Aus etwa 10 Meter Distanz erkennt FM4-Technik-Administrator H., welche Mikros der Waxos-Schlagzeuger Daniel für seine Abnahme verwendet: AKG 414, heimische Qualität, die Sprech-Klassiker, die wir auch im Funkhaus haben.
H. hat den Blick. Ich erkenne die Dinger, wenn ich das Drum-Set aus der Nähe beäuge dann auch. H. hat den Blick, weil er seit sicher 20 Berufs- und Interessens-Jahren seine Umgebung durch bestimmte Filter schickt und nach speziellen Parametern taxiert.
Vielleicht habe ich den Blick für Festivals und Symposien. Denn das Elevate Schlossberg-Festival ist ja keine Musik-Veranstaltung, ebensowenig wie FM4 ein Musiksender ist.
Die Musik spielt eine Hauptrolle, ist ein Reinzieher, die Aktivitäten bei den Rahmenveranstaltungen dahinter sind aber genauso wichtig.
Die stehen unter dem Motto "Independence", sind in vierlei Felder aufgeschlüsselt und gut besetzt, was der Folder zu erzählen vermag ist mutig und beeindruckend.
Trotzdem, und das ganz leicht zu erkennen, gestern Nachmittag, liefen die Workshops und Diskussionen so ab wie bei einem AKS-Seminar. Und das ist nicht einmal bös gemeint.
Es ist nur immer wieder erstaunlich, wie hoch die Diskrepanz ist zwischen Wollen und Sein; oder zwischen der fein austarierten Welt des Katalogs und den Umwegbarkeiten der Praxis.
Das trifft nicht so sehr auf die Meister des virtuellen Nerdtums zu, die im Dom über neue Entwicklungen und vor allem die Chancen, Unabhängigkeit zu bewahren, sprechen, sondern auf die gesellschaftspolitischen Bereiche, die im Schlossberg-Restaurant stattfinden.
Und vor allem im Vergleich zu den Musik-Darbietungen, die eben nicht nur Wert auf Inhalte, Überbau und gesellschaftliche Zusammenhänge legen (sonst wären Attwenger, die Waxos oder Daelek wohl kaum eingeladen), sondern sie auch formal genau durchgedacht haben, und dementsprechend eine gewifte Ästhetik des Andersseins entwickelt haben.
Und dann finde ich im Programm ein Zitat von Stepen Marshall, dem Gründer des "guerilla news network": "Ich kann das selbstauferlegte Leiden mancher Linker nicht mehr sehen, die sich auf ewig im Märtyrer-Kampf gegen einen übermächtigen Feind sehen. Und dies mit einer Ästhetik betreiben, die zum Einschlafen ist. Die Leute sind an Politik, Wahrheit und auch komplexen Sachverhalten intererssiert, man muss es ihnen nur richtig servieren."
Gut erkannt, in der Katalog-Theorie; nicht wirklich umgesetzt in der Festival-Praxis, wo mich manches an die Anti-AKW-Zeiten (prä-grün) erinnert, die auf ihre Art immer spießiger war als die schlimmsten der vielen steirischen Wahlplakate es heute sind.
Trotzdem mag ich das Ganze. Weil es das Richtige zwar verhatscht präsentiert, aber eben präsentiert, und sich nicht einfach ergibt.
Und mir fällt die kleine Kulturgeschichte des Ausdrucks "Gutmensch" ein, die ich in der Freitags-taz gelesen habe, und die üble Um-Programmierung, die Populisten daran geleistet haben (und in einem ganz kurzen Gedankenschlenker-Schleife auch wieder Marshall Märtyrer-Satz, hinter dessen Maxime sich ja auch gerne die auch real existierenden Pseudo-GM verstecken) und ich erinnere mich an Knechts Kolumne im Falter vor ein paar Wochen, als ihr spürbar die Galle hochkam, weil wieder einmal der Gutmensch diffamiert wurde, während sich die neoliberale-sichfürwasbessereshaltende Gesellschaft im sexuellen Selbstbedienungsladen des Ostens bedient ohne sich dabei was zu denken.
