Natürlich hat das Thema gestern abend alles überlagert, vor allem wenn Medien-Menschen zusammenkommen.
Und natürlich ist klar: das avisierte Ende der Harald Schmidt-Show ist ein Debakel, eine Katastrofe.
Und es treibt nicht nur Pamela in den Trübsinn, sondern lässt auch hartgesottene Medien-Fresser wie Ch. Verzweiflung äußern.
Dennoch denke ich, dass die im Gefolge dieser für viele nicht verständlichen Entscheidung geäußerten "Alles-geht-den-Bach-runter" oder "Fernsehen ist tot"-Schlachtrufe einfach nicht richtig sind.
Ich will das im folgenden begründen.
Schmidt war auf sat1 acht Jahre auf Sendung.
Ich kann mich an kein kontroverses TV-Format in den letzten 10 Jahren erinnern, dass ähnlich langlebig war.
Das hat mit der Einzigartigkeit des Schmidt-Konzepts zu tun, das ja bei weitem über die amerikansichen Late Nite-Talk-Vorbilder hinausgeht; nichts gegen Letterman, aber die Dichte, politische Relevanz und den formidablen Balance-Akt zwischen kanonistisch agierendem Oberlehrer und Anarcho, den Schmidt seit Jahren tanzt, kann keiner aufweisen.
Das hat auch damit zu tun, dass sich sat1 immer der Ausnahme-Situation der Schmidt-Show bewusst war und beinhart und unbeirrlich auf sie gesetzt hat.
Hätten die Verantwortlichen in den frühen Jahren, als die Sendung noch Kritik der Marke "das is ja viel zu arg", "der ist soooo zynisch" oder "das ist mir echt zu hoch" einstecken musste (also die reaktionäre Gewalt des TV-Zuseher-Mobs zu spüren bekam) nachgegeben, Schmidt hätte die Anfangs-Phase nicht überlebt, wie zb Küppersbusch bei der ARD.
Die Entwicklung hin zu DEM herausragenden Tv-Event des deutschen Sprachraums war aber nur mit einer Lern-Phase wie den ersten zwei, drei Jahren möglich, weil es ja - und das versuchen Programm-'Denker', vor allem der Privaten, ja immer wegzuwischen - noch nie ein gekünstelt hingeschmissenes Format, sondern immer nur gewachsene Programme tatsächlich zu einem mittel- oder langfristigen Erfolg und damit auch zu einer Stilprägung mit Definitionsmacht geschafft haben.
Die Schmidt-Show war in diesem Spiel der Kräfte, das in Deutschland seit der Einführung von Privat-TV vor 20 Jahren tobt, immer ein Ausnahme-Beispiel.
Schließlich kam Schmidt vom öffentlich-rechtlichen ARD, hatte beim vergleichsweise progressiven WDR seine Hausmacht und sowohl Kabarett-, Theater-, Experimental- als auch Große-Show-Erfahrung.
Jedem, der mit ihm dealte, war klar, dass dieser Mann auch jederzeit woanders könnte, wenn er wollte.
Solche Start- und Grundbedingungen sind im Haifisch-Biz Kommerz-TV (und nicht nur dort) aber lebenserhaltend.
Offenbar hat Schmidt nun eine Gefährdung dieser Ausgangslage gesehen. Mit dem bisherigen sat1-Manager, Martin Hoffmann, gab es eine scheinbar friktionsfreie Zusammenarbeit, die Schmidt die größte Gefahr, nämlich die ständige Einmischung von irgendwelchen Figuren (die er in einem Interview einmal wenig schmeichelhaft als ahnungslose Prada-Schlampen und Gucci-Schwuchteln bezeichnet hatte) die den TV-Markt verantworten, vom Hals hielt.
Seit der Übernahme durch die Saban-Gruppe und den neueingesetzten sat1-Chef Roger Schawinski ist hier einiges massiv gestört.
Schmidt hat recht brachial reagiert, den sehr schnell durchgeführten Takeover beinhart kommentiert und aus entweder Verstimmung (über Nicht-Einbeziehung? wegen Nicht-Information?) oder Solidarität mit Freund Hoffmann oder einem anderen Grund den Notausgang gewählt.
