Im arte-Fernsehen gibt es eine kurze Sendung, die ich heiß liebe. Da kommt ein freundlich-professoraler Franzose und erklärt mir in zehn Minuten anhand von Karten (geographische, ökonomische, geopolitische, historische, alle möglichen Karten eben) ein spezielles Thema und seine Zusammenhänge.
Unlängst hab ich dort bei "Mit offenen Karten" (jeden Mittwoch um 22 Uhr 25 und auch sonst in vielen Wiederholungen in der nächtlichen Schleife zu sehen) in zwei Folgen die Grundlagen der chinesischen Energie-Politik vermittelt bekommen, und das war spannend wie ein Krimi, weil da eben alles zusammenspielt: die chinesische Geschichte, die aktuellen politischen Umstände, die wirtschaftliche Öffnung, die geopolitische Struktur mit den umfassenden Verkehrs-Problemen des Riesenlandes, seine wirtschaftliche Struktur (wo liegen die Industrie-Zentren?) und die Zusammensetzung des Energie-Bedarfs, die wiederum Außenhandels-Beziehungen nötig machen, die wiederum in die politischen Beziehungen reinspielen etc.
Eine der zentralen Botschaften, die dabei rübergekommen ist, war, dass China, wenn es den Anschlußss an die Industrie-Nationen halten will (und das will es) eine extrem ausgefeilte Energie- und Verteilungs-Politik fahren muss, und dabei wahrscheinlich auf Kosten der Umwelt und der Menschen (samt deren Gesundheit) vorgehen wird.
Als ich heute das auf FM4 bereits besprochene "Schwarzbuch Öl" von Thomas Seifert und Klaus Werner (Deuticke Verlag) bekommen habe, war mein erstes Blättern also zielgerichtet. Und die schon dritte Abbildung, die den Weltöl-Verbrauch samt Prognose bis 2020 zeigt, weist China tatsächlich als Wachstums-Leader aus.
Und weil es immer gut ist, wenn man etwas kürzlich Gelerntes bestätigt bekommt, und man sich dann gleich besser und klüger fühlt, hab ich dann natürlich weiter herumgestierlt in diesem Buch.
Das "Schwarzbuch Öl" erzählt eine "Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld", also eine über Menschen und das ist immer spannend.
Österreich, wo es einen halben Probebohrturm im Marchfeld gibt, spielt trotzdem immer wieder eine Rolle in diesem Business, was vor allem den Bemühungen des vormaligen Bundeskanzlers Kreisky zu verdanken ist - nicht nur wegen dessen frühen Kontakten zu Libyens Diktator Ghaddafi, sondern weil er die OPEC (noch als Außenminister) bald nach ihrer Gründung nach Wien lockte, wo sie heute noch (und zwar am Donaukanal) residiert.
Am OPEC-Sitz werden keine Geschäfte, es wird Politik gemacht; so kommt man auf die Landkarte.
Das Schwarzbuch erzählt alles: wie aus einem Treffen eines venezolanischen und eines saudischen Diplomaten die OPEC entstand, wo die Ressourcen daheim sind, wo die Verwerter, und wie sehr das alles in die Welt-Politik reinspielt, die seit dem Kampf um das technologisch lebensnotwendige Schmiermittel eine globalisierte geworden ist.
Das Schwarzbuch geht historisch vor, agiert bewusst politisch, spart aber Ideologien aus, weil sie in diesem Umfeld (siehe Sub-Titel) ja auch maximal Mittel zum Zweck sind.
Ich mag das Buch, weil es einerseits jeden Schas mit einer Quelle, einem zusätzlichen Zitat oder etwas anderem Weiterführenden belegt, und weil es andererseits z.B. auch Dialoge aus James-Bond-Filmen verwendet, die auf ihre Art prophetisch waren. Wie bei der transkaukasischen Pipeline, die im kleinen die gesamten Wirrnisse rund ums Öl auch protoytpisch widerspiegelt, wo sich Multis aus den USA und Europa mit den russischen Gas-Riesen matchen, aber auch alle politischen Probleme, wie diverse Unruhen in den Kaukasus-Republiken aber auch das EU-Türkei-Problem reinspielen.
Ich mag das Buch, weil es die vielen herumflatterden Mythen einfängt und auf den Boden bringt, auseinanderklaubt und trocken miteinander verknüpft, egal ob es sich jetzt um Abramowitsch, Chodorkowski und den Yukos-Irrsinn oder um Dick Cheney und Halliburton handelt, die man ja von Michael Moore schon ein wenig vorgekaut bekommen hat.
Ich mag das Buch, weil es parteiisch ist, wenn es die Veränderungen, die große Öl-Vorkommen nach sich ziehen, auch auf die Menschen umrechnet, und dabei den Weg, den Norwegen geht, besser findet, als den, den z.B. der Gabun gegangen ist. Anderswo wird da aus falsch verstandener Scheu (die ihrerseits wieder nur rassistisch ist) geschönt und behübscht.
Und ich mag natürlich den fetten Statistik-Teil mit Materialien über alle Mitspieler, von Exxon bis zur Saudi Aramco.
Und ich finde auch, dass eine gezielte Auseinandersetzung mit diesem Thema mehr bringt als das nur rein drüberfahrerisches Gejammere über die Bösigkeit der Welt und die Schlechtigkeit der Menschen und die grausigen Öl-Barone. Ich will auch weiter die Jello Biafras dieser Welt ihre "Die for oil, sucker!"-Feme-Gedichte schreien hören, meinetwegen auch billige Michael-Moore-Kopien mit dümmlichen Fehlschlüssen. Mit derart präzisen Auseinandersetzungen, noch dazu (zumindest zu 50%) aus heimischen Schreib-Werkstätten bin ich aber noch viel zufriedener.
PS: die aktuellen Entwicklungen beim russischen Gas-Riesen Gazprom morgen im Wirtschaftsteil eurer Tageszeitung.