Neue Ausbeutung, alte Selbstausbeutung, der lässige neue Wirtschafts-Standort und die Gazette.
Das Thema, das mich zuletzt als Neuhinzugekommes massiv in meinem beruflichen Alltag begleitet hat, ist die frappante Zunahme des neuen Ausbeutungs- und des guten alten Selbstausbeutung-Journalismus.
Zweiteres wird in einem Lehrstück von seriösem Journalismus, das ich mir auch kürzlich erlaubt habe öffentlich zu zitieren, abgehandelt, absurderweise natürlich in einem Medium, das, wie Kollege Rotifer in seiner diesbezüglichen Geschichte auch ein wenig traurig anmerkt, diese Unsitte selber genauso pflegt. Das scheint aber Methode zu haben, pflegt dieses an sich gut gemeinte Heft auch Unsitten, die es am Cover bei anderen anprangert.
Betriebsblindheit ist, wenn man nur im Diskurs mit sich selber steht und alles andere ausblendet, eine üble Sache. Deswegen bin ich ja froh, dass ich da z.B den Robert (und andere) als Korrektiv habe, und wir den Raum, den wir mit unseren zarten Mittelchen zu überblicken versuchen, nicht nur aus einer Ecke heraus ausleuchten (und das dann für die Wahrheit halten), sondern auch tatsächlich mittels Expeditionen der Durchschreitung auch kennenlernen.
Die neue Ausbeutung findet sich im heimischen Diskurs noch nicht so sehr, weil sie derzeit noch nur im neuen Dritte-Welt-Land Deutschland grassiert, wo alles ganz furchtbar sein muss.
Gestern war ein "Stern"-Reporter bei FM4, der was über den Boom des "neuen Wirtschafts-Standort Österreich" macht, eine Erfindung deutscher Medien, um die heimische Situation zu verdrasten.
Man konnte dem Stern-Mann nicht klarmachen, dass FM4, das er als Beispiel der Kultur-Ökonomie in seiner Geschichte unterbringen wollte, eben kein Wirtschaftsunternehmen sei und in seiner Form weder im neuen Erfolgs-Modell Österreich noch im armen Klappengestell Deutschland nicht bestehen könnte.
FM4 klappt nur innerhalb seines öffentlich-rechtlichen Auftrages, der es der Jagd nach Quote und Werbe-Partnerschaften (zumindest zum Teil) enthebt. Ohne diesen Schutz wären Sponsoren-Interessen und andere grausige Mechanismen, die die Kredibilität unterhöhlen, der sofortige Tod eines solchen Projekt.
In der in Österreich ewiglich ächzenden Medienbranche gibt es nur ein einziges Anzeichen, dass hierzulande alles noch besser ist als drüben, beim achsokranken Mann an Rhein und Spree: es gibt das Übel des unbezahlten und ewigandauernden Praktikums nicht.
Noch nicht. Nicht sooo arg.
Diese Praktikums-Struktur kills journalism.
Ich hab sie erstmals bei den mtvivas bemerkt, die dachten, sich mit mac-jobs aus der Verantwortung befreien zu können.
Das System geht so: eine Moderatorin und ein Redakteur, beide mit der Aussicht auf Ruhm und schnellen Aufstieg scheiße bezahlt, und dazu ein unbezahlter Praktikant, der die ganze Arbeit macht. Nach einer Season schmeißt man den Redakteur raus, ersetzt ihn durch den Praktikanten und holt einen Neuen vom Journalisten-Strich.
Damit ist jegliche Kontinuität und echte Arbeit an einem Produkt unmöglich.
In der Zwischenzeit wurde dieses System von allen anderen Medien adaptiert. Und in Berlin laufen mehr arbeitslose Journalisten als Regierungs-Beamte herum.
Hierzulande, im neuen Superwirtschaftsstandortoptimismuswunderland Österreich, das man nur von Deutschland aus sehen kann, kommt man bislang noch ohne aus.
Der Preis dafür: kaum Medien, die eine subtile Gegenöffentlichkeit zum Mainstream (News abwärts) bieten können.
Oder doch: die Selbstausbeuter, vor allem die aus der Kunstecke (spike und Co), schossen im letzten Jahr wie die Magic Mushrooms aus dem Semmering-Humusboden.
Und sie sind großteils Nebenbei-Produkte von hauptsächlich anderswo beschäftigten, aber inhaltlich dort komplett unterausgelasteten Journalisten.
Weil's nicht anders geht.
Das ist traurig, aber mit dem kleinen, überalterten und regional verwinkelten Medien-Standort Österreich erklärbar, auch wenn es Ausnahme-Erfolgs-Geschichten wie den Falter gibt.
Und das ist bitter, weil diese Selbstausbeutung verhindert, dass jemand eine gesunde Geschäftsidee hat und sie verwendet um eine Vision zu erfüllen - das Gute ist in diesem Fall der Feind des Besseren.
Das Bessere ist natürlich - siehe Falter - unendlich schwer durch- und umzusetzen. Neben der genialen Grundidee (ein unverzichtbarer Terminkalender) braucht es auch den permanenten Willen dran- und drinzubleben im Topos, den man auf eine exklusive und ehrliche Weise bearbeitet, nicht flach oder müde, berechenbar oder ersetzbar zu werden.
Das ist die Hölle, ja.
Aber erst dieser Höllentrip macht das journalistische Leben lebenswert. Alles andere ist wie alles andere: mehr oder weniger lustloses Warten auf den geistigen Tod.
In fast jedem Fach-Gespräch, Interview, Berufsberatungs-Mail oder kollegialem Austausch, das/en ich in den letzten Monaten geführt habe, sind diese Selbst-Aus-Beutungs-Themen deutliche Leader.
Nicht dass jemand, geschweige denn ich, eine Lösung hätte. Ich kann mich nur bemühen das im meinem Verantwortungsbereich nicht einreißen zu lassen und zu bekämpfen.
Und das ist - siehe oben, öffentlich-rechtlicher Auftrag - sicher um einiges weniger schwer als 'draußen', in der marktliberalen Welt der sprichwörtlichen Morakschen Riedl-Gläser.
Und trotzdem freu ich mich, wenn ich ein Heftl entdecke, das mir bisher entgangen ist: die Gazette, deutsches Hirn-Lego-Magazin, erscheint viermal im Jahr und liegt in der Gegend der anderen vorhin direkt oder indirekt zitierten Magazine auf, schon in der aktuellen Nummer 5, ist mir aber bislang entgangen.
Es sieht mir, nach einem Blick auf die Autoren-Liste, nach einem Bezahl-Magazin ohne Ausbeutung aus.
Und ich hab keine Hinweise auf Background, Ideologie oder Besitzverhältnisse gefunden.
Und wisst ihr was: es ist mir auch scheißegal. Ich verheirate mich nicht mit dem Heft, ich lese es, und es liest sich gut, gibt Denkfutter, da sind mir die Dünkel der die Selbstausbeutung anprangernden Selbstausbeuter, die nur das an sich ranlassen, was aus dem eigenen Ideologie-Stall kommt, piepswurscht.
Ich bin froh, dass dieses Heft nicht ein weiterer hedonistischer oder gesellschaftspolitischer Selbstbetrug ist, und nehm mir raus, was mir gefällt.
Und sei es nur der Anstoß dafür, dieses heutige Journal diesem Thema gewidmet zu haben.