Diese Vorgangsweise ist nun sicher nicht spontan passiert, sondern als Option bereits lange vorbereitet, schließlich ist die Schmidt-Produktionsfirma selbst innerhalb der Kölner TV-Landschaft ein Koloss.
Das lässt vermuten, dass es auch andere, langfristig-taktische Gründe für dieses allzu plötzliche Ende gibt.
schawinski
Was in diesem Zusammenhang auffiel, war Schmidts recht undifferenzierte Lobrede auf die Erfolgsprogramme seines Freundes Hoffmann, bei der er 2 Comedy-Formate (Engelke und das von ihm produzierte 'Was guckst du?'), ein Minidrama und zwei mir unbekannte Serien aufzählte. Und, ja, den 'Bullen von Tölz'.
Das ist nun aber zum einen nicht wirklich das Wahnsinn und alles andere als die Wirklichkeit von sat1.
Sat1 hat seinen Platz eins unter den deutschen Privaten über jahre hin an die Konkurrenz verloren und fristet jetzt hinter RTL und pro7 ein Aschenputteldasein.
RTL kann eine echte News-Kompetenz aufweisen, pro7 eine Film&Serien-Qualität; sat1 hat - außer Schmidt - rein gar nichts.
Seit dem Verlust der Fußball-Bundesliga-Rechte und der katastrofal gehandhabten Champions-League dieses Jahres hat der Sender innerhalb von nicht einmal einem halben Jahr auch noch seine gesamte Sport-Reputation verloren.
Die Lage ist seit dem Kirch-Debakel kritisch.
Sat1 ist zwar absurderweise in Österreich neuer Kabel-Marktführer, aber das interessiert in den Chefetagen ebenso, wie wenn eine Gams im Kühtai in die Schlucht scheißt.
Dort kann man sich zwar mit dem guten Ergebnis von pro7 trösten, in Wahrheit denkt die deutsche TV-Branche aber schon leise drüber nach, ob nicht zwei statt drei großer Privat-Programme auch völlig reichen würden.
hoffmann
Unter diesen Vorzeichen ist jetzt auch das Schmidt-Desaster zu sehen. Hier geht es um mehr als nur die wichtigste Show im deutschen Sprachraum und ob sie Menschen, die mehr als nur die letztklassige Niederbügelungs-Unterhaltung und voyeuristische Obszönitäten wollen, sondern Reibung und Auseinandersetzung, weiterhin bereichert oder nicht.
Denn erstens hat erst die Schmidt-Show selber dieses interessierte und kritische Publikum entscheidend mitgeformt. Das gab es vorher nicht.
Und zweitens interessiert so eine Forderung die rein taktisch agierenden Medien-Manager so sehr wie die Musik-Note im Zeugnis.
Interessant wird trotzdem, was sich in den nächsten Tagen bewegt.
Interessant zb die Forderung aus der Politik, dass sich die Öffentlich-Rechten Schmidt jetzt angeln sollen.
Interessant die taktisch unerhört dümmliche Ankündigung von Schawinski (der, so sagen Augenzeugen, an sich eher kein slicker Heini, sondern ein kantiger kluger Kopf sein soll) eine tagesaktuelle "neue Late Nite Show" als Nachfolge-Programm hinsetzen zu wollen.
Da läuft einiges aus dem Ruder, da ist jetzt vielerlei möglich.
Auch möglich, dass dieses Szenario ein (zumindest teilweise) geplantes ist, und die vertragliche Lösung schon irgendwo in einem Tresor liegt.
Und auch möglich, dass Schmidt da mitgespielt hat.
Denn: nur weil er der beste Aufspürer von Widerwärtigkeit, Falschheit, Verlogenheit und Lächerlichkeit in der deutschen Gesellschaft ist, heißt es nicht, dass er nicht Teil eines Spiels derselben sein kann.
Bedenkt: über die nunmehr allerorten durchgeführten Heiligsprechung des Opfers Schmidt würde sich die Schmidt-Show ohne Ende lustig machen; und mit Recht.
Und lest die kluge Einschätzung des FAZ-Feuilletons, das auch einen Schlenker zum ORF enthält.