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Wien | 6.5.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 6.5. Freitag.
  Der Amadeus und die neue Mitte.
 
 
 
  Der österreichische Musikpreis "Amadeus" funktioniert ja - mit Ausnahme der FM4-Kategorie - so: Die jeweils fünf Bestverkäufer aus den jeweiligen Sparten werden nominiert und die Journalisten/Szene-Menschen kreuzen dann aus diesen Top 5 das geringste Übel an.

Mittlerweile hat sich da sowas wie eben ein stilles Einverständnis durchgesetzt, dass man eher Akteure auszeichnet, für die man sich dann nicht genieren muss, weil sie in der Koch-Burg-Alm Weinkrämpfe bekommen, sondern sich an tatsächliche "Musiker" resp. "Phänomene" hält.

 
 
  Das bedeutet aber auch gleichzeitig, dass der Cultural Clash aufgeweicht wurde, dass es eine Annäherung in einer schwammig zu definierenden Mitte gibt, wie man sie auch schon beim deutschen Echo wahrnehmen konnte.

Das kann man gleichwohl als Errungenschaft wie als neues Übel befinden, kommt auf den Standpunkt an.

Die bis vor kurzem schwerkranke Musikindustrie zieht sich getreu dem Motto "Auch aus einem Strohhalm kann man trinken" daran wieder ein wenig hoch.

 
 
  So kam es, dass dann heuer eben Leute wie Herr Danzer oder oder Cafe Drechsler oder Saint Privat, gegen die man nun wirklich gar nichts sagen kann, im Gegenteil, einen Preis bekommen.
Und selbst die Global.Kryner, so sehr man die auch wenig schätzen kann, sind ein gewachsenes Projekt mit einer brauchbaren Vision.

Dass zudem niemand an Christl -jetzt auch in den deutschen Charts- Stürmer vorbeigehen konnte - klare Sache.
Zumal sie der einzige Hoffnungsträger aus dem weggespülten Casting-Blödsinn einer erst kurz zurückliegenden, aber geistig extrem weit entfernten Vergangenheit ist.

 
 
  Wirklich rausgefallen sind am gestrigen Abend eh wieder nur zwei Auftritte: der Gesangs-Auftritt von Gustav und Freunden und die unpeinlich inszenierte Lebenswerk-Ehrung für Stefan Weber.

Dass diese kleine Würdigung des Drahdiwaberl-Masterminds - nachdem er unlängst irgendeinen lustigen Verdienstorden der Stadt Wien bekommen hat, sein zweites Edelmetall in kürzester Zeit - zudem auch auf ein stures ceterum censeo einer auch euch nicht unbekannten Programm-Chefin zurückzuführen ist, soll auch nicht unerwähnt bleiben.

 
 
  Die neue Mitte, die der Amadeus nach Jahren des unrunden und nervösen Einparkens gefunden hat, waren auch im Durchlauf bemerkbar (es wurde zwar voraufgezeichnet, aber nur mit 30 Minuten Puffer - man hätte also nur Pannen und Katastrophen rauscutten können). Der flutschte - erstmals in der Amadeus-TV-Geschichte - wie ein Einser.

Die neue Mitte sorgt auch für die Anwesenheit von unerwarteten Stargästen bei der großen Musik-Branchen-Anschluss-Party, gleichzeitig bedeutet aber die Abwesenheit von völligem Wahnsinn, wie früher irgendwelche Stoakogler oder Italo-Schnulzen-Minis, auch weniger Spaß.

 
 
  So ist es mit der neuen Mitte wie mit dem realen Sozialismus: Sie erhöht zwar das allgemeine Level, schneidet aber die interessanten bzw grotesken Spitzen ab. Dass sich diese kleine Absurdität aber mitten im erzkapitalistischen Unit-Sell-System abspielt, ist aber auch schon treppenwitzig.

Ansonsten wurde - vor allem unter den Jungs - auch viel über Eishockey und abgebrochene Spiele geredet, aber das erspar ich euch jetzt. Ansonsten habt ihr nicht viel verpasst.

Blöd bloß: Auch nach gestern kann ich Silber und Julimond nicht unterscheiden.

 
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