Ich hatte zwei Ziele, die das Journal '03 erreichen sollte.
Zum einen zu belegen, dass die Geschichten auf der Straße liegen und man sie jeden Tag aufklauben kann, in Massen. Genau dieses Bewusstsein macht, finde ich, Journalismus aus. Ich erlebe viel zu oft (auch rundherum), dass man sich mit einer "Sis ja nix im Fernsehen"-Mentailtät zufriedengibt und nichts tut, nichts angeht, sich keine Gedanken macht und deshalb auch keinen Output hat.
Es ist besser, (das war eine zu überprüfende These von Ziel eins), jeden Tag etwas zu thematisieren und dabei manchmal daneben zu liegen oder sich gar zu irren (denn nur der, der nichts tu, irrt nie) als sich dem fauligem Strudel der Wurschtigkeit zu ergeben.
Diese These hat im übrigen gehalten.
Auschnitt aus einem Mail-Verkehr:
>jeden tag geb ich euch ein anderes ding.
>wer sich bei 365 dingen im jahr nicht eines rauspicken kann, dass ihm nicht taugt, ist ein meinungsloser idiot.
>wer es tatsächlich tut, ist auch ein idiot.
Das zweite Ziel war, mir selber zu beweisen, dass ich genau das nicht nur anreiße und theoretisch beherrsche, sondern über eine lange Strecke weg (und ein Jahr ist verdammt lang) tatsächlich umsetze.
Dazu bedurfte es nicht nur der klassischen Sport-Reporter-Methaphorik von Disziplin und Konzentration oder des Starmania Beteuerungs-Mantras vom Hart-Arbeiten, sondern hauptsächlich dem Willen, die innere Goldmine auch dann um 16 Uhr abzubauen, wenn sich alles gegen das In-die-Hand-nehmen der Spitzhacke sträubt.
Also auch an Tagen, wo sich nicht durch einen Konzert- oder Film-Termin, dringliche Tagesaktualitäten oder so genannte aufglegte Gschichtn einfach gar nichts aufgedrängt hat und ich tatsächlich gezwungen war, an die Reserven zu gehen und etwas zu thematisieren, was erst auf den dritten oder vierten Blick interessant scheint.
Denn: wirklich interessant ist alles, wenn man es interessant erzählt und mit wesentlichen Fragen des Lebens verknüpft.
Mir war das auch deshalb wichtig, weil es in einer Zeit zunehmender Sprachlosigkeit (angesichts des medialen Überangebots sowohl extrem unlogisch als auch absolut verständlich), gar eines Sprachverlusts nichts Wesentlicheres gibt als sich verständlich zu machen.
Dieses Journal verstand sich immer als Verständlich-Macher.
Dass dies auf simplem Niveau möglich ist, beweisen Machthaber weltweit Tag für Tag.
Dass das aber auch auf einem komplexeren, verknüpfenderem Level möglich sein muss, dafür ist gerade die in die Tiefe gestaffelte Netz-Kommunikation mit ihren Link-Bezugsmöglichkeiten prädestiniert.
Dies galt es auszuloten.
Natürlich geht das nicht für jeden im gleichen Maß.
Die einen wissen zu wenig und fragen bei jeder (ihnen eben noch unbekannten) Selbstverständlichkeit nach;
die anderen wissen schon viel zu viel, und verlangen stetig das Ungehörte und Unerhörte;
die dritten stülpen ihre Pragmatik, ihren Zynismus oder ihre Verschwörungstheorien über jegliche Worte und drehen sie einem Kreisel gleich in eine Richtung, die sie nicht wollen und dann grauslich finden können.
Und dann sind da die, die lesen, zustimmen oder ablehnen, sich freuen oder ärgern, die sich aber eines lassen: anregen.
Und um nicht mehr als die Anregung geht es.
Bei einer täglichen Annäherung an die Welt und den Ausschnitt, den sie gerade zeigt, kann es nur um eine Verweis-Politik gehen, nicht um Grundlagenforschung.
Das ist mir ab jetzt wieder möglich.
S., der in Hamburg im Exil lebt, sagt, dass er die Journale jeden Tag liest, einfach um so zu erspüren, was denn in der alten Heimat los ist. Irgendwer hat ihn gefragt, warum es denn in diesem täglichen Journal, das er da immer liest, gehe, und S. hat instinktiv die einzige richtige Antwort gegeben: "Ums Leben."
Es geht ums Leben. Es geht immer ums Leben.
Mein Weblog hier hat den Untertitel "Geschichten aus dem wirklichen Leben" und ich habe 03 eine ganze Menge aus meinem richtigen Leben einfließen lassen, lassen müssen, weil sich das nicht abgrenzen lässt.
Ich kann und mag nicht zwischen den Gefühlen, die ein Tricky-Konzert ausstrahlt, und meinen Gefühlen differenzieren müssen, ich mag nicht zwischen einer Jugend-Fußball-EM und einer FM4-Party werten, ich mag nicht die privatestmögliche Wohnungsgeschichte gegen die bösestmögliche Poier-Polemik eintauschen, ich betrachte sowohl das Flex als auch das Magazin des Tagesanzeigers als mein verlängertes Wohnzimmer, ich hab sogar wieder eine neue Lust am Wegfahren erfahren, ich will Liebe und Kaffee ebenso wie Krieg oder Kifferei behandeln.
Das alles hat ein Jahr lang funktioniert; besser als erwartet, besser als befürchtet, viel besser als beunkt, teilweise übertrieben gut beleumundet, mit den Zwillingsbrüdern Liebe und Hass überhäuft.
Ich möchte diesen großangelegten Feld-Versuch, dieses Zielerfassungs-Instrumentarium, diesen Thesen-Überprüfer jetzt aber nicht einfach Teil der Selbstverständlichkeits-Maschinerie werden lassen.
Es wird Juni/Juli eine Fußball-EM und ein dazugehöriges EM-Log geben, das wird täglich genug sein.
Ansonsten melde ich mich hier, wenn ich was zu sagen habe.