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Wien | 29.5.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 29.5. Sonntag.
  Die armen verfolgten Raucher und ihre wahre Sucht.
 
 
 
  Die von mir ob ihrer ungewöhnlichen Denkansätze geschätzte deutsche Wochenzeitschrift "Jungle World" (die ich immer gemeinsam mit der Furche kaufe, wegen dem hübschen Gegensatz...) hat, das durfte ich beim heutigen Zeitungs-Shop-Besuch feststellen, diese Woche (wegen eines anstehenden Festtages, der auch einen arte-Themenabend am Dienstag nach sich zieht) eine Cover-Geschichte, die mir ausnehmend gut gefällt.

Das hat nicht nur mit dem schönen Titel ("Du sollst nicht rauchen!") oder mit der Tatsache, dass sich die "Jungle World" als bewusst linkes und teilweise auch klassenkämpferisches Magazin trotzdem einer Sprache bedient, die kommunizieren will und nicht nur mit dem letzten Marx-Proseminar-Wissen angeben muss (was dieses Klasse-Blatt dann auch von seinen hiesigen Imitaten drastisch unterscheidet).

Das liegt auch daran, dass die JW ebenso wie die "taz" einfach den unerwarteten Ansatz pflegt, also etwas macht, was z.B. auch einen fantasievollen Spielmacher auszeichnet, der lieber den ungewöhnlichen Pass riskiert, anstatt wie die anderen klassischen Tages- und Wochen-Medien einfach nur zu Null spielen wollen.

 
 
  Diese Ansätze verdeutlichen die Sub-Titel der klugen und polemischen aber auch informativen Geschichten zum Thema:

"Die Kampagne gegen das Rauchen ist das wichtigste Symbol für den Trend zum neopuritanischen Kontrollstaat."
"Tabak schmeckt nicht, macht aber trotzdem anhängig."
"Der Staat verdient kräftig an Tabakwaren und schikaniert trotzdem die Raucher und die Industrie."

Abgesehen davon, dass ich es echt süß finde, wenn sich die JW um die Heuschrecken-Feinde sorgt, haben all diese Ansätze natürlich einiges für sich.

Aber: auch in diesem Fall denke ich, dass Einsteins Berner Bären-Erlebnis Anwendung finden sollte, und ein Schritt zurück gut für einen besseren Überblick ist.

Ich als Nicht-Raucher bin ja ein Raucher-Verspotter und in der Theorie ein vehementer Gegner dieser asozialen Stinker; in der Praxis ist (wegen meiner fast ausschließlichen Raucher-Bekanntschaften) meiner Toleranz aber keine Grenze gesetzt. Ich werde niemals einen Süchtler züchtigen (um da einen JW-Titel zu zitieren).

 
 
  Nun ist das Gejammer der sich neuerdings als Verfolgte stilisierenden Raucher-Lobbies in seiner Gesellschaftskritik durchaus richtig: klar, sie werden abgezockt; ja, sie werden als aktueller Maßstab für diverse staatliche Durchsetzungs-Richtlinien hergenommen.

Aber zum einen gibt es gegen jede Maßnahme eine Möglichkeit des zivilen Ungehorsams.
In Italien, wo die Anti-Raucher-Gesetze derzeit strenger sind als in den USA, drängen sich die Tabak-Zuzler auch in der kalten Jahreszeit outdoors vor den Lokalen, wo sie tschicken dürfen und wo man ihnen lässige Schirmchen mit Heizkanonen aufstellt.
Weil ja auch die Geschäftstüchtigkeit die Gesund- und Sicherheits-Regeln umgehen mag.

Es wird also die Kreativität gefördert.

Zum anderen aber möchte ich den Opfer-Ansatz in Frage stellen. Denn warum zum Teufel bestehen die Raucher, die sich ja selber als schicke Avantgarde und lässige Abenteurer ansehen, denn so auf die gesellschaftliche Akzeptanz ihres Betreibens?

Hätten Hemingway und die anderen Mann-Männer, die dem Rauchen den Odem der Freiheit zugeschrieben haben, auf das Okay des Staates oder der moralischen Mehrheit nicht einen ordentlichen Krapfen geschissen?

 
 
  Das "Wir werden diskriminiert und in eine schmuddelige Ecke gedrängt"-Geseier widerspricht diesem Marlboro-Motorrad-Lässig-Mann-Image doch eklatant.

Richtig wäre ein: Ja, wir rauchen; ja, wir stinken, ja unsere Küsse schmecken wie Aschenbecher, ja wir sind Außenseiter und stehen dazu. Los, lass uns in den Sonnenuntergang reiten!"

Das wäre angebracht und heldenhaft. Nicht dieses yuppie-mäßige "Pfoa, der ur-gemeine Staat verfolgt uns in unseren zentralen Lebensinteressen. Amnesty hülf!"-Gewinsel.

Die anderen Lässigen sind ja auch nicht öffentlich erlaubt. Der Pornograf darf sich auch nur zu hause und nicht etwa öffentlich seines Spermas entledigen (andernfalls: Ordnungsstrafe); der rauschig über die Straße torkelnde Radfahrer darf ja damit auch gleich seinen Führerschein abgeben; und der geneigte Profi-Kiffer jammert auch nicht, dass er im Lokal nicht bauen darf und macht es halt unaufällig, dafür aber mit dem Hauch des Verruchten.

Scheinbar hat die Mehrheit der Raucher nicht nur ein Sucht-Problem mit dem Tabak.
Die Sucht nach dem Segen der Gesellschaft ist noch viel größer.
Wie uncool ist das denn, bitte...

 
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