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Wien | 16.11.2003 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '03. sechzehnternovember.
  The Capetown-diaries, pt 5.
 
 
 
At home he's a tourist.
 

Es ist ja schon witzig, dass die ÖBB ausgerechnet dann streiken, wenn ich einmal im Jahr wirklich weit weg im Ausland bin. Denn ich als fast-täglich-den-Bahnhof-Besucher hätte da schon viel zu sehen gehabt.

So hab ich von dem tagelangen Streik am Mittwoch im verrauschten Bonustrack-Telefonat und nachher am Donnerstag in einer seltsamen Digitaldruck-Ausgabe der Süddeutschen mitbekommen. Dort übrigens in einem mittelgroßen Artikel so gut und überblickend beschrieben, dass es als Info völlig ausgereicht hat.

Übrigens von S., den ich noch aus gemeinsamen Zeiten bei einer heimischen Tageszeitung kenne, wo er auf seltsam dienerische Art und Weise für die Interessen dieser Zeitung schrieb, während er jetzt bei der SZ offenbar das Gegenteil betreibt. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

 
 
  Die Digi-SZ hab ich in einem Buchgeschäft in Capetown City gefunden, beim St. Georges Mall.
Dort gab es nur deutschsprachige Literatur und ein paar wenige aktuelle Publikationen, wie zb "Die Welt", die ja exakt dem nach Südafrika reisenden Deutschen entspricht: reaktionär, scheuklappig und fad.
Im Geschäft waren nur solche Welt-Leser und auch der Inhaber entsprach diesem Kolonial-(Wir werden den Negern schon zeigen, wie man tüchtig ist)-Typus.

Andererseits frage ich mich, wie wir oder ich denn funktionieren würden, wenn Österreich so etwas wie ein tradiertes koloniales Bewusstsein hätte und dann mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit in die 3. Welt fahren würde.
 
 
 
  Dieser Deutsch-Shop und das Tourismus-Zentrum in Downtown und die Mitreisenden im Flugzeug haben mich dann einigermaßen nachdenken lassen, und dann ist mir die Zeile eingefallen, die ich gesagt habe, als mich die Menschen, die mich kennen, überrascht von meiner Reise-Aktivität ihre Verwunderung ausdrückten: At home he's a tourist.

Damit meine ich, dass ich mich tatsächlich eher daheim touristisch benehme und es fast nie getan habe, wenn ich in der Welt war.
Ich habe das immer dazu benützt, die Orte in ihrer Tatsächlichkeit zu vermessen.
Und das funktioniert mit dem üblichen Touri-Anspruch nicht: das schöne Strände anschauen, das Sehenswürdigkeiten abhaken - das funktioniert nur mit Verdrängung, mittels Verleugnung dessen, was der Ort wirklich ist.

 
 
  Deshalb ist auch dieser Dritte-Welt-Tourismus für mich komplett unverständlich.
Es ist immer und zu hundert Prozent obszön sich auf die reglementierten Pfade dieser Industrie einzulassen, weil man damit automatisch den herrschen Zuständen Vorschub leistet.
Es ist mir unverständlich sich im Wissen um die unstoppbare Ausbeutung von Mensch, Land und Seele in scheinbar paradiesische Nebenwelten zu flüchten (zb Südostasien). Deshalb beäuge ich gerade die politisch korrekt-denkenden Menschen, die sich dann auf Trecks nach Vietnam oder Gambia begeben, besonders misstrauisch. Sie machen sich damit zu Komplizen der Maschinerie der Unterdrückung.

In der Ersten Welt macht man sich als Tourist wenigstens nur selbst zum Trottel, indem man sich als auszusackelndes Objekt präsentiert, zieht aber damit die Schlinge um den Hals der Bevölkerung nicht noch enger.
 
 
 
At home i'm a tourist
 

All die Dinge, die einen klassischen "Erholungs-Urlaub" so auszeichnen, das Sich-Vergessen durch übergroße Drogen-Zusichnahme, das Ausarten in sexueller Hinsicht, das anonyme Sich-Schlecht-Benehmen, das Abtauchen in das Tier in einem selber, ist unter den speziellen Vorzeichen, die Tourismus in der 3.Welt auszeichnen, ein weiterer gedankenloser Stoß in die Wunden dieser Gesellschaften.
Und selbst die gutmeinenden Alternativ-Touristen trampeln erfahrungsgemäß mehr zusammen, als dass sie was Nutzvolles bewirken.

All der oben angeführte eskapistische Schwachsinn, den unsereiner Mitteleuropäer mit Urlaub verbindet (vom klassischen nordwesteuopäischen Touri-Dreckspatz deutsch-englischer Prägung will ich hier gar nicht reden), ist auch schon in Europa unsinnig.
Ich muss hier nicht ausführen, dass sich spanische oder griechische Inselbewohner auch nicht gerade wie Menschen vorkommen, in der Saison, sondern wie Nutzvieh und auch dementsprechend interagieren.

 
 
  Richtig und wichtig wäre es all diesen wahnsinnig ausgeflippten Blödsinn im eigenen Land zu machen.
Die 3.Welt-Menschen, die keinerlei Urlaub kennen oder sich nicht leisten können, tun es ja auch, und das nicht einmal schlecht: Exstase als hin und wieder eingesetztes Mittel, um der Einförmigkeit des Alltags zu entgehen - nicht schlecht.

Das Problem ist nur, dass die Urlaubs-Exstase (Drogen-Exzeß in Ibiza, Sauforgie in Bodrom, Fickorgie in Thailand...) keinem realen Bedürfnis mehr entsprechen, sondern aufgesetzte Pseudo-Wünsche sind, in die die meisten durch "Gruppenzwang" hineingezogen werden bzw von verdummenden Idolen (die sie sich höchst freiwillig reinziehen!) vorgelebt werden.

In Wahrheit braucht das alles kein Mensch.
In Wahrheit ist das alles immer und überall zu bekommen.
Auch daheim.

Und die lachhafte Ausrede, dass es ums "Sich-Erholen" ginge: geschenkt.

Diese Erholung, die ja nur im Kopf existiert, ist immer und jederzeit realisierbar, hängt rein gar nicht mit Klimazonen zusammen, sondern ist nur ein Nebeneffekt von dem hierzulande grassierenden Flucht-Syndroms, innerhalb dessen sich viele Menschen vorgaukeln, dass eine Veränderung des Standorts auch sie selber ändert.

 
 
  Ich bin abgeschweift.

Und ich wollte diese Thesen mit den unbeholfenen Worten von Leuten garnieren, die im Flugzeug neben mir gesessen sind: die studienrätinhafte Berg-Wanderin aus Schwaben; der Elektro-Monteur-Supervisor aus Mainz - alles Menschen, die mit geschlossenen Augen durch ihren Aufenthalt gegangen sind und auf ihre - kleinbürgerliche - Art Exstase gefunden haben; auf Kosten anderer.

Ich hielte es für besser und gesünder, diesen Ansatz nicht nur in der Fantasie-Welt und der Neben-Welt des anonymen Urlaubs auszuleben, sondern sich sich selber zu stellen, und es daheim zu machen:
At home he's a tourist.

 
 
  At home he's a tourist ist im übrigen ein Stück der alten Polit-Post-Punks "Gang of Four".

PS:
weil es für einige neunmalkluge offensichtlich zuwenig deutlich war, darf ich noch was zitieren, und zwar das Intro zu einem Frühwerk österreichischer Popkultur.
Da sagt der Künstler: "Dies ist ein beinharter Protestsong. Er richtet sich an alle, die sich betroffen fühlen. In allererster Linie aber richtet er sich gegen mich selbst." Word, man.



Die Capetown Diaries
 
 
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