Der Falter präsentierte im übrigen auch die Haupt-Bühne (Kasematten, beeindruckendes Freiluft-Ensemble droben am Berg, für diesen Event überdacht) am Freitag, dem ersten Abend.
Das interessanteste am Attwenger-Auftritt - neben einigen neuen Stücken, die auf CD in vier oder so Wochen erscheinen werden, sagt der Binder - war ihr ständiger Begleiter, ein nimmermüder Fotograf, der ständig auf der Bühne vor Binder und Falkner herumturnte und offenbar sehnlich drauf wartete, dass er einen Schuss mit beiden zusammenkriegt.
Nur: sowas sieht das 2er-Konzept bei Attwenger nicht vor. Dass die beiden dem Foto-Nerver nachgaben und einmal tatsächlich aneinanderrückten, war bemerkenswert.
Denn: so stur und unnachgiebig die Attwengers in inhaltlichen Belangen sind, so guterlatschmäßig sind sie bei Dingen, die ihre persönliche Freiheit beschneiden (die - konsequent zu Ende gedacht - natürlich einen beträchtlichen Teil der inhaltlichen Unabhängigkeit bereithält).
Die zwei ähneln darin einem anderen Duo, das auch immer exakt so handelt: Stermann und Grissemann.
Danach: die große, die Supercity-Variante der Waxolutionists, warmherzig und erbaulich, wie es seit Jahren ihr Wesen ist, eine der möglichen Anti-Thesen zum zerfledderten Planeten-Körper HipHop.
Eine andere heißt Daelek. Der ist so überzeugend düster, verhangen, apokalyptisch und in seiner rollinesken Performance auch unerbittlich, dass es die klassischen "gemeinsamer Nenner"-HipHop-Freunde, die mittlerweile zu den risikolosesten Fadzöpfen der Musikbranche zählen, ganz logisch vertreiben muss.
Daelek funktioniert wie Suicide.
Fantastisch.
Im kleinen Nebenraum bin ich in einer Umbau-Pause dann über eine heimische Band namens "Naos" gestolpert, eine süße Variante der Cardigans, mit einer Sängerin mit Engelsflügeln, gut austemporierten Songs und einer absolut bühnen- und starschnitttauglichen Band.
Ein kleiner Stein, der sicher bald irgendwo gefasst auftauchen wird, muss.
Nach der Kasematten ging das Musikprogramm dann im Dom im Berg weiter. Wir sind gerade zum wiehernd-durchgeknallten Set von Hrvatski (trotz des Namens Schotte in den USA) zurechtgekommen.
Wildes Galoppere.
Dass er sich das Gaffer-Bandl, das er um Bauch und Jacke gezurrt hatte, backstage sofort wieder runtergerissen hat, bestätigt seine Showmanship.
Dass Autechre, auf die sich der halbe Saal gefreut hatte, kürzestfristig abgesagt hatten, ist natürlich böse. Beim Hecker, seinem braven Ersatzmann, war dann dafür mein Akku leer.
Der Dom war im Gegensatz zur anderen Location ganz schön voll und brodelig - ein guter Abend.
Graz ist scheinbar ein guter Boden für Elektronisch-Avanciertes.
Daheim läuft noch kurz die TV-Kiste und mittendrin ein perfekt hininszeniertes New-Orleans-Benefiz-Musikding mit Randy Newman, U2, Foo Fighters, Neil Young und Schauspielern wie Morgan Freeman oder Ellen Degeneries. Und das alles mit derart dramaturgisch präzis aufgezogenen Sätzen und derart ausgewogenen Live-Darbietungen, dass jeder Perfektionist weinen könnte vor Freude.
Mir hat einen kurzen Moment davor gegraust. Und da hab ich mich auch kurz zu den gedreadlockten Aufwärts-Sandalen-Trägern zurückgewünscht, weil mir die da doch beim Arsch lieber sind.