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Wien | 25.10.2003 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '03. fünfundzwanzigsteroktober.
 
 
 
 
Besuch bei Andre Heller
 
Das war so: die Soundpark-Geburtstag-Vorbereitungsgruppe hatte da diese Idee.
Nachdem man im Vorjahr mit Kurt Ostbahn einen geschätzten Granden der heimischen Musiklandschaft zu Gast hatte, der über dieses, jenes, neue österreichische Musik und den Soundpark befragt wurde, sollte heuer auch eine Legende her.

Und da ergab es gut, dass Andre Heller nach über 10jähriger Pause dabei war, wieder ein Album herauszubringen, noch dazu eines unter Mithilfe von Leuten wie Platzgumer, den Waxos, Brian Eno, den Walkabouts oder Thomas D., also allesamt FM4-affine Artists.

So kam also die Idee zustande, die zwei Mittags-Stunden am Sonntag mit Heller zu verbringen. Und auch, dass ich das machen sollte.

Dann aber stellte sich heraus, dass Heller sich den Oktober über nicht mehr in Wien einfinden könnte. Weil die gesamte Aktion aber schon eine enorme Eigendynamik hatte, bewegte sich dann der Berg - in Form eines Zwei-Mann-Teams - zum Propheten, genaugenommen an den Gardasee, wo Heller in einer schmucken, aber durchaus dezenten Villa lebt, die er durch den von ihm zusammengesammelten und öffentlich zugänglichen Botanischen Garten finanziert.

 am see
 
 
beim tee.
 
 
  Über die Expedition, die uns über Innsbruck, Südtirol und Trento an den Gardasee geführt hat, hab ich hier schon ein paar Worte verloren.

Über Andre Heller, den Texter, Songschreiber, Sänger und Musiker wird es Sonntag auf FM4 (ab 13 Uhr im Doppelzimmer) einiges zu hören geben.

Seit seiner ersten Produktionen Ende der 60er ist Heller ein Pionier der avancierten heimischen Popmusik, er ist der erste, der hochwertige Texte mit Pop kombiniert, er ist der erste, der den Dialekt-Song zur Kunstform erhebt, er schreibt Klassiker ("Die wahren Abenteuer sind im Kopf", "Und dann bin i ka Liliputaner mehr", "A Zigeuna mecht i sein"...), die heute abgespeichert als kollektives Wissen in den Köpfen der Menschen herumspuken.
 
 
 
  Hellers Gegenwart ist eher von seinen Aktionen, Kristallwelten, Irrgärten, Shows oder seinem Präsentations-Job für die Fußball-WM 2006 dominiert.

Trotzdem hat er sich jetzt nach jahrzehntelanger Abstinenz wieder auch der Musik zugewandt.
Schuld ist da Sohn Ferdinand, 15, Beatboxer, der den Herrn Papa für neue Musik und auch die neuen Medien, über die diese Musik transportiert wird, interessierte.

Heller war überraschend interessiert am Konzept des Soundpark, gab kluge Kommentare zu einzelnen Stücken und gute Hinweise für junge Künstler ab.

Das alles haben wir am Kamin beim sanften, aber treibenden Tee, den Hellers italienischen Haushälterin aufgebrüht hatte, besprochen.

Die Heller-Villa fällt im doch noblen, aber keineswegs prätentiösen Ort Gardone Riviera nicht weiter auf, dort gibt es protzigeres und prunkvolleres (wie zb die völlig beknackte d'Annunzio-Villa gleich ums Eck), sie wirkt wie ein tatsächlich mit Leben erfülltes Arbeitsdomizil. Schließlich sind auch die meisten der neuen Stücke hier im kleinen Studio entstanden.

Heller, der Kosmopolit, definitiv ein Mann von Welt, kommt nicht daher wie ein großgoscherter Richie Rich, sondern ist der Angelpunkt dieser klug inszenierten und von ihm eigenhändig aufgebauten Welt. Wer sich aus seiner Kreativität heraus ein kleines und dabei noch für die Menschen nützliches Imperium erschaffen kann, der verdient Respekt.
 
 
 
die villa
 
 
  Wir haben also viel über das neue Album erfahren, alles über die Mitmusikanten, vieles über Hellers Zugang zu Musik, zu Texten, zur Sprache, zum Wienerischen und alles über seine Einstellung zur internationalen Karriere, zum Im-Land-Bleiben und zum Weggehen.

Nach zwei Stunden haben wir unsere Aufnahmegeräte wieder eingepackt und sind noch ein wenig durch den Botanischen Garten gestrolcht, den pro Saison an die 100.000 Menschen besuchen.

Wie das klingt, kann wer mag, morgen Sonntag nachhören.
FM4, ab 13 Uhr.


 der eingang zum garten
 
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