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Wien | 19.6.2005 | 22:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 19.6. Sonntag.
  Der magische Ort.
 
 
 
  Musik, oder besser die zeitgenössische Popmusik, war für mich immer ein magischer Ort.

Und zwar zweifach zweifach.

Zum einen in der assoziativen Erfahrung des intimen Musikhörens und zum anderen in der kollektiven und körperlichen Erfahrung des Konzerts, der Party, der Menschen-Ansammlung mit oder um Musik.

Und, zum zweiten, einerseits in ihrer ganz persönlichen Wirkung, der exklusiven Zwiesprache, die du da mit deinem eigenen Kanon führst und andererseits durch ihre einzigartige Fähigkeit, mittels simpler Codes querbeet zu kommunizieren und dabei so etwas wie einen Common Sense zu entwickeln.

Früher, als ich noch zuvorderst musikjournalistisch tätig war, hab ich sehr streng (ich war da zu Beginn in einer sehr strengen Ära zugange, bei der alten Musicbox herrschte Spaßverbot, da war jede Regung mit Bedeutung aufgeladen) drauf geachtet, dass die Dinge, die ich in der erwähnten privaten Zwiesprache gehört habe, dann auch in diesen Common Sense übergingen.

Das funktionierte entweder eh ganz von selber (weil ja immer zeitgleich an ganz verschiedenen Orten ähnliche kulturelle Äußerungen entstehen; eine Tatsache, die den armen Verschwörungstheorie-Süchtigen, die zuwenig Fantasie für diesen Fakt haben, und deswegen weltweite Hype-Syndicate vermuten - unlängst hatte ich eine arme Seele am Mail, die das bei M.I.A. annahm; süß) oder musste mit enormer Überzeugungsarbeit angegangen werden.

Das führte dann manchmal zu etwas (so hat z.B. Werner Geier HipHop in Österreich so installiert, wie er heute noch funktioniert), manchmal aber auch zu nichts, was dann wiederum ein Hinterfragen der eigenen Position zur Folge hatte.

 
 
  Etwas scheinbar Simples wie das Anhören, Beurteilen und Näherbringen von Popmusik ist nämlich genauso schwer und mit Mühsal verbunden wie jede andere Kultur-Erziehung.

Und die Gier nach jenen, die einem genau diese Rezeption vorleben und die Türen öffnen, ist genauso groß oder klein, wie sie immer war.
Exakt die Anerkennung dieser Notwendigkeit trennt nämlich die Vorbeiriesel-Spreu vom Popkultur-Weizen.
Die, die's nicht so wirklich vom Herzen her interessiert, die vielleicht nicht so viel von Musik wollen, was über lässiges Popschwackeln hinausgeht, können auf derartiges eh verzichten; die anderen, denen diese Vermittlung von Codes und diese oft sehr komplexen Debatten wichtig sind, die nehmen das auch an.

Aus diesem Alltags-Geschäft bin ich längst draußen, das machen die jungen Kollegen, die Leute, die für ihre Sounds brennen und das klarmachen wollen. Auch für mich, ich hör das gerne.

Der magische Ort ist, seit ich mich nicht mehr mit den komplizierten Distinktions-Details, die die jungen Experten aus dem ff erkennen, beschäftige, sondern mit dem größeren Bild zufriedengebe (das klingt jetzt defensiver als es sollte, hat aber mit einer sehr sinnvollen Verlagerung von Wichtigkeiten zu tun), für mich also wieder in erster Linie der, der es auch in meiner prämedialen Zeit war.

(Nicht, dass ich Bluffer und Wenigwisser mit meinem Back-Catalogue und den Expertisen der Nachfolger, nicht noch problemlos ausmachen und verspotten kann, dafür reicht es noch allemal...)

Und das, die Rückkehr zum puren magischen Ort ist durchaus ein Genuss.
Weil er mir wieder eine gewisse Unschuld erschließt.

 
 
  Zum Beispiel gestern abend, bei dieser Diplom/Geburtstags-Party in einer Höhle im 11.: irgendwann, während der DJ die Killers von Mr. Brightside erzählen lässt, überkommt mich eine Interpol-Assoziation, die zwar vielleicht auch in die Stimmung der Katakomben und der anwesenden Leute passen würde, aber vor allem mir gerade enorm gut zu Gesicht gestanden wäre.
Sie kamen dann auch prompt, vielleicht, weil der Set-Aufbau ein logischer war. Es war auch nicht die allerbeste Interpol-Nummer, aber dieser Moment war einfach richtig und er führte an einen magischen Ort.

Und da fiel mir dann eine Situation Donnerstag nacht ein, als ich nach dem Ende einer kleinen RKH-Party, wieder in die Redaktion hochgekrabbelt war, um mir die Wiederholung von delta anzusehen und nebenbei das FM4-Sleepless-Programm lief.
Und an einer inhaltlich sehr passenden Stelle kam da plötzlich C'mere von Interpol und ich hab den Radio-Lautsprecher aufgedreht und er hat Scobel und seine Gäste für drei Minuten übertönt, ohne dass jemand dabei schlecht wegkam - es passte einfach perfekt.

Ich erkenne die Interpol-Stimme, auch wenn sie ganz leise irgendwo untergründig daherkommt, immer sofort; wie die Bassläufe des Peter Hook, das sind ganz eigenwillige Erkennungszeichen, Türsteher der magischen Orte.

 
 
  An diesem Party-Abend funktionierte dann auch der zweite Teil, die körperliche Erfahrung der live erzeugten Musik. Ein Konglomerat aus der Impro-Band Thalija und dem ehemaligen Temple X-Mastermind spielte eindringliche Art-Noise-Musik, wie Sonic Youth ohne Auflösung.

Ich schätze sowas ungemein, die Möglichkeit des freien Flusses, der das Ohr so schön freispielt, um dann wie in allerhöchster Konzentration viel mehr, gleich einem Xfach-Spur-Mischpult, alle Instrumente einzeln und trotzdem als einen gemeinsamen Sound wahrzunehmen.

Dieses sich freiwillig dem magischen Ort-Unterwerfen eröffnet, was vielen nur per Krücke, mittels Drogen, die ähnliche Wirkungen haben, bekannt ist, da aber in grotesken Verzerrungen der eigenen Relation zur Musik ausfranst. Soll machen, wer es für nötig hält.

Der magische Ort ist ganz ohne diese Tickets zu erreichen. Und er kann überall und immer sein, weiß ich eh. Is nur schön, das hin und wieder festzustellen und sich auch am Genuss dieses Genusses zu erfreuen.

 
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