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Wien | 14.10.2004 | 20:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Präsident Pilch und die Lust am Untergang.
  Eine offene Polemik gegen Teamchef Hans Krankl und das System dahinter.
 
 
 
 

Es wäre ein Leichtes, sich jetzt, nach dem schlimmen Abend in Belfast, an Hans Krankls soziopathischem und realitätsverweigendem Zuck-Aus festzukrallen und ihn als "irre-regulären" Grund für all den Wahnsinn an die Wand zu nageln, an dem Österreichs Fußball (spezieller: die Nationalmannschaft) leidet.

Dass Krankl ein Zuwenig-Könner und somit nach normalen betriebswirtschaftlichen Maßstäben unhaltbar ist, weiß man.
Dass die Begriffe Kritik- und Lern-Fähigkeit für ihn nicht existieren und alles, was von außen (also nicht von ihm selber) kommt, sowieso als Blödsinn abgetan und als Verschwörungs-Theorie in der eigentlich eh alle (UEFA, Schiedsrichter, Presse, andere Trainer, Ausländer und eben alle Menschen außer Krankl selbst) vorkommen, haben wir in den letzten Jahren mit Erstaunen zur Kenntnis genommen.

Dass er auf Grund einer eklatanten Führungsschwäche des ÖFB weiter als Frontfigur (gleich einem Papier-Tiger) vorgeschoben wird, um mit seiner Emotion jegliche inhaltliche Inkompetenz zu verkleistern, ist bitter genug.

 
 
irre-regulär ...
 

Trotzdem ist Krankls verbaler Amok-Lauf natürlich bezeichnend.

Bezeichnend für den Zustand eines Verbands, der 2008 ein weltweit beobachtetes Turnier ausrichten soll, und in der Vorbereitung dafür weder sportlich noch von der Verankerung des Turniers im Denken seiner Bevölkerung, noch dem Schaffen eines Diskurses im Umfeld bislang auch nur einen Millimeter bewegt hat.

Krankl hat es mit dem aus ihm heraussprudelnden, weder sachlich noch fachlich richtigem (geschweige denn emotional gerechtfertigtem) Irrsinn gezeigt, wo der ÖFB steht.

Nämlich am Feldherrnhügel des "Kottan" in der Endphase. Mit Krankl als Groteske aus der Parallelwelt seiner Inneneindrücke in die Wirklichkeit erhebender, groben Unfug vor sich hin mäandernder Polizeipräsident Pilch.
Eine Karikatur.

Erschütternderweise setzt der gleiche Reflex ein, der von Patzak-Zenker in den völlig entrückten Pilch-Szene der Schlussphase so schön gezeigt wird: je blödsinniger, aberwitziger und realitätsferner das salbadernde Geschwätz wird, desto weniger widerspricht die Umgebung Pilch.
Weil es in diesem Stadium auch keinen Sinn mehr hat.

Das passiert derzeit ja auch Krankl.
 
 
 
  Manch einer erhebt sein Derealisations-Gerede aus dem Windsor-Park gar in die Höhen der Klassiker-Reden von Trap oder Völler.
Aber nicht alles, was aufsehenerregend wie ein Irrwisch daherkommt, hält auch einer inhaltlichen Begutachtung stand.
Im Fall Windsor/Krankl bleibt z. B. gar nichts über.
Krankl blockt ja auch die zartesten Hinweise auf sich stellende Fragen mit störrischen Durchhalte-Parolen bar jeder Inhaltlichkeit ab.

Krankl ist mittlerweile ja schon selber klar, dass er außer seiner Emotion nichts hat.
Nichts.

Also setzt er sie so clever wie möglich ein.
Die vielen Ahnungslosen lassen sich mit sowas schon wegbluffen.

Dass er dabei das Schiff, das ihm fahrlässig überlassen wurde, direkt in den Untergang steuert, sieht er ob der vorgeschützten Emo-Krokodilstränen in seinen Augen natürlich nicht.

 krankl am spielfeldrand.

PS: danke für den Pilch-vergleich an hannes duscher!
 
 
Krankl ist eben KEIN Motivator.
 

Die Crux liegt aber ganz woanders.
In den letzten Jahren ist - das hab ich in diesem Weblog schon mehrfach angesprochen, zuletzt anlässlich der EM - der Weltfußball niveaustechnisch einerseits auseinandergedriftet (Clubs), andererseits hat er sich angenähert (Nationalteams).

Wie man anhand der Ergebnisse in der WM-Quali weltweit sieht, kann fast jeder jeden schlagen.
An einem schlechten Tag ist England in Österreichs Reichweite, an einem guten Tag kann Polen uns auswärts biegen und auch Azerbeidjan wird noch Punkte machen.

Der Unterschied im Polen-Spiel z. B. war nur der, dass Ivanschitz und Kühbauer keinen guten Tag hatten, Mila und Krzynowek hingegen schon.

Wenn alles eng beinander liegt, dann entscheidet die Tagesverfassung.

Und der Kopf.

Dass die Favoriten, die großen Nationen, immer noch die Spiele eher für sich entscheiden, liegt in ihrem Selbstbewusstsein begründet.
Sie gehen als Sieger ins Spiel, Krankls Buben nicht.

Absurderweise ist es ja so, dass Krankl behauptet, in genau diesem Punkt ansetzen zu können: "Motivation".
Und ganz Österreich (oder zumindest 68%) glauben ihm (dem zweitbesten Spieler des Jahrhunderts) das sogar.

