Wieso war jetzt eigentlich das Bergisel-Springen schon am 3.? In den Vorjahren wurde der ungute Backen doch immer erst am 4.1. durchgehupft.
Oben, sagt U., die beim letzten Innsbruck-Besuch dort war, ist es recht schön, Ristorante am Juchee, guter Blick, guter Geschmack.
Das Areal auf dem Mugelchen, von dem aus man in die schöne Stadt reinstolpern kann, find ich ja auch ganz gut angelegt. Allein der Blick von der Stadt auf die grellblöd bestrahlte Schanze, der bringt mich jedesmal aufs Neue zum Würgen.
Aber das ist ja jetzt nicht der Punkt.
Denn glücklicherweise fand der dritte Bewerb der 4-Schanzen-Tournee nicht unter Flutlicht statt (wie der erste in Oberstdorf, den ich wegen der unsinnigen Vorabend-Programmierung verpasst habe), sondern wie immer halt, früher Nachmittag.
Garmisch hab ich - wie sich's gehört, wie es im alpin sozialisierten Österreich seit Jahrzehnten Tradition ist - am 1.1. zum Frühstück gesehen.
Und Bischofshofen, zum drögen Dreikönigsfeiertag, wird auch wieder so eine Pflicht-Veranstaltung sein.
Skispringen, das läuft einfach, zumindest um den Jahreswechsel.
Heuer ist ja neben dem neuen BMI, einem Body-Mass-Index, der verhindert, dass verhungernde Handtücher halbtot im Wind flattern (wo ist Hannawald? Immer noch in der Bulimie-Klinik?) vor allem eines neu: Janne Ahonen ist unschlagbar.
Gut war der Buster Keaton aus Finnland ja immer schon, aber eine derart lustvolle Überlegenheit hat er seinen Konkurrenten noch nie angedeihen lassen: 88 von 77 Saisonspringen gewonnen und das alles mit seinem Poker-Face.
Reporter: What is your secret of your success, Janne?
Ahonen: I have no secret. Maybe that is the secret, that I have no secret.
Sagt's und verzieht keine Miene.
Mittlerweile ist die Unbeweglichkeit von Ahonens Gesichtszügen natürlich bereits ein clever ausbalanciertes Produkt. Mittlerweile muss der Weißclown merklich immer fast grinsen, weil er es so super zustandebringt, eben genau nie wirklich zu grinsen.
Und manchmal, wenn es ihm schon wurscht ist, dann kommt ihm ja auch ein Lacher aus, aber der ist dann heimlich, und wird durch das sofort wieder aufgesetzte Pokerface schnell wieder zurechtgerückt.
Ahonen ist ein Held, so finnisch, wie es nur geht, trocken und witzig. Und er ist der Beleg, dass es im Skispringen in der Hauptsache um die Psyche geht.
Er gewinnt derzeit alles, weil er derzeit alles gewinnt, und sich nicht hinterfragt. Die anderen kiefeln an Fehlerchens herum und gewinnen deshalb eben nicht.
Ahonen ist in seiner ironisch-traurigen Selbstversunkenheit und Einsamkeit das fleischgewordene Skispinger-Lied.
Christoph & Lollo haben über ihn wohl deshalb noch kein Lied geschrieben, weil es keinerlei Text benötigen würde.
Nur soviel: "Janne Ahonen, Janne Ahonen, Janne Ahonen, Janne Ahonen!"
(PS: wie ich User-Reaktionen entnommen habe (danke dafür!), gibt es sehr wohl ein Stück über den Niemals-Lächler. Verdammt, hab ich überhört! Deshalb wird die obige Passage aber trotzdem nicht gestrichen...)
Im Übrigen hab ich diesmal im 2. Durchgang, dessen langezogenes Finale ich die letzte halbe Stunde über gesehen habe, etwas getan, was ich schon seit sicher über 15 Jahren nicht mehr gemacht habe: ich hab "mitgeschrieben".
