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Wien | 16.6.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 16.6. Donnerstag.
  Harald Schmidt war niemals besser.
 
 
 
  Es gibt, erstaunlicherweise auch in Österreich, einem Feld, das er gar nicht beackert, derzeit eine absurde Mobbing-Stimmung zur Harald Schmidt-Show in der ARD.
Sie läuft so wie alle ursprünglich absichtlich losgetretenen und sich dann durch die Blödigkeit des Mobs verselbstständigten 'Debatten' ab, und frönt einem der dümmstmöglichen Modelle, nämlich dem "Früher-war-alles-besser"-Klischee.

Nun juckt das den Baum wenig, wenn sich die Sau dran reibt; und auch mich hat dieses Gezerre von Einzelnen bislang nicht interessiert. Heute finde ich in der 'taz' aber einen Titel, der "Ist Harald Schmidt noch zu retten?" lautet und sich als Satire auf ebenjene Plärrer erweist; als Satire zumal, die die Argumentations-Armut und die banalen doublebind-Effekte der Campaign verscheißert.

Denn das ist das eindeutigste Erkennungs-Merkmal so einer Aktion: dass neben dem "Früher-war-alles-besser"-Unterton (mit dem man immer eine moral majority erreichen kann, in jeder Lage und überall) nämlich ausschließlich diffuse Gefühligkeiten verhandelt werden, die keinerlei Überprüfungs-Check standhalten, weil es keine klare Überlegung, keinerlei abstrahierte Unterfütterung dazu gibt.

 
 
  So funktioniert jeglicher Populismus: schwammig, inhaltlich ausweichend, auf dumpfe, sehr allgemeine Ressentiments setzend und sich immer nach der aktuelle Strömung richten, Fähnchen im Wind spielen.

Dass dahinter gerne ein Mastermind mit einem ebensolchen Plan steht, der recht einfach sein muss (geht dabei meist um Machterhalt), möchte ich in diesem Fall nicht unterstellen, wiewohl natürlich das ganze jederzeit in einem politischen Leitkultur-Büro entstanden sein kann.

Dafür spricht z.B. auch, dass ein klassisches Eliten-Argument (via der es verwendenden Medien) Eingang in die Argumentation der Normalos gehalten hat: die Schmidt-Gegnerschaft argumentiert nämlich mit Quoten.

Nun war die Schmidt-Show zu sat1-Zeiten Jahre im Quotentief, ehe sie sich dann auf okayem Niveau eingependelt hat und sich selbst bei den Medien-Heuschrecken-Managern herumgesprochen hatte, dass Image ein ebenso hohes Verhandlungs-Gut ist wie Quote.

Publikums-Argument kann eine Einschalt-Ziffer aber niemals sein - das individuelle Gefallen muss diese Dinge overrulen.

 
 
  Eine ernsthafte Analyse der Schmidt-Show zu sat1-Zeiten (also bis Ende 03) und jetzt in der ARD (ab Anfang 05) zeigt ja auch ein ganz anderes Resultat.

Die Sendung ist auf Grund von vier wesentlichen Änderungen dichter und komplexer geworden, inhaltlich und qualitativ hochstehender und besser. Sie wendet sich damit automatisch an ein aufmerksameres Publikum.

Das wiederum sieht ein anderer, bislang auch am Rande mitgenommener Teil des Publikums aber nicht so gerne.

Die vier Änderungen sind:
1) keine Gäste mehr.
2) keine Akt-Dramaturgie mehr, weil die Werbepausen wegfallen.
3) keine Privat-TV-Interessens-Einflussnahmen mehr im Hintergrund.
4) Konzentration mit Essenz-Programm statt täglichen Fließ-Programm.

 
 
  Wie schön scheiße die Gäste in der alten Schmidt-Show waren, zeigt H. in etwa jeder dritten Show, wenn er sehr zynische Hintergrund-Details aus dieser Zeit erzählt.

Die zweite Hälfte der alten Schmidt-Show, da sind sich Fans und Kritiker damals ja einig gewesen, war völlig uninteressant, weil die Gäste es waren, und Schmidt auch deutlich desinteressiert an ihnen war. Diese Parts hat sich auch niemand angesehen.

Dass die aktuellen Mobber nun wieder Gäste einfordern, ist ein schöner Fingerzeig für die Planlosigkeit in der Argumentation; und dass es hier nur ums Deppertreden um des Deppertredenwillens geht.

Seit Schmidt also die blöden Störer los ist und sich noch eleganter an Andrack reibt, ist die Sendung natürlich qualitativ weitergekommen. Sie schloss damit an die alte Schmidteinander-Ideologie an, als Schmidt sich mit Feuerstein matchte, was auch schon ganz ganz großartig (und in seiner Zeit unerreicht) war; trotzdem ist die aktuelle Schmidt-Show in ihrer noch viel brutalerer und politischeren Direktheit heute noch einen ganzen Sprung weiter.

 
 
  Die in sat1-Zeiten manchmal etwas gar verkrampft eingesetzte Letterman/Carson-Dramaturgie, die in den entsprechenden Handbüchern über Late Nite vorgegeben wird, ist mittlerweile einem komplett eigenständigen Free Flow gewichen.
H. & M. machen was sie wollen, setzen dabei Zuspieler ebenso nach Lust und Laune ein wie Außenstellen (die nachgebauten romanischen Kirchen Kölns unlängst, Zucker...) oder Zeige-Bilder bzw. -Figuren.

Das alles ist wie früher, nur ein wenig gediegener und noch gefinkelter, weil (siehe Punkt 3) das Schwachsinns-Feedback der Heuschrecken (das Schmidt ja auch gern karikiert hat) wegfällt.
Die ARD-Verantwortlichen machen das bestmögliche: freie Hand lassen; nicht mitquatschen wollen.

Die Konzentration auf zwei (manchmal nur eine) Show/s pro Woche macht gar nix.
Im Gegenteil: sie hat mich z.B. zu einem Dauer-Seher gemacht, was ich bei 5xdie Woche auf sat1 nie war - da konnt ich mir dauernd denken 'ah, ich seh's eh morgen' und habs dann wochenlang nicht gesehen.

 
 
  Es hat sich inhaltlich, dramaturgisch und in der (wichtigen und notwendigen) Zuspitzung also alles zum Besseren entwickelt: Harald Schmidt ist so gut wie noch nie, bringt mich deutlich mehr als zu sat1-Zeiten dazu, wirklich schallend zu lachen, minutenlang manchmal, auch weil die Themen seiner derben Scherze weniger die Show-Schenkelklopfer aus der alten Phase denn die wirklich zu schlagenden Mächtigen sind.

Aller Ablenkungs-Quatsch (elendig lange Werbepausen, schreckliche Idioten-Gäste, die jetzt glücklicherweise die anderen, eh schon ausreichend platten deutschen Quatsch-Shows zu puren Kotz-Orgien machen, kein spürbares "Du solltest doch lieber dies tun"-Geschwätz im Hintergrund, keine Häppchen-Kultur und kein Anhalten an übertragenen Mustern) ist weg, Schmidt ist nur noch er selber (respektive: die Schmidt-Show mit ihren 100 Machern macht was sie für gut hält) und das ist optimal so.

Harald Schmidt war niemals besser.

 
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