugnen; selbst der allein durch das Wort "deutsch" extrem belastete Deutsche würde nie auf die Idee kommen sich von sich selber zu distanzieren.
Österreicher tun dies ununterbrochen.
Michael Moore ist Amerikaner.
Michael Moore ist Patriot.
Er ist Patriot, weil er das Beste für sich, die Leute, die er vertreten will, sein Umfeld, seine Gesellschaft, also auch sein Land will.
Niemand in den USA würde diese Prinzipien anzweifeln.
Natürlich ist der Patriotismus nahe am Nationalismus und am Lokal-Chauvinismus gebaut. Das sind Auswüchse und Facetten eine prinzipiell positiven Einstellung.
In Österreich wird mit dem Hinweis darauf auch der neutrale Patriotismus gleich mitverteufelt. Man setzt ihn mit aggressivem Nationalismus gleich, Auslands- und Ausländerfeindlichkeit.
Schuld daran ist natürlich auch die buckelnde österreichische Geschichte, vor allem die jüngere.
Der Spitzelstaat unter Metternich, die elende Nicht-Politik der letzten Habsburger, der verlogene Ständestaat, der Staats-Terror der Nazis und danach die alles übertünchende Sozialpartnerschaft haben niemals eine positiv besetzte Identifikation möglich gemacht, sondern stetiges Ausweichen und Verdrängen zur Maxime erhoben.
Zudem haben all diese in alle möglichen Richtungen zerrenden Interessen ja heute noch ihre Vertreter.
Absurderweise hat dieser Tage ein scheinbar stumpfer steirischer Gockel, der schon früh um die Wichtigkeit von politischen Seilschaften wusste und sie zielgerichtet gepflegt und massiv ausgebaut hat (denn sonst wäre er heute nicht dort, wo er jetzt ist, in der Stadt, wo jeder Mann einmal gewesen sein muss) quasi als Nebenprodukt einen klaren und anderen Blick auf den Begriff Patriotismus gegeben.
Er, der mit Jesse Ventura nun auf einer Ebene steht, hat als Immigrant, als Einwanderer, als depperter potscherter Ausländer den Patriotismus immer wie ein Kreuz vor sich hergetragen; sogar den dreifachen: den stairischn, den östaraichischn und den aumerigaunischn.
Im Land von Michael Moore, wo diese Dinge eine Selbstverständlichkeit sind, achtet man nur subkutan auf diese Dinge und ihre Symbolik; es wird als selbstverständlich genommen.
Hierzulande sind alle darob verblüfft.
Versteht mich nicht falsch: Ich bin kein Freund des Gouverneurs, ich finde die Filme, in denen er mitspielt, mittelmäßig und habe keinen sonderlichen Respekt vor dem Künstler, gar keinen vor dem "Sportler" und sehr kritische Distanz zum republikanischen Polit-Vermarkter dahinter.
Aber auch daraus kann/soll/muss man etwas lernen.
Dass es nämlich idiotisch ist diesen Grinsekatzen den Patriotismus zu überlassen.
Exklusiv und kampflos.
Der Patriotismus gehört uns allen. Er ist wertfrei, und pendelt sich bei normalem Gebrauch zwischen 'kritisch' und 'erfreut' ein.
Er tut dem Einzelnen und der sozialen Gemeinschaft gut. Dem Staat dadurch automatisch sowieso.
Und dem Land auch.
Das hier ist ein gutes Land.
Es ist grün, blau und schön. Es hat Wasser und Kultur, über und unter der Oberfläche.
Es ist vor allem das einzige Land, in das ich geboren wurde. Ich kann, werde und will es und die Liebe dazu nicht aus historischen Versäumnissen, falscher Scham und irgendwelchen schlaffen pc-Gründen denen überlassen, die damit ihre grindigen Suppen kochen und ihre Fahnen in den Wind hängen.
Ich bin Mariahilfer, ich bin Wiener, ich bin Europäer.
Aber in erster Linie bin ich Österreicher.
(und ich verspreche, dass ich mich niemals für ein öffentliches Amt anderswo bewerben werde)