Ich fühle mich ertappt. Ich muss alles neu überdenken. Teufel auch.
Schuld ist der blöde Economist und sein Cover über Video-Games. Denn da definieren sie mich einfach als "Digital Immigrants", schießen direkt aufs Tor und erwischen mich auf dem falschen Fuß - voll gemein.
Nein, im Ernst jetzt.
Nichts, was da steht, ist neu, aber manchmal ist so eine übersichtliche und vor allem unaufgeregte Zusammenfassung des Wissens-Standes sehr wertvoll.
Denn im Fall der Fälle, wenn wieder irgendwie in Erfurt oder in Manson-Land ein Schulbub Amok läuft, der immer ganz viel Doom gespielt hat, dann überschlägt sich diese Debatte eh wieder ins Sinnlos-Hysterische. Und es wird schwer dann eine vernünftige Position anzubringen.
(Wiewohl das natürlich geht. In der heutigen taz erschien eine unendlich kluge Geschichte, die das grässliche Boulevard-Thema um die in der Vorwoche aufgeflogene Kinds-Mörderin unter einem verblüffendem Aspekt - der Fachausdruck heißt 'weibliche Potenz' - analysiert.)
Der Economist mistet zunächst einmal die Klischees aus, die teilweise auch die Gamer selbst pflegen: Video-Games werden nämlich nur zu einem Drittel von Unter-18-Jährigen gespielt, die überwiegende Mehrheit ist zwischen 18 und 50, und fast zwanzig Prozent sind sogar älter.
Video-Gaming ist also keineswegs ein ausschließlicher Zeitvertreib für 13-jährige Pickel-Jungs, wie es sich die Digitalen Immigranten in ihren realitätsfernen Träumen so vorstellen, sondern alterstechnisch unglaublich breit und weit gestreut, mit einem Durchschnittsalter von etwa 30.
Ich kenne diese Klischee-Debatte um eine falsche Alterssicht (die aus Stammhirn-Impulsen von archaischer Dimension herrühren) ja aus Gesprächen mit leidenden Standard-Kulturredakteuren, die z.B. FM4 gern Kinderradio nennen und dann nach der Information, dass das Durchschnittsalter der FM4-Hörer über 24 liegt, dreinschauen wie der Ochs vorm Tor: süß blöd.
Und noch ein schöner Satz findet sich da: 75% der Games sind unter 40, aber fast alle Kritiker sind über 40.
Da klafft also die Lücke.
Ich bin da irgendwo dazwischen: kein Game-Verteufler, sondern ein reiner Ignorant des Spiels. Als "digital immigrant" hab ich mir die Benützung von Technologien wie Internet, Handy etc angeeignet.
Im Gegensatz zu den "digital natives" fehlt mir aber die Selbstverständlichkeit der spielerischen Handhabung, mit denen diese Generation schon aufgewachsen ist. Und die diesbezügliche Wasserscheide liegt exakt entlang der Videospiel-Achse.
Ich hab da natürlich eine Ausrede.
Mich haben ja schon analoge Spiele nie wirklich interessiert, Spieleabende hab ich eher nur unter Zwang (Gruppenzwang, Beziehungs-Zwänge, früher...) über mich ergehen lassen. Hat mich nie interessiert.
Dass die massive Mehrheit der Gamer eh die Erwachsenen sind, hat auch mit dieser Tradition der Spielrunden zu tun: die Spielerunden-Menschen spielen jetzt eben gemeinsame Games, oder, falls vereinzelt, Sims-mäßiges Zeug.
Der Vorwurfs-Klassiker, Videogamer wären nur verblödete Zombies, kommt zumeist von der Generation an Verantwortungs-Trägern über 50, also denen, die nie im Leben jemals einmal ein Spiel (und sei es nur simples Tetris, aus Neugier) gespielt haben und für die diese Unterhaltungs-Form eben nicht gleichberechtigt neben Musik oder Kino dasteht.
die fm4-console. im hintergrund herr duscher beim ideen-scheißen.
Diese Spalte ist kaum zu kitten, die Biologie wird es aber auswachsen, in ein paar Jahren. Bis dahin werden wir die Verständnislos-Debatten haben, die alle schuld auf ein Tool schieben, anstatt sich mit der Anwendung auseinanderzusetzen.
Und solange werden wir auch die schnarchig-betuliche Gegenbewegung haben, die uns weismachen will, dass Videogamen schlauer macht. Das ist natürlich genauso ein Blödsinn, weil es auch hier auf die Anwendung ankommt.
Niemand aus den bildungsfernen Schichten (der "Tausche Familie"-Typus) wird von einem der Spiele, die in diesen Familien wie alle modernen Technologien (Handy, Flatscreen, Konsole, Pod...) als einzig verbliebenes Status-Symbol, zumeist auf Kosten einer absurden Verschuldung, angeschafft werden, auch nur einen Millimeter schlauer, reaktionsschneller oder für künftige gesellschaftliche oder berufliche Aufgaben besser gerüstet.
Nicht das Video-Game an sich löst irgendwas aus, nur die Art der Anwendung. So ist das bekanntlich mit jeder Technologie und jedem Medium.
mein aktuelles lieblingsspiel.
Nur einen derzeit gern vorgetragenem Vergleich möchte ich widersprechen: dass Games wie jede Kunstform in ihrer Frühphase eben automatisch verteufelt werden müssen, ehe sie dann akzeptiert in den Kanon eingeführt und gesellschaftlicher Mainstream werden. Das sind sie eh schon längst - trotz der Verständnislosigkeit der über 50-Jährigen.
Ich spreche den Games allerdings den Begriff "Art" ab, und zwar ebenso wie den Tattoo- oder Piercing-'Künstlern'.
Abgesehen von den jeweiligen Vorreitern und ein paar Vertretern, die tatsächlich einen künstlerischen Ausdruck pflegen, ist es das nämlich nicht: Video-Games sind nicht "Art", sind nicht Kunst, sondern gutes Handwerk, im Optimalfall meinetwegen Kunst-Handwerk.
Und das nicht nur durch ihre Praxis, sondern auch in ihrer inneren Theorie, die ausschließlich auf Gefallen und Verkauf abzielt und niemals so etwas wie eine riskante Avantgarde-Idee, die dann einige Zeit später umso erfolgreicher sein kann, in Betracht zieht.
Das unterscheidet das Game als Medium von anderen deutlich. In ein paar Jahren, wenn das Böse in Gestalt von Video-Games von einem anderen neuen Bösen, auf das sich dann auch die ursprüngliche Gamer-Generation einigen kann (weil es neu sein wird, und die Älteren es nicht verstehen werden...) abgelöst werden wird, werden wir einen klareren Blick drauf haben. Und wer weiß, vielleicht entwickelt sich aus dem reinen Game-Kommerz-Gedanken ja noch sowas wie "Art".