Es war das qualitativ beste Großereignis seit zwei Jahren.
Nein, Scherz.
Nach der doch eher entäuschenden WM 02 war diese Euro ein Genuss.
Und wohl auch im Vergleich zu der brillianten EM 2000 ein enormer Fortschritt.
Was sich in diesen vier Jahren an Schnelligkeit, technischer Fertigkeit, taktischer Cleverness und gezielter Verbesserung der Physis getan und entwickelt hat, ist beeindruckend.
Es war ein tolles Turnier mit grandiosen individuellen und herausragenden Team-Leistungen.
Schließlich hat es gleich zwei "Jahrzehnt"-Spiele gegeben, die - nicht nur was Spannung, sondern vor allem - was moderne Athletik, Kampfgeist, Spiel-Intelligenz und vor allem Dramatik betrifft, in jedes Video-Lehrbuch für Fußball auf allerhöchstem Niveau gehören.
Und zwar ganz vorne.
Die Spiele Niederlande - Tschechien (19. Juni) und Portugal - England ( 24. Juni) haben Standards für die Zukunft gesetzt, was die Entwicklung des Fußballs betrifft und damit die vagen State of the Art-Spiele der letzten paar Jahre (Liverpool - Alaves, Frankreich - Brasilien mit diesem Roberto Carlos-Wundertor?) problemlos abgelöst.
Hier hat man den Fußball der Zukunft gesehen, der sich nicht darin erschöpft, dass man sich nach einer knappen Führung zurückzieht und die über die Zeit schaukelt, sondern auch zeigt, wie man Spiele umdrehen kann.
Die Geschichte, auch die des Fußballs, wird nämlich nicht ausschließlich von Siegern geschrieben, das weiß man spätestens seit den Holländern, die in den 70ern zweimal nur Zweite waren, aber die taktischen und systemischen Maßstäbe bis tief in die nächsten zwei Jahrzehnte hinein gesetzt haben.
Die Sieger dieses Turniers, die größte Sensation der Fußball-Geschichte, haben etwas anderes gezeigt: dass mit einer kompakten Team-Leistung auch im Konzert der Künstler ein Durchmarsch möglich ist - ich möchte diesen Sieg mit dem EM-Titel der Deutschen '96 in England vergleichen, der auch nicht gerecht war, aber zurecht erfolgt ist, weil dieses damalige, von Matthias Sammer geführte Team den Willen hatte, sich nie in Zweifel erging und immer sicher war zumindest ein Tor zu erzielen.
Dass man damit bis zum Titel durchkommt, ist 96 ein wenig glücklich gewesen, und war es diesmal auch (schließlich blieben die Griechen in der Vorrunde nur wegen der Tordifferenz nicht hängen), ist aber ein Fingerzeig für eine oft unterbewertete Tugend.
Was außer dem überraschenden Sieg bleibt ist eine allgemeine Tendenz dafür, "the beautiful game" noch schöner zu machen, es wieder in Richtung Offensive zu befreien, wofür die Grundausrichtung der allermeisten Teams mit drei Angreifern spricht, die ich hier bereits ausführlich beschrieben habe.
Kurze Fußnote dazu: auch der Weltmeister spielte 02 ja bereits dieses System, mit Ronaldo - Ronaldinho - Rivaldo als offensivem Dreier-Verbund.
Was wir noch mitnehmen: ohne klare taktische Ausrichtung ist Fußball kein Spitzensport, der per TV diesmal alle Geschlechter und alle Schichten in seinen Bann zog, sondern bloß ein Pimperl-Spiel.
Will sagen: der blinde Kranklismus (gehts auße und schpüt eicha schpü!) hat gegen den angewandten Schachnerismus (der hat seine Trainer-Diplom-Arbeit über das 4-4-2 verfasst und lebt es mit seinem meisterhaften GAK auch) keine Chance.
Und vor allem Trainer, die in alter Herberger'scher oder Happel'scher Verschleierungs-Tradition so tun, als hätten sie keine Vorgaben oder keine genaue Aufgaben-Verteilung für ihre Spieler, sind die ausgefuchstesten Taktiker.
Im modernen Spiel, und das konnte man bei dieser EM sicher an die 60mal beobachten, hat jeder Spieler jeder Mannschaft zumindest zwei konkrete Aufgaben, die es im Spiel umzusetzen gilt.
Und nur die Mannschaft, bei der die elf Spieler am Platz diese Aufgaben auch erfüllen, oder im Optimalfall sogar übertreffen, hat eine Chance auf Mehr.
Deswegen kamen die Griechen so weit, deshalb hat das tschechische Team so gut ausgesehen, daran sind die Gastgeber von Spiel zu Spiel gewachsen, daran sind die Holländer letztlich, als es hart auf hart ging, gescheitert.
Und dass selbst Teams, die all die beherzigt und verinnerlicht haben, wie zb Italien oder Spanien doch schon in der Vorrunde ausscheiden mussten, zeigt wie hoch der Standard in Europa ist, und wie eng alle zusammengerückt sind, was Qualitäts-Level betrifft.
