fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 10.10.2003 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '03. zehnteroktober.
 
 
 
 
Herr Lehmann
 

Plötzlich waren gestern zwei Stunden Zeit. Und wenn ich die nicht nütze, mich am Schlafittchen fasse und ins Kino schleife, dann trödel ich solange herum, bis ich den Film versäume.
Und den Herrn Lehmann wollt ich nicht versäumen.

Und es war gut, die zwei Stunden zu investieren, denn der doch mittelgroße Saal des Village-Kino war gestern mit vielleicht 15 Besuchern nicht sehr gut gefüllt.

Da fragt man sich dann schon auch: in jeden Dreck rennen die Zuschauer (und ich sehe euch FM4-Community-Kinogeher auch scharf an) wie die Fliegen auf die Kuhflade, und bei etwas popkulturell Essentiellem, noch dazu von zentralen Ikonen aus dem FM4-Core-Universum durchsetztem, lassen alle völlig aus.

 herr lehmann und die schöne köchin
 
 
  Herr Lehmann war vor ein paar Jahren (zwei?) das Buch von Sven Regener, dem Sänger und Schreiber der "Element of Crime", einem begnadeten Beobachter und Menschenkenner, einem tollen Lyriker, und wie sein Erstling bewies, auch einem tollen Roman-Autor.

Aus Herr Lehmann ist dann recht flott ein Film geworden.

Den hab ich jetzt gesehen.
Das Buch hab ich absurderweise nicht gelesen. Ich habs damals, knapp nach Erscheinen, meiner Mutter zum Geburtstags gekauft/schenkt und wollte vorher nicht reinlesen (Originalverpackung). Nachher wollt ichs mir dauernd ausborgen, habs aber dann immer irgendwie vergessen.

Man kann aber auch dieses peinliche Versäumnis zum Stilmittel hochschrauben. Denn unlängst erzählt mir N., dass sie sich den Film gemeinsam mit J. angesehen hätte.
N., die das Buch kannte, war etwas enttäuscht, J., die das Buch nicht kannte, beglückt.

Ich hab mir vorgenommen, den umgekehrten weg zu beschreiten. Zuerst Film, dann Buch.


 regener
 
 
  Ich war mittendrin zwischen N. und J., weder beglückt noch enttäuscht.

Ich war vor allem überrascht, wie schnell sich der Hauptdarsteller, der MTV-Star Christian Ulmen, in einer Charakter verwandelte, den ich gut als Regenersche Figur zuordnen konnte.

Genauergenommen hat sich Ulmen als Lehmann in Regener verwandelt, dessen Duktus, dessen Stimme, dessen Gestik angenommen, schneller zwar als der manchmal bewusst die Langsamkeit auskostende Sänger, aber das erfordert das Medium.
Ulmen hat mich überzeugt.

Dann hat mich das End-90er-Ambiente von Berlin/Kreuzberg ein wenig erschreckt.
Ich weiß ja, wie es im Vor-Mauerfall-Berlin ausgesehen hat, und es war abgefuckt und grindig ohne Ende, zweite Welt, fast schon auf einem Lebensstandard-Niveau mit den sozialistischen Brüderstaaten.

Und ich wusste aus Erfahr/Erzählungen, wie es bei den Künstlern/Musikern in dieser Zeit an diesem Ort ausgesehen hat - und immer, wenn irgendjemand über meine Behausung und ihren Zustand die Hände übern Kopf zusammengeschlagen hat, hab ich ihn/sie lächelnd an diese abgewrackten Hütten erinnert und drauf hingewiesen, dass sich bei mir - außer meiner Katze - keine anderen (ungebetenen) tierischen Mitbewohner tummeln, es gegen 'Berliner Zustände' hier also pures Gold wäre.

Trotzdem bin ich bei jedem neuen Blick in eine weitere abgefuckte Wohnung nachgerade zusammengezuckt.

 ulmen
 
 
  Die exzellent ausgesuchten Darsteller eines exzellent erschriebenen Personals bewegten sich also in exzellent de/arrangierten Orten; und das exzellent: die in Tresen-Höhe abgefilmten Kneipenszenen waren allesamt kurzweilig und erstklassig.

Trotzdem gerieten Dialoge, die bei Regener wohl eher innere Monologe waren (ich werd es ja nachlesen) oder in indirekter Rede geführt wurden, ein wenig hölzern in ihrer Umsetzung.
Vielleicht ist Leander Haußmann, der Regisseur ein wenig zu viel Theater, um das wegzukriegen. Es klang zumindest so.

Das war noch kein Verbrechen.

Ein Verbrechen war der Umgang mit der Musik.

Anstatt das auf der Hand liegende zu tun, und die Element of Crime-Musikalien-Fraktion einen instrumentellen Soundtrack ausknobeln zu lassen, also dass, was die ohnehin schon immer tun, einfach rauszukitzeln, propfte man da einer Geschichte die 89 spielt alle möglichen Zeiten drauf.
Nichts gegen die Eels, Cake oder die Violent Femmes, aber das war nicht die Musik dieser Phase. Das ist bloß die Kopf-Musik von irgendjemanden, der assoziativ etwa Ende der 90er hängengeblieben ist, und seine Vision eines Lehmann aus Ego-Gründen dort ansiedelt.
Das ist hochgradig lächerlich.

 buck und ulmen
 
 
  Zugegeben: dieses Ärgernis ist jetzt größer als im Kinosaal. Aber es zeigt ein großes Leck im deutschsprachigen, vor allem aber im deutschen Kino auf: den verheerenden Umgang mit Filmmusik.

Ebensowenig wie es bis vor ein paar Jahren ein Bewusstsein für etwas wie ein "Drehbuch" gab, gibt es im neueren deutschen Kino ein Bewusstsein für etwas wie "Filmmusik" (Österreich, wo das schon besser gelöst ist, nehme ich da sogar aus).

Immerhin hat Herr Lehmann ersteres ja beherzigt. Und das Buch, das ist gut, verteufelt gut; sagt so vieles aus über diese Um-die-30jährigen, die durchs vor-sich-hintreiben die Klippen der Erstarrung umschiffen.

Das ist gut anzusehen.
So, und jetzt hol ich mir das Buch.

 
 
  Herr Lehmann läuft in Wien noch in vier Kinos. Ich fürchte nicht mehr lange.
In einem halben Jahr oder was wird er wohl zerstückelt auf sat1, die mitproduziert haben, zu sehen sein.

Das Buch gibts bei Mama, für euch bei Eichborn.
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick