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Wien | 25.3.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 25.3. Freitag.
  Das Ideologie-Ministerium.
 
 
 
  Gestern, am zweiten Abend bin ich dann doch noch bei Tocotronic gelandet, in der neuen Arena-Halle (Hab ich jemals erwähnt, dass das die beste Konzerthalle Wien ist? Wenn nicht: ist sie.).

Nicht, dass es etwas Wesentliches zu berichten gäbe.
Ich hab' die Band ja Ende Jänner schon mit, mehr oder weniger, diesem Set schon gesehen, die Fama hat sich seit Mittwoch-Abend eh schon rumgesprochen, es war mehr ein Referenz-, ein Höflichkeitsbesuch beim Wien-Besuch einer großen und wichtigen Band, die sich umgekehrt ja auch um das kümmert, was bei uns so passiert - wie man anhand des schönen "Istanbul"-Intros und Dirkens "Wien darf nicht somnambul werden"-Ansage ersehen konnte.

Ansonsten ist vielleicht noch anzumerken, dass die Anwesenheit eines neuen Band-Mitglieds, noch dazu die eines echten Musikers, auch die bislang diesbezüglich etwas schlampig agierenden Alt-Herren Müller, Lowtzow und Zank scheinbar gefordert und zu bessere Leistungen gebracht hat: Kein verstimmter Sound, sondern klare und präzise Töne waren da zu hören, sowas wie musikalische Raffinesse leuchtet da erstmals im Tocotrconic-Sternenbild.

 
 
  Die zweite Aufälligkeit waren die neuen Songs, die sich eben nicht nur musikalisch von den älteren Stücken abhoben, sondern auch in den gereiften Lyrics.
Klar, das konnte man auf dem "Pure Vernunft"-Album schon nachhören - aber der Unterschied zu davor wurde bei dieser ausführlichen Live-Präsentation umso deutlicher.

Der schön wütende erste Zugabe-Block etwa brachte mit "Drei Schritte" oder "Freiburg" die wunderbar skandierten 'hate'-Songs der frühen mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Phase, denen dann die abgeklärten Passagen aus den aktuellen Stücken gegenüberstanden.

Dieser Weg ist ein wichtiger und richtiger.
Ich denke, dass man nur denen, die früh rebelliert haben, später dann auch die analytisch-theoretische Haltung dazu abnehmen kann.

Und die Tocos stehen mit dieser reif klingenden, aber sehr harschen und inhaltlich weiterhin durchaus radikalen Haltung für genau das: permanente Beschäftigung und permanente Reflexion; samt dem Zugeständnis gegen sich selbst auch immer wieder in reine Ego-Positionen des praktschen Hedonismus verfallen zu dürfen, um damit der hysterischen Idolisierung zu entgehen, dem andauernden "Du musst das, was du einforderst, selber immer 100% leben."
Musst du nämlich nicht; nicht einmal ansatzweise.

 
 
  Damit sind die Tocos dort, wo vor Jahresfrist auch - und sicher nicht zufällig - die "Sterne" angelangt waren, als sie ihr "Das Weltall"-Album veröffentlicht und betourt hatten.

Unter all dem nicht allzuvielem, was im nächsten Jahrzehnt von Deutschpop unserer Tage überbleiben könnte, werden diese beiden Alben als Markstein wahrgenommen werden - wofür, ist natürlich noch nicht klar.

Denn die Wirkung von Beschäftigung, Reflexion und klarer Aussage kann natürlich nicht direkt in gesellschaftlichen Entwicklungen münden.

Was aber die Bereitstellung von sinnmachenden Angeboten betrifft, stehen die aktuellen Tocotronic (samt den Vorjahrs-"Sternen") ganz vorne.

Und es ist auch kein Wunder, dass die schlauen Wortmeldungen über aktuelle Geschehnisse in der wirklichen Welt auch so gut wie ausschließlich aus diesen Camps kommen, während andere frühere Leistungszentren in Bedeutungslosigkeit respektive Nabelschau abgeglitten sind.

 
 
  Während mir all diese Dinge während des Konzerts so kreuz und quer durch den Kopf schießen (für mich sind Konzerte ein hervorragender Denk-Ort, vielleicht auch weil man seinen anderen Sinne freigeben kann, die können sich dann an Licht, Sound, Druck und Gerüchen ergötzen), fällt mir eine Zeile ein, die ich unlängts in einem Mail gelesen habe.

Ich gebe zu, dass ich den Begriff aus seinem Zusammenhang bringe - in diesem Austausch ging es um Spiritualität und den Vorwurf des Schreibers, ich würde zu leichtfertig mit Zuschreibungen umgehen, was ich nicht wirklich getan habe, weil ich von religiösem Wahn und der Belästigung damit gesprochen habe und nicht von gelebter Spiritualität, wie er meinte, aber egal, es ging ja nur um den Begriff.

Und der lautet: "falsch verstandenes Ideologie-Ministerium".

Damit war/bin ich gemeint. Und das ist eine Zuschreibung, die schon viel aussagt. Denn ich als einzelner bin kein Ministerium, komme aber manchmal scheinbar so rüber - vor allem für die, die noch suchen und vor denen, die das nicht mehr tun eine Art Angst haben, vielleicht auch, weil die dazu beitragen könnten ihre Suche zu beenden, was sie ja vielleicht gar nicht wollen. Denn der ewig Suchende, das ist auch ein schönes Rollenfach.

 
 
  Und, ja, denke ich dann, Tocotronic oder Die Sterne machen genau das.
Sie sind ihr eigenes Ideologie-Ministerium; sie lassen das, was sie aus ihrer Erfahung, aus ihrer Beobachtung, aus ihrer Analyse rausgesogen haben, nicht artifiziell verschmiert oder zehnfach verspiegelt oder durch dutzende Filter und Ecken gebrochen wieder raus, sondern sind deutlich.
Und manchmal auch inkonsequent.
Und das ist gut und richtig so.

Es ist ja eine große Fiktion zu glauben, dass übergreifende Ideologien oder gar Religionen für mehr als einen Menschen auch nur zu 95% dasselbe bedeuten, dasselbe meinen.
Jeder sieht in jeglicher Religion, Ideologie und Passion letztlich ganz was anderes, manche sind sogar innerhalb der gleichen Zelle 180 Grad auseinander.

 
 
  Die Erfüllung durch ein Versinken in eine Gemeinde, die dieselben Ziele verfolgt ist eine Selbstlüge.
Das einzige was tatsächlichen Erkenntnis-Sinn macht, ist der gnadenlose Individualismus. Jeder sein eigenes Ideologie-Ministerium. Und das ist auch innerhalb einer Gemeinschaft möglich, ja nötig.
Soziales Zusammenleben wird sowieso in jedem konkreten Einzelfall erarbeitet, da helfen auch Vorab-Punzierungen keinen Millimeter.

Das ist es, was Tocotronic sagen und das ist nun wahrhaft wichtiger als irgendein Rezensions-Kleingeld zu wechseln.
Und: danke, R., für den Begriff in deinem Mail.


 
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