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Wien | 21.3.2005 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 21.3. Montag.
  Mein Mörder: eine wahre Geschichte aus Österreich.
 
 
 
  Heute nachmittag hab ich mir "Mein Mörder" angesehen, einen Film von Elisabeth Scharang, der morgen, Dienstag, im ORF-Hauptabendprogramm laufen wird.

Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich auch jetzt noch (sorry for the Erscheinungs-Delay, aber der Kübel bei mir zuhause lahmt und muss zum Ross-Arzt) nicht nachhaltig beeindruckt wäre.

Das hat natürlich auch mit dem Thema zu tun.

Der Fall Gross, auf dem "Mein Mörder" basiert, fand zu einer Zeit statt, als ich politisch entscheidend sozialisiert wurde.
Er war und ist ein Fanal für menschliche Bestialität und die Verdrängung in der österreichischen Nachkriegs-Gesellschaft.
Und er hat die SPÖ mitentscheidend diskreditiert.

Deshalb ist der Scharang-Film für mich nicht nur ein sehr präziser und klug gemachter Film, oder ein genau beobachtetes Stück Zeitgeschichte, sondern vor allem auch ein Besuch eines alten, unerledigten Falls.

 
 
  Werner Vogt, Arzt und Aktivist, eine wichtige politische Stimme der 70er, wesentlicher als die damals auch schon lauten Cap oder Pilz, aber einer, der unabhängig blieb und sich aus der Aufgeregtheit der Wichtigkeit zurückgezogen hat, hatte den Fall aufgerollt.
Sigi Maron, die damals wichtigste politische Liedermacher-Stimme hatte dem Nazi-Todesarzt ein beeindruckendes Lied gewidmet: "Wir sind klein und du bist Gross".

Der Primar Heinrich Gross hatte, wie in der Nazi-Terror-Zeit in vielen Krankenhäusern und psychiatrischen Kliniken üblich, "geforscht", am lebenden Objekt, rassenwahnsinnige Vermessungen vorgenommen, bewusst getötet, um sezieren zu können.

Am Spiegelgrund waren Kinder die Opfer, Waisen oder 'Verhaltensauffällige', an denen die Nazi-Ärzte vorgaben, etwas über "genetisch und sozial unwertes Leben" herausfinden zu wollen.

Gross, der dort in wenigen Monaten über 300 Kinder zu Tode bringen ließ, fand sich nach dem Ende des 1000jährigen Reiches nicht etwa vor einem Kriegsgericht wieder, oder entzog sich durch Flucht der Verantwortung, nein, er war einer der nicht allzu wenigen, die ziemlich nahtlos ins Nachkriegs-Establishment übergeführt wurden.

 
 
  Dabei half Gross eine politische Seilschaft, nicht etwa die erst in den 50ern wieder zu Einfluss kommenden Alt-Nazis, die sich im VdU, der Vorgänger-Partei der FPÖ zusammenfanden; auch nicht in der ÖVP, dem Lager der Bürgerlichen.
Gross ist einer der Gründe, warum der BSA, der Bund sozialistischer Akademiker heute noch Veranstaltungen abhalten muss, um die Verdrängungs- und Schuld-Frage, die man durch die schnelle Eingliederung von Nazi-Verbrechern wie ihm heraufbeschworen hat, zu bewältigen.

In Scharangs Film ist die politische Ebene bis auf ein paar wenige Szenen und einen brodelnden Sub-Text fast ausgespart, aber auch das entspricht präzis der damaligen Behandlung des Falles.

Die als fortschrittlich angetretene Regierung Kreisky nahm sehr bewusst jede Menge blinde Flecke in Kauf, um die Anfang der 70er noch durchaus zahlenmäßig wichtigen "Ehemaligen" einzugliedern.
Man erhoffte sich, was sich viele Jahre später Schüssel durch ganz festes Drücken eines unliebsamen Partners versprach: dessen Marginalisierung.

Ich kann nicht sagen ob die Rechnung aufging: das öffentliche Bild war jedenfalls ein verheerendes.
Die Kreisky-Regierung, in der Leute wie der Sozialminister Dallinger oder Justiz-Minister Broda Reformen in Gang setzten, die heute noch nachwirken und damals revolutionär waren, duldete ganz bewusst vormals hohe SS-Offiziere wie den FP-Chef Friedrich Peter als Partner und boten den diversen Grosses einen sicheren Hafen innerhalb der eigenen Partei.

