fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 22.3.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 22.3. Dienstag.
  Beste Party des Jahres, bisher...
 
 
 
  Eigentlich war ich ja mit Paris verabredet. Aber der Treffpunkt war schon spät angesetzt, Paris nicht da, und die Gefahr, den Star zu versäumen schon groß. Also nichts wie los.

Roots Manuva und Band sind schon auf der Bühne, knackevolle Hütte, vorm Einlass stapeln sich die Enttäuschten, die nicht mit einem solchen Andrang (aus-ver-kauft) gerechnet hatten.

Ich weiß das ja auch nur, weil J., die mir endlich ihr Oma-Hausmittelchen mitbringen will, gemailt hat, sie hätte kein Ticket mehr bekommen.
Also hab ich über Roots-Manuva-Intima L. den Gästelisten-Trick inszeniert, gerade noch rechtzeitig.

Das Konzert pumpt einigermaßen eindrucksvoll, pendelt zwischen Party-Showcase und seriös gestricktem Musik-Event und hat ein angenehm zurückhaltend' Maß an Crowd-Participation-Elementen. Selbst bei "Witness the Fitness".

Bei diesem Stück hat Herr R.M. das p.t. Publikum auch sehr schön, leise-ironisch in den April geschickt. Am Anfang der Zugabe meinte er nämlich auf die Heckler-Aufforderung, die Nummer doch jetzt zu spielen: "Nonono, we don't play that anymore. Don't you know?".

Ich gebe zu, mich hat er drangekriegt. Und der Spaß ist dann, wenn die Band die electronics den Anfang zu diesem Song dann kurz teaserhaft vorfrickeln lassen, bevor sie in die Nummer reinkippen, umso größer.
One hope, one quest!

 
 
  Nach der Zugabe quetsch ich mich zu T-Shirt-Stand vor. Mal nachschauen. Naja, nett abzubilden, aber nichts zum Anziehen.
Promotor D. lehnt dort herum und ist kommunikativ, eine neue Seite an ihm. D. ist Engländer, lebt seit 120 Jahren in Wien, spricht aber kein Wort deutsch und ich fürchte, sein Englisch wird durch das lange Exil auch immer schlechter. Aber seit einigen Monaten muffelt er nicht nur grantig, sondern spaßelt auch vor sich hin; auch wenn ich ihn kaum verstehe, rein akustisch.

Daneben ist die Frau mit dem Raubtiervornamen. Sie erzählt mir, dass ja morgen diese 10-Jahre-FM4-DVD-Party sei - "He, da weißt du gar nix davon?".
Ich kenne diese Fama-Geschichten und finde anderntags raus, dass es sich um ein Privatfest von DVD-Checker Kristian Davidek handelt, der da Freunde eingeladen hat, die er in den letzten Wochen der Dauer-Produktion vernachlässigt hat. Also eine halbe FM4-Party.
Der echte Release ist am 18. April.

Die Löwennamen-Frau stellt mir dann Danieloderdavid vor, der neben ihr steht, und mir erzählt, dass er schon insgesamt zwei Minuten bei mir durchgekommen ist, aber dann immer an seiner Nervosität scheitert. Meine vorsichtige Anmerkung, dass die Minuten-Jagd eben keinerlei Inhalt hätte und er vielleicht deswegen dann nicht so zum Zug käme, überhört er.
Er meint, er hätte sich mich immer im Hemd vorgestellt und ist verblüfft, dass ich keines anhätte. Ich sage, dass ich seit den 80ern (und da zuletzt Holzfäller-Hemden im Nirvana-Style) keines mehr getragen hätte.

 
 
  Daraufhin schimpfen wir auf Hemdenträger und kommen so mit dem Nebenmann (Hemdenträger) ins Gespräch.
Ihm passt sein weißes eh recht gut.
Er ist Veranstalter und macht eine Russendisco-Nacht in einem Schwarzenbergplatz-Lokal; aber keinen Kommerz-Schas, wie er betont, sondern auch was mit Avantgarde-Filmen.

L. ist zufrieden, sowohl mit dem Konzert als auch mit dem Mitschnitt, der gemacht wurde. Dann geht sie allerdings heim, die Beck-CD hören. Der Job ist ein Hund.
T. ist auch zufrieden, die Remix-Aktion läuft, alles klappt wie geplant, auch keine Selbstverständlichkeit, und geht auch.

Die einzigen FM4ler, der noch bleiben, sind G. und Sch., die sich in der ersten Reihe umtun wie elegante Schattenboxer.