Kann er aber nicht.

Alle positiven "Wir sind stärker als der Gegner aus Polen/Nordirland/Whatever"-Aussagen werden durch die angstvolle Körpersprache der Interviewten eindrucksvoll konterkariert.

Sie glauben das mitnichten.

Wenn Andi Ivanschitz, ein wunderbarer Spieler und schlauer Kerl vom Gewinnen redet, dann zweifelt er in Wahrheit und sein Gesicht verrät es uns.
 
 
 
Kovacic auch nicht...
 

Wie soll er auch?

Wenn Krankls Co-Trainer zum Gaudium der Beteiligten in aller Öffentlichkeit einen Toto-Schein ausfüllt und dabei auf 3:0 der Tschechen gegen Österreich tippt, dann wissen alle Spieler, dass die nach außen gerichteten Durchhalte-Parolen Blabla sind, und hier nur ein Job erledigt wird.

Krankl fällt in den seltenen Trainingslagern nur dadurch auf, dass er sie geografisch so legt, dass er bequem am Abend heimfahren kann, um die Patschn vor'm Fernseher strecken oder seine Maßschuhe im In-Lokal spazierenführen zu können.
Am liebsten würde er überhaupt alles (siehe EM-Besuch) von zuhause aus machen.

Wenn man im Teamtrainingslager hautnah mitbekommt, dass Hans Krankls einziges Interesse der Person Hans Krankl gilt, und alles andere dem "Problem" untergeordnet wird, dass ihm eine Suppe beim Mittagessen nicht so schmeckt, dann können sie seine "Ehre" und "Moral"-Ansagen nicht so ernstnehmen, wie sie es sollten.

Diese Hausmeister-Haltung des Motivators gebiert natürlich auch Hausmeister-Fußball.

Und das Erschreckende dran ist, dass in der Etappe keinerlei Besserung lauert.

 
 
und Ruttensteiner schon gar nicht...
 

Entsetzliches Beispiel dafür:
Das letzte U 21-Qualifikationsspiel der Österreicher in Düsseldorf gegen Deutschland.
Auch hier war der Gegner (ebenso wie die erwachsenen Polen oder Nordiren oder an einem schlechten Tag Beckham und Co) um nichts besser.
Keinen Millimeter.

Und das aufgebotene Ösi-Team enthielt viele junge Spieler, die im Vorjahr die U 19-EM als hervorragender Dritter abgeschlossen hatten.
Und im Ansatz, das spürte man, war diese Truppe brauchbar eingespielt und sie würde sich schon auch was trauen.

Leider wird sie von ihrem Krankl, nämlich Coach Willi Ruttensteiner, aufgestellt wie ein Grippekranker im Gegenwind.
Ruttensteiner ließ sein Team ohne Sturm spielen - Lasnik ist in Ried ein (guter) offensiver linker Mittelfeldspieler, im U 21-Team muss er sich als Mittelstürmer abmühen, wiewohl mit Kienast oder Konrad echte Stürmer auf der Bank saßen.

Auch diesem Team wurde im Vorfeld jeglicher Mut genommen.
Man ging mit großen Worten in dieses Spiel. Große Worten, die keiner glaubte, und die nachher auch sofort relativiert wurden.
Da war Ruttensteiner nämlich plötzlich schlau und wusste, dass man "gegen die Großen" einfach keine Chance habe.
 
 
 
  Jeder, der dieses Spiel gesehen hatte, müsste den Herrn Trainer für diese Aussage eigentlich abwatschen. NATÜRLICH war die Chance da, selbstverständlich spielten die jungen Österreicher gut mit und zweifellos hatten sie ihre Chancen.
Weil sie auch wirklich GUT sind: Markus Berger, Lechner, Säumel, Osoinik, Stefan Kulovits und die anderen, das sind super Typen, die wirklich wollen.

Letztlich wurde das Spiel aber bei den Wechseln vercoacht - wie es Krankl auch gegen Polen "passierte".

Ruttensteiner nahm knapp vor dem entscheidenden 2:0 der Deutschen einen offensiven Spieler (Öbster) raus und brachte den defensiven Prager.
Warum?
Wollte Ruttensteiner in der 74. Minute das 0:1 halten?

Nach dem 2:0 kam dann ein Verteidiger für einen Mittelfeldspieler.
Warum?
Wollte Ruttensteiner in der 80. Minute das 0:2 halten?
 
 
 
 

Ich verlange weder von Vereinen noch vom ÖFB, dass sie ihr Ding so führen sollen wie in branchenfremden Bereichen. Will heißen, ich verstehe, dass es keinen intellektuellen Zugang geben kann.

Ich verlange aber, dass auch dort die simpelsten Gesetze der Betriebswirtschaft und des Managements eingehalten werden.
Und dass einem Bereichsleiter, der nunmehr ein Verhalten wie Ludwig II von Bayern an den Tag legt, Einhalt geboten wird, dass einer, der wie eine Kottan-Figur knapp vorm Überschnappen agiert, dementsprechend behandelt wird.

Ich weiß, dass es völlig egal ist, was ich oder sonstwer hier oder sonstwo publiziert.
Ich will mich aber nicht dem Vorwurf (auch von mir selbst) aussetzen, die Möglichkeit ausgelassen zu haben, noch rechtzeitig etwas anzumerken.
Dazu tut mir das alles nämlich zu weh.
 
 
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