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Wien | 26.6.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 26.6. Sonntag.
  Das Anrainer-Syndrom.
 
 
 
Anrainer 1. Ordnung
 
Am Freitag in der Post: ein Brief vom Bezirk.
Man plant den Verkehr, der die Gumpendorferstraße so sehr quält, durch Umleitungen auch auf die umliegenden, bislang so gut wie gar nicht frequentierten Gassen, zu vertilen. Auch meine Gasse.
Während ich das Brieflein lese, im Lift hinauf, mutiere ich für Sekunden zu einer der dümmsten Hervorbringungen des Zivilisations-Menschen: dem Anrainer.

Anrainer wird man immer dann, wenn man von irgendetwas persönlich, körperlich, räumlich betroffen ist, was die Gemeinschaft, der soziale Körper, innerhalb dessen man sich bewegt (kann Dorf, Stadt, Staat, Planet oder sonstwas sein, manchmal ist es auch ein über die Ufer tretender Piss-Bach) einem etwas abverlangt.
Erste Reaktion des Anrainer: wieso ich?! Gemein! Sollns die anderen! Der alte Ruf nach dem heiligen Florian also.

Ich hab diesen Reflex, dieses Anrainer-Syndrom dann glücklicherweise beim Eintritt in die Wohnung wieder abgelegt, und für mich beschlossen, diese weniger gute Nachricht in Würde zu tragen. Wenn man sich mitten in der Stadt einmietet, dann wohl im Bewußtsein, dass sich die Stadt (vor allem mitten in der Stadt) auch verändern kann.
Und eine Entlastung der Gumpinger um 20%, das läßt sich tragen, auch von mir.

 
 
Anrainer 2. Ordnung
 
Am erstem Donauinselfest-Tag hab ich (nicht draußen, sondern in der Stadt) flüchtig einen Donauinsel-Bewohner kennengelernt, der tatsächlich ein kleines Jammerlied über das Donauinselfest anstimmte: so viele Leute, so laut...

Ich war versucht Worte wie "Echt?", "Na geh!" oder "So unerwartet, was?" einzuwerfen.

Der DI-Bewohner lebt weniger lang in der Gegend als es das DI-Fest gibt, ist also in seiner Unbelehrarkeit ein Anrainer par excellence.
Gegen den dritten Anrainer ist er aber ein duftender Schas im Wald.

 
 
Anrainer 3. Ordnung
  Anrainer 3 ist "Andreas Pribersky, Osteuropa-Experte am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien".
Herr Pribersky ist Anrainer am Wallensteinplatz, wo seit kurzer Zeit ein Turm steht, der zur öffentlichen Begehung, zur Tages- und Freizeit-Gestaltung, oder einfach nur zur Muße einlädt.
Herr Pribersky ist über diesen Turm (Besuchsbericht hier) so empört, dass er im 'Kommentar der Anderen' im Wochenend-Standard einen Artikel verfaßt hat, der die Turm-Aktion mit einer McDonalds-Filiale vergleicht.

Auf einige der dreist an herbeifantasierten Haaren herangezogene Argumente darf ich später noch kurz eingehen.

Vorher aber die Frage: was ist ein Platz? Egal ob im Dorf oder in der Stadt?
Warum gibt es - von Menschen erbaute - Plätze?

Ich denke bis auf Pribersky wissen das alle: Plätze sind, seit jeher, Ort der Begegnung von Menschen, ein öffentlicher Raum, lange ehe irgendjemand diese beiden Worte so aneinandernähte, dass sie heute untrennbar scheinen.
Plätze sind für Märkte da, Plätze bedeuten Leben und Geschrei, Kundgebungen und Auseinandersetzung.

 
 
  Andreas Pribersky, Osteuropa-Experte am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien, wohnt zwar am Wallensteinplatz, hat aber das Wesen eines Platzes scheinbar noch nicht hinterfragt.

Das ist seltsam.
Vielleicht verkehrt Andreas Pribersky, Osteuropa-Experte am Institut für Politikwissenschaft, nicht viel mit Menschen, hat keine sozialen Kenntnisse, es sei ihm zugestanden.
Andererseits: sein Forschungs-Gebiet, Osteuropa, ist voll von Plätzen, die geschichtsträchtiges bewirkt haben, egal ob in Prag oder Moskau.

Wenn schon nicht aus der praktischen Anschauung des Lebens, aus der Theorie seiner Arbeit müßte Pribersky wissen, was ein Platz ist.