Mein vor dem Turnier doch eher unsicheres Herumgeeiere um eventuelle Favoriten hat sich im Turnier selber darin bewahrheitet, dass es unmöglich ist, innerhalb der Dichte, die all diese Profis an den Tag legen, klare Unterscheidungen zu treffen.
Ein paar wenige Details können einen turnover bewirken, eine völlig anderen Fortgang, sie sind spiel- und somit turnier-entscheidend.
Das war zb bei der EM 2000, als viele gute Teams am Start waren, aber nur vier davon wirkliche Klasse hatten (die vier Semifinalisten) noch anders.
Das also haben wir gelernt.
Was wir mitnehmen sind die, wie schon gesagt, zwei besten Spiele der letzten Jahre: Portugal - England und Niederlande - Tschechien.
Was ich darüberhinaus mitnehme ist die Erinnerung an ein weiteres dritten großes Spiel: Italien - Schweden (18. Juni). Wären die beiden anderen Wunderspiele nicht gewesen, würde dieser tolle Fight jetzt die erste Erinnerungs-Geige spielen und das nicht nur wegen Zlatan Ibrahimovicens Zauber-Tor.
Ich erinnere mich gern an den unglaubliche Turnover bei Frankreich - England, dem - wie wir jetzt noch dazu wissen - letzten Aufzucken eines großen französischen Teams der vergangenen Jahre.
Oder an das Vorfinale Spanien - Portugal und seine ohnmächtige Spannung, oder an das zu unrecht als kontrovers eingestufte, sondern einfach nur durch seine Eigendynamik hochgeschaukelte 2 : 2 zwischen Schweden und Dänemark;
an den Sieg des tschechischen B-Teams gegen Deutschland, einen der raren Momente, die so etwas wie historische Ausgeglichenheit belegten; und an viele extra-spannende Viertel- und Halbfinal-Spiele.
Mich haben - nach einem kurzen Rückblick - nur vier, fünf Spiele - qualitätsmäßig - sauer aufstoßen lassen, und nur an ganze zwei erinnere ich mich mit so etwas wie leisem Ekel.
Das ist für ein großes Turnier ein sensationeller Schnitt.
Der Rasen-Hase
Bei diesem Turnier sind zuschauermäßig zwei Dinge aufgefallen: vorort eine extrem gutgelaunte farbsichere CI-Sicherung durch die jeweiligen Fans, die zudem niemals in lachhafte Nationalismen abfielen, sondern ihren Auftritten immer einen harmlosen Party-Charakter gaben.
Und vor den heimischen TV-Schirmen und Big Screens, auf denen der bereits hier gelobte Herbert Prohaska (den ich derzeit übrigens dauernd auf Schiele-Plakaten all over Wien zu erkennen glaube) wahre Wunder wirkte, klebten so viele Frauen, wie bei einem großen FB-Turnier noch nie zuvor.
schneckerl, von schiele gemalt.
Sowas ist immer ein gutes Zeichen, egal ob bei Musik oder anderen Torheiten, die oft und viel zu lange von bubischen Nerds alleine konsumiert werden. Wenn sich Frauen dafür interessieren, dann wird es erst wirklich interessant.
Das Interesse der Frauen setzt auch aus den ganz oben genannten Qualitäts-Gründen ein, und dockt vor allem auch an der Emotionalität an, die anderen Groß-Ereignissen - meist ob ihrer Künstlichkeit - fehlt.
Vor allem die Unmittelbarkeit des Mitanzusehenden, die direkte Umsetzung des Geschehens in echte Gefühle wie Freude, Trauer, Wut, Verzweiflung, Glück oder Amoklauf birgt mehr Potential in sich als jeder Hollywood-Drama-Schinken.
Dass Frauen zudem auch Rasen-Hasen der Woche ausrufen (im Falter war es Milan Baros, nach dem man sich die Finger abschleckte) tut dem ganzen ein Übriges.
hase
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Auch wenn für die meisten jetzt wieder zwei Jahre Pause ist, bevor sich der Wahnsinn in Deutschland wiederholt und es in drei Jahren dann ein öffentliches Bewusstsein dafür geben wird, dass diese wunderbare Veranstaltung in Österreich stattfinden wird, für uns devotete Narren, die diese emotionalen Mitleidereien zweimal die Woche haben, geht es weiter, immer weiter.
Morgen Dienstag beginnt in Peru die Copa Amerika, die Meisterschaft der südamerikanischen Nationalmannschaften, mit den Giganten Brasilien und Argentinien, den Mittelmächter Paraguay, Uruguay und Chile, dem Gastgeber, dem abgeschlaffter Titelverteidiger Kolumbien, den Außenseitern Ecuador, Bolvien und Venezuela und den Gästen aus Mexico und Costa Rica.
Brasilien stellt eine B-Mannschaft, weil sie für viele europäischen Stars keine Freigaben bekommen haben, aber dieses B-Team ist immer noch gut genug, um alle anderen weltweit zu schlagen.
Argentinien hat sich bemüht, alle Stars zusammenzufangen und wird ein harten Contender.
Wenn jemand weiß, ob und wo dieses Turnier in irgendeinem Kanal (Satellit?) übertragen wird, bitte mail an mich!
Morgen hier an dieser Stelle: mein ganz persönliches Dream Team dieser EM.