fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 15.4.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 15.4. Freitag.
  Folk-Sänger der klassischen Moderne.
 
 
 
  Heute abend präsentiert das Wiener Singer/Songwriter-Duo Christoph & Lollo (im Wiener Lokal Vorstadt) sein mittlerweile viertes Album, das erste ohne neue Skispringer-Lieder.

Ich kenne Christoph & Lollo fast so lange wie FM4, zehn Jahre. Das heißt: während ich FM4 ja sehr gut kenne, quasi fast jeden auch noch so versteckten Winkel, kenne ich C&L eigentlich gar nicht.

Ich hab sie sicher schon zwei- oder dreimal angesagt, mindestens zwölfmal live gesehen, bei mancherlei Gelegenheit auch sonstwo getroffen, aber nie mehr als 5 Minuten am Stück mit ihnen geredet, oder sagen wir besser: geplaudert.
Von "kennen" kann also eigentlich keine Rede sein; von Verhaberung schon gar nicht.

Das erste, was ich von Christoph & Lollo wahrgenommen habe, war die selbstgebrannte und sehr schön mit selbstgebasteltem Cover ausgestaltete CD "Lebkuchenherz", mit dem alles losging.
Sie hatten dieses traurige Lied über den Skispringer Frantisek Jez an den Salon Helga geschickt, die damals (bis heute) deutschsprachige Lieder ihres Vertrauens spielten, bis dahin aber niemals heimische Kost.

C&L sind da bis heute die einzige regelmäßige Ausnahme.

 
 
  Irgendwann 1995 wurden die beiden vom Salon ins Funkhaus eingeladen um weitere Lieder über traurige und lebensuntüchtige Skispringer aufzunehmen. Da kamen 5 oder 6 Stücke zusammen, die den Grundstock für die nächsten Jahre legten.

Letztlich sangen C&L immer dasselbe Lied, Name des Sportlers und die Tonalität seiner schlimmen Geschichte wechseln, aber nur minimal.
Diese lapidare Redundanz war es wohl, die die Affinität Salon vs. Skispingerlieder-Schöpfer bewerkstelligte.
Und natürlich auch das Schema der Verlierer-Ballade, ein Lied das auch Stermann und Grissemann in jeder Sendung, in jedem Programm gern singen.

Dass darüberhinaus auch noch viele viele andere Menschen sich an diesen Dingen erfreuen konnten, war und ist für alle Beteiligten erstaunlich. Aber C&L-Konzerte sind gut und gernbesucht, man verlangt immer eine Unmasse Zugaben und gibt dafür eine Menge Liebe. Die drei Skispringer-CDs verkauften sich (das überrascht mich sehr) insgesamt fünfstellig, spielen ihre Kosten also locker ein.

Und in Innsbrucker Bierstindl gibt es seit zehn Jahren (meist direkt zum Bergisel-Springen) einen rituellen Auftritt des Duos.
In ihren Tagebüchern auf ihrer trockenen Homepage befürchten die beiden ja auch jedes Jahr aufs Neue, dass sie nicht mehr eingeladen werden und nicht mehr dort spielen "dürfen".

 
 
  Allein das sagt schon viel über den Zugang, den C&L zu ihrer Musik und ihrem Schaffen haben, aus.
Dabei waren heuer im Bierstindl erstmals wirklich viele echte Skispringer und Leute aus dem Weltcup-Troß dabei und auch wieder deren Chef Toni Innauer, der einmal eine Skispringer-CD fürs Profil besprochen hat und das Projekt seitdem schätzt.

Dass die neue Platte nur noch zwei Remixes aus dem alten Fundus und ansonsten 11 Stücke enthält, die nichts mit Schanzen-Fliegern und auch nichts mit Wintersport zu tun haben, ist keine kalkulierte Bestialität, um auch all jene, die bis dato nichts mit der obsessiven Welt des Sprunglaufs anfangen konnten in den Bann zu ziehen, sondern wohl eher der logische Schritt auch in die wirkliche Welt.

Dort bewegen sich C&L ja eh schon auch immer; aber eben nur vorsichtig. Bislang haben sie sich ja nur getraut maximal zwei Nicht-Skispringerlieder pro Live-Set zu spielen - aus Angst vor seltsamen Publikums-Reaktionen.

Wiewohl das ein ewiges fishing for compliments, nein, ein fishing for love ist; eines das ich von einem andern in dieser geschichte schon ausführlich angesprochenem Duo mit ähnlichen Ängsten auch gut kenne.

Ich entsinne mich eines halbprivaten Geburtstags-Auftritts in einem niederen Keller-Club, bei dem C&L eine (oder zwei?) Georg Danzer-Covers gespielt haben, zum Niederknien schön.

 
 
  Mit "Trotzdemtrotz", dem neuen Album zwingen sie sich dazu. Zum Neuaufbau, zum thematischen Wechsel.
Das Globalisierungs-Lied (für Attac geschrieben) kennt man ebenso wie das für den Protestsongcontest verfasste "Ich hasse die Menschen im Fernsehn".

Und dazu kommen etliche andere Themen-Songs, Lieder mit einem topic, mit inhaltlicher Aussage und mit dem Anspruch etwas von einem sehr speizifischen Gesichtspunkt aus zu beleuchten.

Weil C&L dabei (außer im parodistischen Sinn bei "Deutschrock") auf jegliche Form der methaphernreichen Poesie verzichten und sich ihrem Pudelskern immer ganz konkret annähern, sind sie Folksänger, ganz klassische; die Kinder von Woody Guthrie und Georg Kreisler.

Sie beobachten genau und sezieren manchmal messerscharf (manchmal wascheln sie - bewußt - auch nur was lustiges drüber, wie man im Zeichenunterricht in zehn Minuten ein schnelles Aquarell hinscheißt, weil man vorher eine Stunde getratscht hat), sie verzichten aber weitgehend auf verbale Gemetzel, setzen eher auf verbale weiche Wasser um den harten Stein der bösen Wirklichkeit zu brechen.

 
 
  Das (und, dass daran nichts gespielt ist) macht die Beiden auch so grund-sympathisch und für alle zugänglich, die guten Willens und horchfähig sind; eben den Folk-Fans der klassischen Moderne.

Denen ist es zwar grundsätzlich egal, ob sie ihre knusprigen Moral-Keksis aus Stücken über gesellschaftlich geächtete Skispringer oder über ebensolche Nicht-HipHop-Fans beziehen, der Schritt den Christoph & Lollo gesetzt haben, ist aber trotzdemtrotz ein mutiger: es ist wesentlich leichter, innerhalb einer lustigen (womöglich selbstgeschaffenen) künstlichen Sims-Welt zu agieren, als sich mit den Wirklichkeiten der echten Welt da draußen auseinanderzusetzen um ähnliche Wirkung zu erzielen.

Aber erst dieser Mut und dieser Schritt macht den Bänkel-Sänger zum Folk-Singer, von einem netten Kasper zu einer politischen und relevanten Figur.

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick