"Sind Sie Sonntags oft in Schale?
Was essen Sie zum Abendmahle?
Und wie sehen Sie die Lage?
Stellen Sie die Frage!
Ich und du. Interview."
Blümchen Blau, 1982
Es gibt kein anstrengenderes journalistisches Format als das in Frage/Antwort-Modus geführte und ausgestrahlte oder transkribierte Interview.
Alle Profis wissen: Das Interview ist ein Killer. Keiner wird es lesen, keiner wird es zur Gänze sehen oder hören.
Und das, obwohl das Interview in Umfragen gar nicht so schlecht ankommt. Da will aber bloß keiner zugeben, dass er/sie ignorant ist.
Denn eigentlich ist das Interview die schönste journalistische Form: So dicht dran kann man da sein, einen anderen Menschen spürbar machen, ihn atmen und dampfen lassen.
Es sind womöglich die aktuellen Vorzeichen, die mir Interviews verleidet haben: das eitle Gegockle der TV-Interviews, bei denen es so merkbar um die eingelernte Geste, den künstlichen Schmäh und anderes Blend-Material geht.
Dazu kommt, und das gilt auch für Radio (Eigen-culpa), die Kürze dieser Gespräche, die ihnen - schon im hektischen Schnitt, um möglichst viel reinzuquetschen - buchstäblich den Atem nimmt.
Andererseits: Wer trägt auch schon ein längeres Gespräch oder Verbal-Geplänkel? Sollte es nicht immer ein Glücksfall sein, als dessen Augen- oder Ohrenzeuge man sich sonnen kann, anstatt der institutionalisierten "So, und jetzt ein einstündiges Interview!"-Fadesse.
Ich sags gleich: Ich hab keine Lösung.
Ich darf aber so indirekt auf ein kleines Experiment hinweisen, das FM4 in den Weihnachtsfeiertagen zweimal eingehen wird.
Am schwersten sind Interviews ja im Print-Bereich.
Denn sie haben nicht nur all die angesprochenen Probleme (von Eitelkeit bis Fadesse) sondern noch ein schier übermenschlich zusätzliches: die so schwierige Übersetzung von Sprech- in Schriftsprache.
Niemand spricht so wie er schreibt, ganz im Gegenteil. Die tatsächliche Aussage, der Duktus, der Drive eines Gesprächs, eines Interviews kann durch falsches Niederschreiben so schnell zerstört werden wie durch eine schlechte Übersetzung (weil es sich ja um eine Übersetzung von der einen in die andere Sprache handelt).
An dieser Crux scheitern die meisten tagesaktuellen Interviews, die oft in einer grotesken Zwittersprache gehalten sind, weil ein gestresster Redakteur das Gestammel (und niedergeschrieben ist das meiste, was wir so reden, Gestammel) nicht aus seiner Halbherzigkeit in etwas, was sich auch schriftlich verständlich macht, übertragen kann.
Zudem gibt es - gerade im Politik-Bereich - in den letzten Jahren die zunehmende Unsitte des Autorisierung von Interviews, was im Extremfall darauf hinausläuft, dass der Interviewte den gesamten Text eh völlig beliebig umschreiben kann.
Andererseits ist sowas im Zeitalter des Newsismus natürlich auch nötig. Und, wenn ich mitverfolge, was mein Schreibtisch-Gegenüber Petra H., die FM4-Pressefrau, oft an haarsträubenden Hör-, Recherche- oder Wissensfehlern aus diversen Interviews, die diverse Print-Kollegen mit Fm4lern führen, rettend rausstreicht, gibt es dafür - vor allem im, sagen wir einmal höflich, Amateur-Bereich durchaus Bedarf an solchen Regeln.
In der deutschen Innenpolitik ist der Wickel derzeit aber so weit gediehen, dass sich die gesamte Qualitäts-Presse hinter einer Initiative der linken "taz" schart, die gegen genau diesen zur Voll-Zensur ausgearteten Schwachsinn antrat.
Nun gibt es seit ein paar Tagen ein dickes und fettes Magazin, das all diese Risiken wohl kennend, nichts anderes abdruckt als Interviews: Galore kommt aus dem gleichen Haus wie das anstrengende "Visions", macht aber nicht die Fehler dieser zappeligen New Metal-Parodie, sondern seine Sache erstaunlich gut.
Ich habe eine ganze elendslange Straßenbahn-Fahrt in die Wiener Outskirts im Galore herumgeblättert und tatsächlich auch das gemacht, was man sonst NIE (eine Tradition seit dem Playboy, den man ja nur wegen der guten Interviews - hahah - gekauft hat) tut: die Interviews auch gelesen.
Und ich hab tatsächlich was mitgenommen.
Tricky ein bisschen besser verstanden, Michael Stipe ein wenig gespürt, Scholl grinsen gesehen, T.C. Boyle kennengelernt, Sorge um P.J. Harvey gehabt, Charlotte Roche wieder - wie immer - total uninteressant gefunden und die Meinung über eine der destruktivsten Figuren der Popmusik, Roger Waters von "Pink Floyd" ("Es gab niemals ein Swinging London") leise geändert.
Eines der Gespräche kannte ich schon: das mit Uma Thurman, das in einer Samstags-Ausgabe der SZ erschienen war, wo auch oft gute Interviews zu lesen sind, weil sie immer ein Thema, ein vorgegebenes Leitmotiv haben, das eben verdammt gut gewählt sein muss.
All diese positiven Beispiele haben eine Gemeinsamkeit: Sie wurden von exzellent vorbereiteten Menschen geführt, die die Biografien der Interviewten kannten, sich auch andere große Interviews angeschaut hatten und so Zwischentöne herausarbeiten konnten, und die allesamt auch ein grundsätzliches Fan-Gefühl dem Gesprächspartner gegenüber hatten.
Das klingt selbstverständlich, sollte es auch sein, ist es aber nicht.
Es gibt genug entsetzliche Gelegenheiten, sogenannte Kollegen bei sogenannten Interviews zu erleben.
Ein Freund, der nebenbei auch Popstar ist, hat sich unlängst ausgeweint, dass er es echt nicht packt, dass auch scheinbar coole Alternativ-TV-Stationen tatsächlich einen verseuchten Wicht schicken, der einer bereits einigermaßen bekannten Gruppe dann tatsächlich die drei Fragen "Wie seid ihr auf den Namen gekommen?", "Wie habt ihr euch kennengelernt?" und "Was wollt ihr mit eurer Musik ausdrücken?" und nicht mehr gestellt hat.
Das sind Groupie-Fragen, die man an der Bar stellt, bevor man zum Aufriss übergeht.
Interview im hier lang erklärten Sinn kann das nie eines werden.
T.C. Boyle meint in seinem Interview (in einer sarkastischen Kritiker-Attacke), dass das jeder könne. Er sagt, komm, wir sehen uns jetzt einen Film an und schreiben morgen eine Review für die L.A. Times. Jeder kann das, man muss nur eine Meinung haben, sagt Boyle.
Hübsch, wie er sich da widerspricht und es nicht merkt. Denn genau das ist der Punkt: Meinungslosigkeit verhindert jedes Gespräch, Unwissen kann es bis zur Besinnungslosigkeit zerstören.
Und beides ist in der Berufgruppe, der unsrigen, allzu stark vertreten.
Weshalb es selten gute Interviews gibt. Weshalb ich dann sowas an sich Simples wie diese Galore-Ausgabe echt erfreut gelesen habe.
Danke schön!