 
 
  Erst als Gross in seiner Rolle als führender psychiatrischer Gerichts-Gutachter des Landes - wie in "mein Mörder" dramatisch und dramaturgisch zugespitzt gezeigt - in den 50ern ein ehemaliges Opfer aus dem Spiegelgrund in einem Prozess durch Einweisung ins Irrenhaus mundtot machen will, dieses aber erfolgreich die Öffentlichkeit sucht, kam die ganze Sache (langsam) ins Rollen.

Der Kindermörder Gross durfte, wiewohl seine Schuld nachweisbar war, weiterhin Angeklagte vor Gericht beurteilen, wurde erst lange nach dem Skandal in den 70ern abgezogen und nie rechtskräftig verurteilt.

Immer wieder entzog er sich - mit Hilfe seiner Verbindungen, mit Verschleierungen, mit Zeugen-Diskreditierung etc.
Zuletzt - wie im Film gezeigt - durch eine mit ziemlicher Sicherheit vorgetäuschte altersbedingte Demenz.

Das alles mit voller Rückendeckung des Apparats - nicht nur des knochenkonservativen Justiz-Bereichs, in dem in den 50ern bis 70ern auch noch jede Menge durchgerutschte Nazi-Richter ihre Untaten trieben, sondern eben auch mittels politischer Rückendeckung einer Partei, die in den Nazi-KZs gegründet wurde: der Sozialdemokraten.

 
 
  Diese Ungeheuerlichkeit ließ die Wut, die den Fall Gross damals begleitete, so stark anschwellen.

Heute, wo jedem klar sein müsste, dass einen keine auch noch so humane Ideologie daran hindern kann, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu vergehen, juckt das niemanden mehr.
Der Vertrauensverlust in die Strahlkraft der Sozialdemokratie ist in den 70ern aber durch den Fall Gross massiv beschleunigt worden.

Und jetzt ein Film drüber, die sehr direkte Nachzeichnung dieses Falles.
Ich denke, dass in "Mein Mörder" alles drin ist, was uns heute noch vermittelbar ist: der von mir eben beschriebene Kontext ist nicht stark ausgeführt, weil die damaligen Gefühle und Wertigkeiten nicht mehr nachvollziehbar sind.

Der Konflikt ist auf den Kern reduziert: ein Verbrecher entkommt und bleibt weiter Herr über Schicksale (Immerhin: umbringen kann er mich nimmer, sagt sein Opfer im Film, nur noch wegsperren).

Und nur weil das Opfer sein weiteres Leben diesem Vorfall weiht, selber Arzt wird und gegen die Ungerechtigkeit kämpft, gibt es eine Chance auf Wiedergutmachung, eine Wiedergutmachung durch Öffentlichkeit.

 
 
  Das Problem dahinter ist die Tatsache, dass sich Österreich immer noch als erstes Opfer des Nazi-Terrors betrachtet, anstatt sich die aktive Rolle in der ersten Reihe einzugestehen - bis heute spielen dabei unselige Verdrängungs-Reden von offizieller Seite eine erschreckende Rolle.

Die Verdrängung zieht einen Rattenschwanz der Scheußlichkeiten nach sich: die daraus resultierende Unfähigkeit, aus den Fehlern der eigenen Geschichte zu lernen ist die schlimmste.

"Mein Mörder" ist also ein wichtiger Film über ein zentrales Thema der österreichischen Nachkriegs-Geschichte.
Er ist unaufgeregt erzählt, und nie fad oder over-acted. Seine Sprache, seine Bilder sind genau und überlegt, es schwabbelt keinerlei Fettrand an Geschwätzigkeit mit.

Die drei Zeitebenen sind, soweit ich das beurteilen kann, wunderbar dargestellt, ohne auf kitschige Klischees zurückzugreifen.
Es ist ziemlich genau der Film, den ich mir über den Fall Gross gewünscht hätte. Damals.

Und es hat nur dreißig Jahre gedauert, bis sich jetzt endlich jemand getraut hat. Vielleicht dauert es auch nur noch weitere dreißig Jahre, bis die zentrale Lüge, auf der große Teile dieser Nation stehen, so genau abgebildet wird. Man wird ja noch Optimist sein dürfen.

 
 
  "Mein Mörder" ist am Dienstag, den 22. März, um 20.15 in ORF2 zu sehen
 
 
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