Der denkwürdige 24. Juni, diesmal mit ein bissl Abstand.
Der Tag hatte einen merkwürdigen Flow: irgendwie getragen, aber lässig getragen, irgendwie langsam, aber auf eine eher chillige Art, irgendwie wie mit einem zusätzlichen Flor umweht.
Das hatte vielleicht damit zu tun, dass das erste, was ich medial an diesem Tag so mitbekommen habe, die Live-Übertragung einer Presse-Konferenz (danke, ARD) war, bei der Teamchef Rudi Völler seinen Rücktritt erklärte.
Ich war ja unbedingt dagegen, bin nach Völlers zweiter Wortmeldung umgeschwenkt.
Da gab er nämlich einen Grund an, der von hoher strategischer Reife und Weitsicht zeugt und damit belegt, dass hier nicht ein Mann mit veralteter Denke zurecht in die Pension abgeschoben wird (hallo Trap! hallo Inaki! hallo Otto!), sondern ein kluger Kopf abtritt.
Dass das alles im Rahmen einer sehr manierlichen PK ablief, die von klugen, sensiblen und druckreif formulierten Fragen der deutschen Journalisten-Kollegen und einem auf den Punkt gebrachten Statement des DFB-Chefs Mayer-Vorfelder (den man aufgrund seiner wenig noblen Vergangenheit als CDU-Bonze und auch als Schutzpatron des doofen Christoph Daum durchaus auch kritisch sehen sollte) zu einem fast sakralen Event wurde, verlieh diesem durchaus staatstragenden Charakter.
Weil man zudem - im Gegensatz zu vergleichbaren Kanzler- oder Stoiber-PKs - auch die Höhe des Wahrheitsgehalts der Aussagen fast schmecken konnte wie hochprozentige Bitter-Schokolade.
Sie lag bei 90% würde ich schätzen.
Völler, im Bewusstsein seines letzten großen öffentlichen Auftritts, noch von der Trauer des Ausscheidens umfasst, sprach da von der Bürde, die er schon in den letzten Vorbereitungsspielen gespürt hatte: dass bei Medien und Öffentlichkeit - durchaus zurecht - kein Vertrauen in die Fähigkeiten des Teams da sind und, nach dem doch schockenden Ausscheiden (denn damit hatte der selbstbewusste Nachbar dann doch einfach nicht gerechnet) auch keine Aussicht auf eine positive Wendung in den nächsten 2 Jahren bis hin zur Heim-WM 2006, wo man ja keine Bewerbsspiele zu bestreiten hat und so noch viel mehr auf so etwas wie eine Grundstimmung angewiesen ist.
völler und sein immer etwas dümmlich wirkender assi skibbe.
Alles, was Völler da an Verbesserung tun kann, ist den Weg für jemanden freizumachen, der nicht mit der Belastung eines EM-Outs konnotiert ist (oder besser: wird).
Dass Völler diesen Beschluss für diesen Fall schon VOR der EM festgelegt hat, ehrt ihn.
Diesen Denk- und Überlegungsvorsprung wünsche ich allen in dieser Branche Verantwortlichen.
Völler erwähnte in diesem Zusammenhang natürlich auch seinen verbalen Ausfall in Richtung Kritiker vom Herbst.
Und sagte wohl erstmals öffentlich auch die Wahrheit drüber. Dass das nicht wirklich er war, sondern jemand, der eine taktische Maßnahme setzt, die ihm allerdings entgleitet.
Dadurch, sagte Völler dann, hatte er sich selber der Möglichkeit enthoben, irgendwann wieder durch einen verbalen Gewaltakt (in welcher Form auch immer) Wirkung zu erzielen. Er könnte diesen einen Ausbruch nicht mehr toppen, also wäre so etwas zukünftig kontraproduktiv.
Und damit wäre das Instrumentarium, mit dem Völler in den nächsten zwei Jahren den öffentlichen Druck vor einer Heim-WM, bei der Millionen Bundestrainer ihr Team zumindest im Finale erwarten, regulieren kann, auf diplomatische Maßnahmen beschränkt.
Dass dies, wenn es Scheiße läuft, nicht so recht funktioniert, hatte Völler im Vorfeld und bei der EM erfahren.
Das ist eine enorm schlaue Einsicht, die entweder auf profunde Beschäftigung mit Psychologie oder auf wahre praktisch erworbene Lebensweisheit schließen lässt.
So gesehen haben der Ausbruch von Island bzw. die Vorfeld-Schlappen bei Rumänien und gegen Ungarn Völler mehr zum Rücktritt gebracht als das EM-Out.
Und das alles war nach einer halben Stunde Live-PK sonnenklar aufgebreitet worden.
Nach dieser seltsam traurig über dem (Fußball)-Tag schwebenden Rücktritts-Sache enterten die bezaubernden Ash das Funkhaus, brachten kurz britische Frische in die Räume und spielten frühabends ein wunderschönes semi-akustisches Set im Radio-Kulturhaus, durchaus froh über die Tatsache, dass ihnen noch genug Zeit blieb, sich vor einem Großbildschirm einzufinden, um England im Viertelfinale die Daumen zu drücken.
