Das war wohl nichts gestern: in der Zeitspanne, wo ich das Journal hätte einfüllen können, war die Seite down; oder es ging nicht über die Frontpage hinaus.
Und am Sonntag ist auch die Internet-Redaktion nicht besetzt, hat es also auch keinen Sinn ein Word-Dokument zu schicken und zu bitten, dass sie es einfüllen.
Außerdem: ist ja auch wurscht, erscheint es halt erst heute.
Ich wollte nämlich was zum Samstag abend im Flex anmerken. Da fand eine der unregelmäßigen G-Stone-Nächte statt. Freundliches, gutaussehendes Publikum, gut gefüllt, weil schon zu kalt für draußen, viele Flex-Novizen, die kurz glaubten ihre Mäntel beim Geländer hinter der Bar, der als Aufgang zum kleinen Plattform genützt wird, ablegen zu können, oder (hippiemäßig) auf den Stufen zwischen Plattform und Dancefloor sitzen (!) zu können.
Kurz, wie gesagt.
Der smoothe G-Stone-Sound ließ die Menschen mittelstark wippen, und man reckte sich die Hälse um die Stars auf der Bühne zu sehen. Dorfmeister stand am Flyer, es war aber nur Kruders Lockenkopf zu sehen.
Dann aber tauchte der Schatten eines sehr großen Mannes auf und erste Kreischer gingen durchs Publikum. Das war der Mann, dessentwegen sie hier waren, seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten ein großer Freund der G-Stone-Partie: Daddy G. von "Massive Attack".
Mit "Massive Attack" ist das ja so eine Sache. Sie sind imstande so vieles zu vereinen, dass es mich immer wieder staunen macht.
Trotz ihres grundsätzlich düsteren und letztlich negativen Untertons, trotz ihrem Soundtrack für die dunkle Seite des Planeten, trotz ihrer hörbaren Kenntnis um die Macht und die Kräfte des Bösen ziehen sie zu einem großen Teil ein exakt gegensätzliches Publikum an: teilweise sind das sehr brave, sehr naive Leute, die in den sphärisch klaren Momenten zwischen den Distortions und geflüsterten Verwünschungen von Massive Attack das Engelsgleiche sehen und den Rest einfach ausblenden können.
Deshalb haben Massive Attack ein massiv breites Publikum. Das passiert bei wirklich innovativen, riskanten und radikalen Konzepten extrem selten; da dominiert meistens die Angst des Publikums vor dem Unbekannten.
Im Fall von Massive Attack wäre diese Furcht angebracht, was man ja auch sehr schön an der noch unbarmherzigeren Variante, dem Offspring Tricky sieht, der wirklich den Teufel kennt.
Trotzdem werden Massive Attack nicht gefürchtet, sondern aus einem klaren Bauchgefühl heraus geliebt und erreichen damit Massen, die sie keineswegs verstehen, aber durch dieses bauchige Lieben halt irgendwie fühlen können.
Und im Gegensatz zu den meisten sehr künstlichen Fan-Abhängigkeiten der Pop-Branche ist diese undurchschaubare Symbiose etwas natürlich Gewachsenes.
Wäre Pop Natur, dann würden sich etliche Universum-Folgen mit diesem Ausnahme-Phänomen beschäftigen.
Den einen Teil, den einer unerklärlichen Liebe des Publikums zu Massive Attack, spürte man also schon im Vorfeld, noch ehe Daddy G., der Riese mit dem massigen Gesicht und den milden Gesten, an diesem Samstag im Flex den ersten Turntable drehte.
Der andere Teil dieser Partnerschaft überraschte dann und zeigte, dass dem Daddy diese Situation bewusst war, und, dass er viel draus gelernt hatte (über die Jahre). Denn er spielte ein Set, dass sich hierzulande niemand so trauen würde.
Daddy G. begann mit einem Michael Jackson-Beat (Billy Jean, glaube ich) und schwindelte sich nicht, wie alle anderen Plattendreher, in eine der zahllosen House-Stücke, die das kopiert hatten, sondern ließ zwei Strophen stehen. Und sein drittes Stück war ein sehr tanzbodentaugliches Christina Aguilera-Stück (das ich zugebenermaßen nur wegen eines Hinweises erkannt habe). Der darauffolgende HipHop-Block hatte folgende Eckpfeiler: diesen ODB-Standard mit dem Geklingel, eine Spät-80er-Single des englischen Local Hero Young MC und, ja, "Jump" vom House of Pain. Und so ging das weiter.
Mit anderen Worten: Daddy G. spielte ein Set, das sich exakt zwischen den Welten bewegte, rein gar nichts mit der dubbigen Schwerniss von Massive Attack zu tun hatte, kommerziell im besten Sinn war und sich trotzdem keine Sekunde lang an irgendwen angebiedert hat.
Die strikte Trennung, die es hierzulande zwischen den Tanzboden-Welten gibt, die existiert in des Daddys Heimat, dem popkulturell immer noch definitionsmächtigstem aller Popkulturen, dem Vereinigten Königreich eben, nicht. Oder nicht soooo.
Der Daddy G.-Ansatz ist in keiner der drei mir bekannten hiesigen Club-Szenen (Großraum-Tschinbum, After-Nasen-Clubbings, Wr. Elekronik & Verwandte) da.
Das hat mit der gänzlich anderen Pop-Geschichte unseres Landes zu tun, und ich weiß auch nicht, ob ich diese Trennung nicht - aus der größeren Notwendigkeit einer Abgrenzung - eh für notwendig bzw sogar für überlebensnotwendig halte.
Manchmal tut aber so ein Einblick in die Kernzone dieser Kultur und ein Splitter dieses völlig anderen Ansatzes so wohl wie ein Schluck frischer Guave-Saft (just heute hab ich ein Plakat gesehen, dass mit dieser neuen Sorte angibt ...).
Sonntag war ich dann wieder am Ort des Verbrechens und habe - benefiz- und LID-mäßig die FM4-All-Star-Band unterstützt.
Die hat nach harten und endlosen Proben (okay, mehr als zwei sind sich nicht ausgegangen) Rock-Klassiker aus den letzten 5 Jahrzehnten gecovert: Beatles, Stones, Elvis, Doors, GunsnRoses, Beasties ...
In diesem Bereich, grob gesagt dem Rock, hab ich mir da gedacht, ist der Kreuzüber leichter möglich. Eine zu ihrer Zeit als lächerliche Teenager-Bedienungs-Maschine wie Guns'n'Roses (die ähnliche Glaubwürdigkeits-Werte wie N'Sync hatte) abgetane Band ist in der nachträglichen Rezeption ebenso "cool" wie der Anfangs-Jackson in Daddy G.'s Set.
Und der Schritt zu Aguilera ist dann nur ein kleiner und würde im Stadion-Rock-Bereich dann zu Robbie Williams oder Kylie/Britney führen.
Da hätten (und hatten wir ja schon) dann aber in den Publikums-Foren den großen Aufschrei.
Zurecht.
Aber gleichzeitig auch zu unrecht.
Aber hier geht es ja nicht um "richtig" oder "falsch", sondern darum die Ansätze zu verstehen; und manchmal auch in die "anderen" Bereiche reinzuschnuppern.
Ja, das war es, was ich an diesen beiden Abenden gelernt habe.