Also Note und Weite auf ein Post-It-Zetterl notiert, um gleich bei der Landung abschätzen zu können, ob das, was Uhrmann oder Ljökelsöy da machen, reicht, um Morgenstern oder Höllwarth von der Spitze zu verdrängen.
Damit ist man schneller als mit Teletext oder PC, für ein paar Sekunden, um die man dann den Kommentator so gerne abhängen möchte.
Denn es gibt nichts Lässigeres, als wenn der samt Kogler etwas von "Ja, das könnte sich eventuell ausgehen" dahervorsichtelt ganz laut mit "Aber locker, mit sicher 2 Punkten Vorsprung!" anzugeben - und dank gutem Auge und unermesslicher Skispung-TV-Erfahrung auch recht zu haben.
Früher, in der grauen Computer- und auch Teletext-losen Vorzeit meiner Kindheit, als selbst die TV-Resultats-Einblendungs-Technik noch eine holprige und höchst unvollkommene war, kam ein Fanat wie ich nicht umhin, mittels einer genauen Mitschrifts-Liste halbwegs am Ball zu bleiben.
Zumal mich damals ja nicht nur die Top 5, sondern natürlich noch viel mehr die Schicksale des achtbesten Österreichers, des zweitbesten Russen oder des vierten Schweizers ja immer viel mehr interessiert hatten - wieder im Ansatz ähnlich wie die Skispringer-Lieder, die ja auch eher Verlierer-Schicksale im Visier haben.
Bei damals besonders plapprigen und schusseligen Kommentatoren (einer treibt heute noch auf ATV sein Namen-Falsch-Aussprecher-Unwesen) war es besonders schwer diese Liste zu führen: wenn z.B. die Einblendung fehlte (und das kam oft vor...) und der Kommentator lieber über das Wehwehtschie vom Vechtl oder vom Goldi sprechen wollte, als den Finnen, der eben auf Platz 12 vorgesprungen war, zu erwähnen, hatte man den Scherben auf.
Oder musste Gegenstrategien entwickeln.
Ich erlernte z.B. irgendwann die Fähigkeit, hinter die Kommentatoren zu hören und mich auf den dahinter vor sich hin hallenden Platzsprecher zu konzentrieren.
In Hollywood-Krimis gibt's für das, was meine Öhrchen da konnten, Hi-Tech-Wegblend-Geräte.
Meine Listen waren teilweise besser und präziser als das, was am nächsten Tag dann im Sportteil der Tageszeitungen stand, aber wie gesagt, das war in vorsintflutlichen Zeiten, jenseits einer digitalen Daten-Übertragung.
Ich denke aber, dass eine meiner Medien-Süchte auf dieser kindlichen Erfahrung fußt.
Ich habe nämlich (schubweise, dann aber jahrelang) das Bedürfnis, TV-Sportereignisse festzuhalten, also auf Video zu bannen, wahrscheinlich um mir unterbewusst die Möglichkeit zu bewahren, besser sein zu können als die diversen Nachberichte.
Ich habe also nicht nur kein Vertrauen in die Technik, sondern bin auch (durch zurecht durchaus populäre Schwätzer) um mein Vertrauen in eine korrekte (Nach-)Berichterstattung gebracht worden.
Meine Video-Aufnahme-Sucht garantiert mir da so etwas wie (die Selbst-Vorspiegelung von) Autarkie.
Mit dem Nebeneffekt, dass mir dieses Gefühl völlig ausreicht und ich mich nie (in worten: NIE) mehr mit dem einmal aufgenommenem Sport-(meistens Fußball)-Zeug auseinandersetzen werde.
Dieser Tage schleicht sich gerade wieder eine Phase an, wo ich das lasse (dauert dann auch jahrelang).
Das klingt nach einem leckeren Selbstversuch.
Mal sehen ob mich die erste Verlockung des neuen Jahres, der Hallencup, dann wieder schnappt...