Dass das Resultat für sie deprimierend war, ist keine Frage. Dass sie im Moment des Abpfiffs der Verlängerung, so wie alle Briten, wussten, dass es vorbei ist - wann hat England zuletzt ein wichtiges Elferschießen für sich entschieden? nie? - machte den Frust nicht geringer.
Dass Ash mitten in Wien, so wie Frau Annas Sohn mitten im Stadion in Lissabon, so wie 70.000 andere ohrenbetäubende Narren im Estadio de Luz, so wie Millionen andere Menschen weltweit ein Jahrzehntespiel, eine Sternstunde gesehen haben, oder besser: ihr beiwohnen durften, wissen wir alle schon seit gestern Abend.
Deswegen nur ein paar Anmerkungen zu Dingen, die bei diesem Spiel dieser EM nicht untergehen sollten.
Deco zum Beispiel.
Deco, der Spielmacher des FC Porto, Champions-League-Sieger und in den bisherigen EM-Matches Spielmacher und treibende Kraft, gelang im Spiel gegen England zum Beispiel nichts.
Gar nichts.
Überhaupt nichts.
Er war extrem fleißig, mannschaftsdienlich, spielte an, spielte ab, aber jeder Ball, den er an diesem Abend trat, war ums Arschlecken zu lang oder zu kurz, jede Annahme sprang ihm ein paar Zentimeter zu weit weg, jede Attacke schlug fehl.
Deco hatte gestern die Seuche am Fuß.
Trotzdem wechselte Scolari nicht ihn, sondern den in besserer Form agierenden Figo, den anderen Playmaker, aus.
Figo, der König von Portugal, hatte Kabel von Golden-Gate-Brücken-Größe im Hals, als er vom Platz ging, direkt in die Kabine und nicht mehr gesehen ward.
Ich hab lange überlegt, warum Scolari so gewechselt hatte. Die einzige sinnmachende Erklärung zeigte sich in der Verlängerung auf dem Platz.
Da Portugal drei Offensiv-Kräfte reingewechselt hatte, standen in der Extra-Time nur noch drei Abwehrspieler, zwei nach vorne orientierte Mittelfeldspieler und 5 Angreifer auf dem Platz.
Das geht, solange man selber angreift, vielleicht gut.
Als sich das englische Team noch einmal aufbäumte (und dadurch auch ins Spiel zurückkam), war es aber nötig, dass sich noch einer dieser Offensiven nicht zu schade ist, auch hinten zu arbeiten.
Geopfert hat sich, richtig: Deco.
Deco, der Spielmacher, war sich nicht zu schade, in dieser entscheidenden Phase einen rechten Verteidiger zu mimen.
Deco hatte gemerkt, dass bei ihm an diesem Tag nichts nach vorne ging.
Also opferte er sich und stellte sich in die Defensive - noch dazu gegen den frisch hereingekommenen und agilen Hargreaves.
Das ist wahre Leadership-Größe und ist eine größere Leistung als ein Assist oder ein großes Spiel nach vorne.
Geschichten wie die von/mit Deco gab es in diesem Spiel Dutzende.
Deshalb nur noch eine Beckham-Anmerkung: Er, die Pop-Ikone dieses Sports, wird aus dem gestrigen Drama gestärkt hervorgehen, so absurd das jetzt klingen mag.
Beckham hat das von ihm verschuldete (Rote Karte) Ausscheiden bei der WM 98 unbeschadet überlebt. The Public verzieh dem Glamour Boy, man bejubelte sogar die Entscheidung, ihn zum Kapitän zu machen.
Und Beckham hat seither in jeder Sekunde bewiesen, dass er zurecht Captain dieses Teams ist.
Er ist der Chef am Platz, er setzt die emotional wichtigen internen Handgriffe, er treibt an und fordert und er schießt alle Standards, und zwar meist großartig.
Becks vernudelte schon einmal bei einem entscheidenden Elferschießen was und er vergab im Spiel gegen Frankreich schon einen Strafstoß.
Trotzdem nahm er, der Chef, der Captain, gestern wie selbstverständlich die Verantwortung und schoss den ersten Penalty im Elferschießen.
Auch das ist wahre Größe. Sich nach einem Fehlschlag zu verstecken, das wäre erbärmlich.
Beckham stellte sich seinen Dämonen und ging wieder unter.
Aber genau das macht ihn groß. Und wieder wird er nicht mit einem Verlierer-Makel aus diesem Turnier und aus dieser Saison gehen, sondern mit der Sympathie, die wir knapp gescheiterten Helden eben entgegenbringen.
Diese Mythologisierung (siehe dazu auch wieder Theweleit liegen in der menschlichen Natur.
Und sie machen den Reiz dieses schönsten Spiels der Welt mit aus.