 
 
  Diese Blindheit des Pribersky ist das von mir beschriebene Anrainer-Syndrom. Mich armen Tropf hat es eine ganze Liftfahrt umfaßt. Den ganz und gar in Elend geworfenen Pribersky straft sie scheinbar tagelang.

Und macht ihn damit zum Prototypen des Anrainers dritter Ordnung. Es handelt sich hiebei meist um einen angesehenen Bürger, gerne einen Akademiker, der in seinem Fachgebiet vielleicht sogar wissenschaftlich arbeitet, und dem dann die Umgebung fälschlicherweise diese Fachkompetenz auch für alles andere zugesteht.

Durch das Anrainer-Syndrom setzt aber - wie man bei Pribersky sieht - jegliche Logik, jegliche Vernunft, jegliche Abstaktion, jegliche Wissenschaftlichkeit aus.
Es bleibt nur noch Schaum vorm Mund.

Das mag nun im Privatleben lustig sein. Man kann damit auch spielerisch umgehen oder die zuständigen Bezirks-Politiker ärgern - die geben einem wichtigen und wertvollen Mitglied der Gemeinde in solchen Fällen immer gern ein Forum, in dem man sich dann austoben kann.

Irgendwann sollte aber auch einen Anrainer 3. Ordnung, einen Pribersky, aber die Wirklichkeit einholen.

 
 
  Diese Wirklichkeit besagt nämlich, dass der Turm am Wallensteinplatz kein Vorbote eines Roten Platzes nach Moskauer Vorbild ist, sie besagt weiter, dass die Idee zum Turm keineswegs von irgendeiner Partei kam, die da was instumentalisieren will, sie besagt weiterhin, dass es sich hier nicht um einen Prototyp einer neuen Leitlinie der Urabnisierung handelt oder dass die dort stattfindende, von Pibersky per se als minderwertig betrachtete sogenannte Party-Kultur nicht einer (längst inexistenten) Love-Parade-Kultur dient, sie besagt weiterhin, und auch, dass hier billig und mit Hirnschmalz produziert wurde, und von einer Verschwendung von Steuermitteln keine Rede sein kann, und sie besagt, dass dieser Ausbund an intelligenter Fantasie abseits bürgerlicher Hundertwasser-Vorstellungen von lebenswertem Wohn- und Umgebungs-Raum auch von Menschen, denen die Ornamentik eher wurscht, hingegen die Funktionalität äußerst wichtig ist, mehr als angenommen wird.

Das alles ist mit jemandem, der das Wesen des Platzes an sich nicht erspürt hat, natürlich schwer bis unmöglich zu vermitteln.

 
 
  Vermitteln kann der Anrainer dritter Ordnung, der kluge Herr Doktor, vor dem sich der Bezirksrat ein bisserl anscheißt, seinerseits seinen Ärger. Wahrscheinlich in aller Wucht und auch fraglos auf hohem Niveau.

Und weil sich niemand gern gegen den A3O stellt, weil sich niemand gern in den Weg eines gut ausgerüsteten und mit Wut aufmunitioniertem Panzer stellt, wird dessen fundamentalistischer Ausbruch dann auch flächendeckend veröffentlicht; auch im sonst nicht unbedingt hausmeisterlichem Standard.

Nun, ich bin kein Osteuropa-Experte, auch keiner für Architektur, Plätze oder sonstwas in der Art.
Ich bin bloß ein Städter, der Plätze schätzt; und ich bin ein Anrainer, der zurückzustehen gelernt hat, der die räumlichen Äußerungen anderer, sofern sie für jene Sinn machen, akzeptiert, solange sie nicht Droh-Charakter haben.
Und das ist hier nicht der Fall.

Ich bin aber soweit mit der Geschichte Osteuropas vertraut, dass ich weiß, daß es Sinn machen kann, sich auch alles zermerschenden Panzern in den Weg zu stellen. Selbst dem mächtigen Pribersky.

 
 
PS
 
Ich bin am Montag-Abend eh dort, auf dem Turm.
Ein Freund, der das Ding mitkonzipiert und mitaufgebaut hat, macht eine Grillerei, ganz oben.

Und die ist nicht nur für Bösewichte wie Möchtegern-DJs, pseudosozialistische Retro-Fanaten und andere Erzfeinde des guten Anrainers 3. Ordnung, sondern auch für Anrainer selber offen.
Vielleicht sehen wir ja selbst den Herrn Pribersky.

 
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