SMS von Paris: verschlafen, noch erschöpft vom 'damennachmittag' und jetzt erst wieder unter den Lebenden. Tja, alles vorbei, Schätzchen...

Der Z. erzählt mir, aus Anlass der gestrigen Web-Geschichte über Alt-Nazis, von einem Dozenten einer FH aus dem semi-künstlerischen Bereich, der in seiner Vorlesung die 1938er-Geschehnisse in Österreich dem Erbfeind Frankreich anlastet und wir rätseln, wie lang es dauern wird, bis sich dieses Land von seiner Selbstlüge erholen wird.

Und er erzählt mir von seinen - wie ich finde - doch allzu hohen Ansprüchen an sich selbst, was sein Studium betrifft und der Diskrepanz mit der Realität und der Vielzahl der eigentlich desinteressierten Mitstudenten.

 
 
  Vorne auf der Bühne tut sich derweil Unerhörtes: Hinter DJ Gümix ist mittlerweile die gesamte Roots-Manuva-Crew aufgetaucht und mischt sich mittels Mikrofon MC-mäßig in den Sound ein.
Immer mehr Menschen erklimmen den Stage und tanzen mit, fette Bloc-Party.

Ein maximal 16-jähriges Bürschchen, jugendschutzgesetzmäßig sicher illegal unterwegs, tippst mich an und stellt sich als kleiner Bruder von Freundin L. vor, beweist es sogar mittels Ausweis. Er ist extra aus der NÖ-Provinz angereist und er bereut nichts.

Irgendwann läuft mir dann doch noch J. über den Weg, die es nach 2 endlich reingeschafft hat und den vielleicht eh besseren Teil des Abends noch mitbekommt. Obwohl sie zu sehr in sehr prinzipielle Denkbausteine verstrickt ist und mehr redet als genießt. Und ihr Problem ist ein ähnliches wie das vom Z.: Zuviel Vorgabe für sich selbst, zu strenge Maßstäbe an sich und die Umgebung.
Ich weiß, dass das eine Frage dieses Alters (18 - 22 in etwa) ist; und ich weiß um die Notwendigkeit dieser "strengen" Phase und ihrer guten Wirkung aufs eigene Denken.
Aber ich weiß auch, dass die Furcht, diese eigenen Maßstäbe selber nicht erreichen zu können, überflüssig ist - weil man es ja allein durch sein Sich-selber-in-Frage-Stellen schon geschafft hat.

Nur: Das weiß man eben erst später. Und natürlich ist es nicht lässig, quasi auf später vertröstet zu werden.
Aber: Was soll ich sonst machen? Soll ich J. oder Z. wissentlich anlügen und so tun, als würde ich ihre verzagten Sorgen teilen, nur um ihnen rechtzugeben oder nicht diskutieren zu müssen?
Solche Ja-Sager und Nicht-Denker haben wir alle zur Genüge im Bekanntenkreis, nein danke...

 
 
  Mittlerweile legt Sweet Suzie auf, ziemlich straighten Drum'n'Bass und Roots Manuva und sein Co-Vokalist sind in Bestform. Die mit Dub-Club-Crew, Roots Manuva-Crew, Groupies, Umfeld und Club-Besuchern vollgestopfte Bühne wackelt um ihr Leben.

Draußen, im Erholungsteil, stehen H. und N. herum, H. mit unfassbar hochtoupierten Haaren ("ja, ich hatte ein Shooting heute nachmittag, was soll ich machen...") und N. mit der Beschwerde, dass ich sie unlängst in der Karlsplatz-Passage nicht zurückgegrüßt hätte.
Ich bin ja der Meinung, dass eine eindeutige Kopfbewegung samt Blick-Kontakt sehr wohl einen Gruß darstellt, wenn man sich in Menschentrauben eingekeilt in einigen Metern Abstand über den Weg läuft. Aber ich weiß, dass sie mich nur häkeln will.
N.'s Begleiter will mich mit Guinness abfüllen, aber ich mische nicht. Die Mädchen schnorren erfolgreich Tschicks.

Ein Senegalese in einem Sack, der wie der der Millionenshow-Gewinnerin aussieht, flyert wortgewaltig für seinen sinnlichen Essen/Trinken&Musik-Abend übernächste Woche.

Drinnen nehmen weder Tempo noch Druck der Stage-Gemeinschaft ab.
Sch. ist am längsten geblieben, er erzählt was von 6 Uhr früh, und er sieht nicht gut aus heute.
Aber er war einer der Helden der besten öffentlichen Party des Jahres, bisher...

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick