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Wien | 26.2.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 26. 2., Samstag.
  Die Farbe von Oberstdorf: zwischen Euphorie und Suizid.
 
 
 
  Angekommen.
Fast.
Die Nordische Ski-WM.
Gestern.

Naja, nicht so wirklich, aber im Vergleich zu Bormio (Ski Alpin) oder anderen Sport-Events der letzten Zeit schon so.

Denn wie Kollege Farkas hier richtig anmerkt: diese Art Veranstaltungen sind wie Sommer-Festivals; oder unschöner gesagt, das Oktoberfest, der Ballermann, sonstwas, wo ganz viele Menschen aufeinandertreffen und das raushängen lassen, was in uns allen drin ist und rauskommt, wenn man auf scheinbar Gleichgesinnte trifft: den Hang zum Mob.

 
 
  Nun könnte man meinen, es sei doch besser, wenn diese sinnentleerte Gröl- und Sauf-Party dann gar nicht erst stattfindet.

Ja.
Für die Menschen vor Ort stimmt das. Wer ein großes Skisport-Wochenende in einem Ort wie Saalbach, Schladming, Kitzbühel oder Bad Mitterndorf jemals miterlebt hat, wird das wohl bestätigen.

Aber Events wie diese geschehen ja nicht um die Ansässigen zu erfreuen - die profitieren sowieso die Jahre drauf, wegen Tourismus und so.

Veranstaltungen wie eben die Nordische Ski-WM in Oberstdorf finden statt, damit die TV-Übertragungen ihr Möglichstes nach außen transportieren.

Dass eine solche WM gar nicht passiert, wenn das Fernsehen einen Tag Pause macht, hat sich ja in Bormio eindrucksvoll gezeigt.

 
 
  Paradoxerweise strahlt nun die Farbe, die die Party in diesen WM-Stätten vor Ort so hat, vor allem nächtens (und sie findet indoors statt, ist also keinesfalls schwarz) sehr direkt bis in die Fernsehzimmer ab.

Man merkt an Form und Verve von Reportern, Sportlern, Funktionären und Adabeis, wie's im Umfeld klappt. Ob es dort Spaß hat oder mühsam ist.

Bormio z. B. war so fad und so grau, dass eben auch die Berichterstattung dementsprechend trüb war. Und wenn die sich nicht von der grauen Wand unterscheidet, dann sieht man sie eben nicht. Und selbst wenn man sie dann sieht, gähnt es in einem, immerzu.

Die Farbe von Oberstdorf hat sich dann gestern am späten Nachmittag herauskristallisiert.

Da fand das Spezialspringen auf der großen Schanze statt, und schaffte, was die bisherigen Bewerbe in Oberstdorf nicht ganz geschafft hatten: Es beseelte die Menschen.

 
 
  Ich mag ja Euphorie.

Ich mag es, wenn Menschen mit glühenden Backen herumlaufen und in glühenden Worten ein Geschehen überzeichnen, das sie in ihrem Inneren gepackt hat.
Auch wenn ich diesen Zipfel selber gerade nicht erhascht habe (so wie gestern z.B.), kann ich mich von der Euphorie der anderen anstecken lassen.

Gestern am späten Nachmittag hatten sie alle glasige Augen und Stimmen, die Reporter und Experten, egal ob im österreichischen, im deutschen oder im eurosportischen Fernsehen; und auch die interviewten Springer und Trainer hatten diesen Blick und diese Stimmen.

Sie alle waren wie trunken von der Kühnheit und Brillanz des eben abgelaufenen Bewerbs, den sie allesamt, ohne sich vorher verabredet oder gar weltverschworen zu haben, als einen der besten aller Zeiten, wenn nicht DEN besten aller Zeiten bezeichneten.

Zuletzt hab ich sowas nach dem EM-Spiel zwischen Tschechen und Niederländern im Vorjahr erlebt.

 
 
  Nun steht diese schöne, gestern ausgebrochene Euphorie noch dazu in einem so krassen Gegensatz zur eigentlichen Ausrichtung des Sprungsports.

Denn der ist in seiner Tendenz depressiv.
Für die künstlerische Umsetzung dieser Erkenntnis verdienen Christoph & Lollo, finde ich, einen ewigen Skiflug-Weltmeistertitel.

Das Springen von Schanzen ins Tal, das von diesen traurigen, dürren, aber würdevoll auftretenden Athleten lemminggleich bestritten wird, ist mehr als nur der Ausdruck von Depression: eine Paraphrase des Suizids, vielleicht seine Überwindung durch die drastisch-möglichste Überhöhung.

Wenn in diesem Umfeld Euphorie ausbricht, dann hat das nichts Gekünsteltes oder scheinbar Improvisiertes wie eine Oscar-Dankesrede; in dieser so wenig heimatlichen Umgebung ist sie echt.

 
 
  Das war es dann, was die WM in Oberstdorf ankommen ließ.

Und natürlich die Tatsache, dass der Größte, der, den sie alle bewundern und verehren als niemals-lachende-Gottheit, dass er in diesem Wettkampf siegreich hervorging: weil Janne Ahonen sich in diesem Bewerb die Krone aufsetzte, wurde das Gefühl für alle, die dabei waren (egal ob vorort in der Glühwein-Hölle oder vorm TV-Schirm, mit gut abgefilmten Bildern), erst zu dem, was dann innert Sekunden die Euphorie auslöste.

 
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