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Wien | 7.12.2003 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '03. siebenterdezember.
 
 
 
 
Wie ein unveröffentlichtes Album die Pop-Geschichte veränderte
 

Irgendwie hat sich - zufällig - seit zwei Tagen eine Popkultur-Vergangenheitsschau eingeschlichen, mit Antonioni gestern und Springsteen vorgestern.

Und heute folgt auch noch Teil 3 dieser kleinen zufälligen Serie. Auch unabsichtlich.

Während die anderen Geschichten durch ein Gespräch bzw. ein Foto ausgelöst wurden, bezieht sich die heutige Erinnerung auf eine Mojo-Covergeschichte, die ich dieser Tage gelesen habe.
Sie hat mich einigermaßen verbüfft.
Ich hatte gedacht, alles drüber zu wissen, aber die entscheidenden Fäden in diesem Puppenspiel waren mir neu.

Es geht um das wichtigste Album der Pop-Geschichte, das es eigentlich nicht gab und was es bewirkt hat.

Nämlich (letztlich) das Ende der Naivität und der Veränderungs-Hoffnung in der Pop-Musik; wenn man es negativ sieht.
Wenn man es positiv formuliert, dann hat es das blöde Hippietum beendet und die Musik wieder dorthin geführt, wo sie hingehört: ins echte Leben.

Aber von Anfang an ...

 
 
  Am 25. Juli 1966 hat Bob Dylan einen Motorrad-Unfall, der ihn fast das Leben kostet. Dylan hatte gerade "Blonde on Blonde" veröffentlicht, das erste Doppelalbum der Pop-Geschichte und war im Zenith, der unumschränkte Gott, an dessen Lippen alle hingen.

Zwischen Dylan und der Byrds auf der einen und den Beatles auf der anderen Seite des Atlantiks hatte sich seit Dylans erster UK-Tour 64 ein extrem wichtiger Austausch entwickelt, der weit drüber hinausging, dass David Crosby Lennon und Co mit allen möglichen und unmöglichen Substanzen bekanntmachte.

Dylan und Lennon/McCartney/Harrison schickten einander Tapes mit halbfertigen oder fertigen Songs und schaukelten sich so zu Höchstleistungen. Manches ist sogar ganz direkt verwandt wie Dylans "4th time around" und Lennons "Norwegian Wood".

Mit dieser Achse regierten Dylan und die Beatles die Welt, von Rubber Soul bis hin zum Weißen Album, von Subterranean Homesick Blues bis Blonde on Blonde.

Dann kam der Motorrad-Unfall, der Dylan für fast ein Jahr außer Gefecht setzte.

 
 
  Im Mai 67, als Pennebakers Dylan-Tour-Doku "Don't Look Back", immer noch das beste Portrait diesen Phänomens, veröffentlicht wurde, spielte Dylan mit seinen Freunden von "The Band" die ersten Sessions nach dem Unfall, und zwar im Basement der "Big Pink"-Studios in der Nähe von Woodstock, wo Dylan ein Haus hatte.

Dylan war vor dem Unfall ein von sich selbst besessener Drug Addict, manchmal so vollgestopft mit Amphetaminen, Kokain oder LSD, dass ständig Explosionsgefahr in alle Richtungen gleichzeitig bestand.

Gleichzeitig konnte er sich, wenn er arbeitete und nüchtern war, so konzentrieren, dass er innerhalb von zwei Tagen im Studio fast die Hälfte der Blonde On Blonde-Stücke schrieb.
Dylan war beängstigend, aber auch auf einem beängstigendem Weg.

 
 
  Das Jahr in der Halskrause hatte Dylan ruhiger gemacht, die langwierige Behandlung wieder sauber.
Dazu kam die seltsame Clubhaus-Athmosphäre im Big Pink-Studio sowie die Ansammlung genuin-weirder Charaktere seiner Mitmusiker, der Band.
Die hatten einen ordentlichen Rock-Background, waren aber ebenso wie Dylan Freunde der Roots-Musik, von Country, Folk, Blues oder Gospel und sie verstanden es, mit diesen Genres zu spielen und daraus etwas Neues rauszuholen.

Mit anderen Worten: die sonstwo rumschwirrende LSD-Psychedelic, der Sommer der Liebe in San Fransisco, das Swinging London, die Happenings und Love Ins, all das Zeug, das also 67 und 68 für die aufregendsten Erlebnisse der erstmals kollektiv agierenden Jugendkultur (von Teilen) der westlichen Welt, waren im Basement von Big Pink ausgeblendet.

Dort saß ein von einem schweren Unfall durchgeschüttelter mit ein paar Kumpanen und machte einen Gegenentwurf, der der Zeit weit voraus war. Weil er sich nicht mehr mit der schon irgendwie ausgemergelten und von allen möglichen Trittbrettfahrern ausgeleierten Hippie-Seligkeit dominieren ließ, sondern eine neue Erdverbundenheit andeutete, eine Art ironischen Widerstand gegen den nicht zu überkommenden die welt regierenden Irrsinn.

 music from big pink.
cover-artist: dylan.
 
 
  Im Oktober 67 nahm Dylan sein zurückgenommen-spirituelles Album "John Wesley Harding" auf, das z. B. "All along the Watchtower" enthält und Anfang 68 erschien.

Wirkliche Beachtung fanden aber die Tapes, mit den Albert Grossman im November 1967 in London eintraf.
Die Musik, die Dylan und die Band im Frühling 67 im Big Pink gemacht hatten, war nicht für eine Veröffentlichung gedacht.
Aber sie war so interessant und weird, dass Grossman, Dylans väterlicher Mentor und Manager, bei Dylan durchsetzte, sie nach England mitzunehmen und dort in Musikerkreisen zu verteilen.

Die Basement Tapes bestanden aus über 50 Songs, manche in verschiedenen Versionen und Takes, einige waren Covers von z. B. Curtis Mayfields "People get ready" Brendan Behans Text "The Royal Canal" oder Johnny Cashs "Folsom Prison Blues", enthielt John Lee Hooker oder Blind Lemon Jefferson-Adaptionen, der Kern waren aber 20 oder 25 Dylan-Band-Stücke mit scheinbar simplen, irgendwie methaphtorischen Texten, oft im Blues-Schema, die wie Skizzen klangen und keineswegs - wie damals üblich - ausufernd oder weltmusikalisch offen produziert klangen, sondern sehr Keller-Garagen-Basement-mäßig, LowFi-Irrsinn, absurde Außenseiter- und Loser-Balladen.


 
 
  Eric Clapton, der gerade "Cream", das exakte musikalische Gegenteil, aufgelöst hatte, sagte, dass er sich nach dem ersten anhören der Basement Tapes wie ein lächerlicher Dinosaurier vorgekommen ist.

Clapton kopierte seine Basement Tapes für Steve Winwood, mit dem er ein kurzlebiges anderes Dino-Projekt ("Blind Faith") hatte. Winwood veröffentlichte (mit Traffic) 1970 ein Album, das deutlich an die Basement Tapes anschließt: "John Barleycorn must die".

Im Winter 67 verbrachte Mick Jagger einige Wochen in Brasilien. Mit an Bord seine damalige Freundin Marianne Faithfull und - als einzige Musik - die Basement Tapes.
Die Faithfull erzählt, dass es gar nicht möglich war, dass das Tape, das sie den ganzen Trip über immer und immer wieder gespielt haben, Jagger NICHT beeinflusst hat.
Und in der Tat klingt "Beggars Banquet" dann wie die Stones-Version von "Yazoo Street Scandal".

Zoot Money, der damalige Gottseibeiuns der Londoner Szene, spielte die Basement Tapes Jimi Hendrix und Brian Jones vor. Es gab zahlreiche solche Listening Sessions.

Und Grossman besuchte Leute, die einzelne Songs daraus covern sollten. Manfred Mann bekam "The Mighty Quinn" und Brain Auger & Julie Driscoll "This Wheel's on Fire".
Beides wurden Smash-Hits.
Fairport Convention, die damals führend britische Folkrock-Band nahmen gleich drei Stücke: "Million Dollar Bash", "Down in the Flood" und "Open the Door Homer".
Die Byrds nahmen Dylans ironisch für sie geschriebenes "You aint goin' Nowhere" auf,
Hendrix entschied sich für "All along the watchtower".

 
 
  Grossmans Missions-Ziel war offenbar, mit einer Welle an Dylan-Covers so etwas wie ein Song-Imperium aufzubauen.
Indirekt beeinflusste aber die Machart der Originale auf den Basement Tapes die gesamte britische Musikszene.

Als das Weiße Album der Beatles 1968 dann unironische Schunkler wie Obladi Oblada oder Bungalow Bill enthielt, die auf Sgt. Pepper noch unmöglich gewesen wären, wusste man endgültig, woher der Wind wehte.

Dylan hatte - unabsichtlich? absichtlich? - alles gedreht.

Im August 68 erschien "Music from Big Pink", der Teil der Sessions, die "The Band" ohne Dylan aufgenommen hatte, mit einem von ihm gemalten Cover.

Von einer Veröffentlichung der Basement Tapes war weiterhin keine Rede. Die Tapes hatten längst ihre Tour durch die Wohnzimmer der Fans angetreten und kursierten in abenteuerlichsten versionen und Zusammenstellungen.

Die Basement Tapes wurden zum ersten echten Bootleg der Rock-Geschichte.

 
 
  Weder Dylan noch die Plattenfirma sahen eine Notwendigkeit der Veröffentlichung: 69 nahm Dylan mit "Nashville Skyline" und "Self Portrait" gleich zwei Alben auf.
Außerdem verweigerte er dem Woodstock-Festival, das die beiden Veranstalter absichtlich in der Nähe seiner Cabin angesiedelt hatten um ihn damit speziell zu ködern, seine Teilnahme.
Dafür tritt er dann komischerweise zwei Wochen später beim "Isle of Wight"-Festival auf.
Wenig später beenden dann die Manson-Morde und der Incident beim Altamont-Festival die kurze Glücks-Ära des Hippie-Zeitalters.

Die wichtigsten Stücke der Basement Tapes wurden erst 1975 von CBS (jetzt Sony) veröffentlicht. Bis heute kursieren unendlich viele andere Varianten auf Bootlegs, die mittlerweile eine eigene Sub-Gruppe der Popkultur darstellen.

Die Basement Tapes sind immer noch wie ein in Bernstein eingeschlossenes Insekt: klar in ihrer Struktur, leuchtend und erleuchtet gleichzeitig. Und: die wichtigste unveröffentlichte Platte aller Zeiten.

 
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