fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 12.1.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 12.1., Mittwoch.
  Warum der Rabenhof, nicht nur für "maschek", wichtig ist.
 
 
 
  Ich bin ja kein Theater-Freund und auch kein Theater-Geher, obwohl in meiner Kindheit/Jugend ja jede Woche mindestens ein Klassiker im (damals einzigen) Hauptabend-TV-Programm Pflicht war.
Aber vielleicht hab ich mich da an "Iphigenie", "Tasso", "Richard III" etc schon zu Schulzeiten sattgeschaut.

Eine Erfahrung aus Berlin im Vorjahr hat mir aber etwas gesagt: was mich in erster Linie am Theater stört ist nicht das Spiel selber (denn das ist einfach von unterschiedlicher Qualität, wie in jeder Kunstform), sondern das affig-hochkulturelle Ringsherum - das sich dann zumeist auch aufs Spiel selber niederschlägt.

Diese Affigkeit ist in Wien selbst in Häusern zu spüren, wo man verzweifelt den kontakt zu einem jungen Publikum sucht. Im Casino am Schwarzenbergplatz zb, einer Burg-Dependance, hab ich seit einer öffentlichen Anmerkung über die Beschaffenheit der in den dortigen Raum hineingeklatschten Bühne ein de-facto-Hausverbot.

 
 
  Eine öffentliche Meinungs-Äußerung gilt, sobald sie nicht hochjubelt, als Nestbeschmutzung. Auch wenn, wie in diesem Fall, sämtliche Fachleute (auch im Casino selber Beschäftigte) die Meinung, daß diese Bühne diesen Raum ruiniert, teilen. Das hat mich, der ich gewohnt bin, Veranstaltern ganz offen Meinung zu sagen, auch weil ich weiß, daß dieses Feedback für sie wichtig ist, dann doch erstaunt und in die Realität des Staats-Theater-Denkens geholt.

Es gibt derzeit eh nur ein Theater in Wien, das es schafft mich immer wieder reinzulocken. Was zum einen an der Abwesenheit dieser Hochkultur-Schnösel-Pose liegt, zum anderen aber natürlich am Programm.

Der Rabenhof hat es nämlich innerhalb recht kurzer Zeit geschafft, so etwas wie ein logischer Anlauf-Punkt für vieles zu werden, was so zwischen Popkultur, Kleinkunst, Aktionismus und riskanteren Theaterformen kreucht und fleucht.
Wohlgemerkt: ich spreche da nicht von einem gewagten Avantgarde-Ansatz, von Thesen- und Theorie-Theater, sondern von einem Widerspiegler der angesprochenen Nischen-Ansätze.


 
 
  Daß so etwas funktioniert, weiß man nicht erst seit dem Erfolg der Berliner Volksbühne.
Daß es in Wien auch ohne institutionalisierte Zuschüsse klappt, ist umso schwerer/erfreulicher.

Gestern abend zb gab es im Rabenhof etwas, was nur dort stattfinden konnte: das formidable Trio maschek präsentierte sein erstes abendfüllendes Programm und schaffte damit das, was der Anglo-Amerikaner "living up to its own legend" beschreibt.

Bislang waren "maschek" auf der Kurz- und Mittelstrecke erfolgreich, mit ihren bösen Neu-Synchronisationen symbolträchtiger politischer oder gesellschaftlich relevanter offiziöser TV-Szenen.

Egal ob als Einlage auf der "Falter"-Party, als regelmäßiger Club-Abend im Gürtel-Lokal, als Radio-, TV- oder sonstwas-Projekt, mit der grotesken Polit-Karaoke von "maschek" schmückte man (der Zuschauer/Besucher) sich gern, ohne da unbedingt in die Tiefe gehen zu müssen.

 
 
  Die lange Form, die nun als "The Great Television Swindle" Premiere hatte, erfordert mehr, logischerweise auch ein Mehr an Anstrengung von den Mascheks selber und löste es auf unerwartet elegante und originelle Weise auch ein.
Erstaunlich auch, wenn man dann auch erfährt, daß der allermeiste Teil der Original-Footage nicht aus irgendwelchen Archiven geholt, sondern selbstgedreht wurde.
Mehr dazu im Nach- und Bildbericht beim Kollegen Glashuettner.

Und das kann derzeit nirgendwo anders als im Rabenhof stattfinden, ebenso wie im Vorjahr das Udo77-Musical, oder die "Seele Brennt"-Schwab-Geschichte mit Sochor und den beiden Buben oder die Supernacht der Weihnachtsstars oder der Protestsong-Contest...

Den Protestsong-Contest wird's heuer wieder geben, am 12. Februar.
Sven Regener, das Genie bei Element of Crime, wird am 28.1. aus dem Herrn Lehmann-Nachfolger "Neue Vahr Süd" lesen.
Im Februar bringt Thomas Maurer den Glavinic-Roman "Der Kameramörder" auf die Bühne, im März machen Stermann und Grissemann was Neues usw...

 
 
  Muß ich mir alles anschauen...

Der ewige Nörgler könnte jetzt was von "Immer die üblichen Verdächtigen" daherjammern.
Ja, selbst wenn.
Die üblichen Verdächtigen mögen in der Vorstellung derer, die sie kennen, große Nummern sein - in der echten Kulturwelt da draußen sind sie absolute Beginner (siehe zb "maschek", die sich erst mit diesem Abend auf die richtige Landkarte spielen) und brauchen eine Plattform wie den Rabenhof wie einen Bissen Brot.

Im echten Leben da draußen ist diese, unsere, die "übliche Verdächtigen"-Position nämlich eine Minderheiten-Position. Und die totzuschwatzen, bevor sie aus der Szene, die es eh schon weiß, überhaupt rausdringt, ist so k-gruppen-dumm wie nur was.

Ja. Und außerdem kann ich dort im Rabenhof stänkern was ich will, und werde trotzdem eingelassen.
Deswegen auch öffentlich: das Rabenhof-T-Shirt mit dem Aufdruck "Boulevard-Schlampe" ist häßlich und böse. Pfuideibel.
Sonst paßt eh fast alles.

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick