fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 19.2.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 19. 2., Samstag.
  Der Star und die Bühne, der Schönheitsfehler und der Abschied.
 
 
 
  Gestern Abend spielte die Wiener Formation "Schönheitsfehler" ihr letztes Konzert.
Sie hören auf.

Dieses Abschieds-Fest in der Arena geriet nicht, wie ähnlich gelagerte Beendungs-Arien, zu einer Trauer-Feier, sondern war eine gemütliche Party in einer übervollen Arena-Halle, mit vielen Fans und Freunden.

Ich denke, der Schönheitsfehler hat den richtigen Zeitpunkt erwischt. Sie haben gerade weder einen Höhe- noch einen Tiefpunkt hinter sich, über den und dessen Einfluss heftig diskutiert würde, und nach 13 (oder 14, 15?) Jahren erübrigen sich dann auch Diskussionen um Abnützung etc.

Warum machen die bloß Schluss, plärrt mir X. ins Ohr - es ist laut hier - es kann doch auf der ganzen Welt nichts Besseres geben als auf einer Bühne zu stehen und bejubelt zu werden.
X. ist etwa 20, kein Schönheitsfehler-Fan, aber mit Freunden trotzdem da, und kapiert es nicht.

 
 
  Wenn ich ihr sage, dass sich nach über 10 Jahren die Bühne auch nicht mehr so anfühlt wie im ersten, und dass das ewige Wiederholen von Dingen, die einem nicht mehr aus der Seele brennen, dann auch nicht die Erfüllung ist, kann sie nicht nachvollziehen.

Denn natürlich flutschen die SHF-Hits auch beim 377sten Abspielen schön und locker von der Hand, und machen die Menschen schön hupfen.
Aber Bö, Milo und Paul sind weiter.
Und es ist gut und richtig, dass sie das auch deutlich anzeigen.

Schönheitsfehler-DJ Operator Burstup kenn ich jetzt seit über zehn Jahren. Und das erste Mal, als ich ihm abseits von einschlägigen Konzerten und Veranstaltungen begegnet bin, war das bei einem Medien-Seminar, wo er für die technischen Dinge zuständig war und da über Gerätschaften und Anwendungen referierte.

Seither hab ich ihn immer als Pionier und Vorzeit-Neugierigen bei allen neuen Tech-Toys erlebt.
Egal, was es da gab, Bö hatte es schon gesehen, gespielt oder ausprobiert, und eine Meinung dazu. Und er kannte fünf andere Super-Experten, die auch eine Meinung hatten.

Bei den anderen (Milo, Paul) ist es auf anderen Feldern ebenso.

 
 
  Diese anderen Interessen haben im Lauf der Jahre dazu geführt, dass der Schönheitsfehler, der als erster da war, der im Sog des deutschen HipHop, anlässlich des ersten Wien-Konzerts von Advanced Chemistry gegründet wurde, und damit das lostrat, was man heute unter österreichischen HipHop kennt, sich immer mehr aus diesem Zentrum entfernt hatte.

Irgendwann machte der Schönheitsfehler dann nicht mehr HipHop, sondern Pop. Und in dieser Welt ist ein Überleben wesentlich schwerer als in der HipHop-Welt.

Die beiden anderen Kern-Zentren sind den anderen Weg gegangen: Texta in Linz haben sich zu einem Produktions- und Ideologie-Zentrum in OÖ entwickelt, und bilden ebenso Nachwuchs aus, wie es Total Chaos, oder besser die Goalgetter-Supercity-Crew aus Innsbruck kommend in Wien tut.

Man bleibt innerhalb der Community, versichert sich ihrer Stärke und verbreitet die Basis.

An dieser Vorgangsweise war der SHF nie so interessiert, vielleicht auch auf Grund der Band-Biografie, die von vielen Verlusten (Huda, Megablast, Cutex etc...) gezeichnet war.

 
 
  CoderL. von C. & L. hat dazu eine eigene These.
Er denkt, dass vor allem die jüngere HipHop-Generation, unter der es die letzten Jahre Mode war, schlecht über den SHF zu reden, dies aus klassisch ödipal-freudianischen Gründen getan habe: den Vater hassen und morden wollen.

Mit dem Tod der Vaterfigur, so denkt CoderL. von C. & L., kann hier nun ein freierer Umgang mit der Gegenwart und auch der Geschichte stattfinden, es müsse nun nicht mehr bei jedem SHF-Diss die Berufung auf ganz früher, wo sie ja Götter waren, sein.

Da hat er schon - zumindest ansatzweise - recht.
Es kann endlich sowas wie eine sinnvolle Geschichtsschreibung durchgeführt werden, die nicht durch negative Gegenwarts-Zuweisungen gestört werden.

Das ist das eine.
Das andere ist, dass für Menschen wie X. das, was die Schönheitsfehler-Jungs in den letzten Jahren erreicht haben, eben nicht so sehr Diskurs-Objekt oder Streitpunkt ist, sondern glitzerndes und anstrebenswertes Startum ist.

 
 
  Was, schreibt J., und rüttelt mich an den Schultern durch, was muss ich tun um ein Star zu werden? Wie geht das?
Ich sage: Kunst; das macht am ehesten Sinn.
Ja, schreit J., meine Mappe für die Angewandte ist eh schon fertig. Aber ich muss das schnell werden, ein Star.
Dann sagt J. noch, dass eine Familie für sie aber auch wichtig wäre und ich seh die Mappe schon verstauben.

Milo, Paul und Christoph, die in den Augen von X. und J. Stars sind, dampfen derweilen ihre letzten Konzert-Jahre in der Garderobe aus.

Ich hab sie - innerhalb des SHF - immer dafür geschätzt, dass sie eben nie Stars sein wollten, sondern dass sie mit dem, was sie ausdrücken wollten und mussten, Leute erreichen und damit einen Tingeltangel-Lebensunterhalt bestreiten wollten.

Und seit gestern auch dafür, dass sie mit ihrem Abschied mitgeholfen haben, die seltsame Star-Vorstellung, die es so gibt, mit den Ansprüchen des echten Lebens in Verbindung zu bringen. Und zu zeigen, dass es wichtiger ist, auf sein inneres Flehen zu hören, anstatt als Projektionsbild auf einer Bühne zu stehen, die sie nicht mehr wollen.
Respect.

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick