Anlässlich des Nationalfeiertags: über das Nationale und sein Gegenteil, das sogenannte Nationale, und wie man dieses überkommen sollte.
Gestern sprach G. am Telefon mit unserer Kollegin M. und erreicht sie im Schneide-Studio. M. ist derzeit auf Moderations-Pause, weil sie seit dem Sommer an einem Film arbeitet, an einer Doku über und mit älteren Frauen österreichischen Ursprungs, die in New York leben.
Als M. mir vor ein paar Wochen von den Begegnungen mit diesen Frauen in begeisterten Worten erzählt hat, sprach sie dabei einen bemerkenswerten Satz, so ganz nebenbei: "Das sind genau die Frauen, die uns jetzt hier fehlen."
Dieser Satz ist kein Nebenbei-, sondern ein Hauptsatz im Wortsinn und hat mich damals schon nachdenken lassen und tat es bis heute. Ich wusste schon warum, aber ich kann es erst jetzt in Worte und auch in ein Gedankenexperiment fassen.
Und der heutige Tag ist optimal dafür geeignet.
Denn tatsächlich fehlen diese unsere lässigen Omas, die Urgroßmütter von euch Jüngeren. Sie haben immer schon gefehlt. Sie waren nicht im Stadtbild präsent, ich hab sie immer in Filmen gesehen aus Frankreich, Italien, England oder den USA, aber kaum im echten Leben.
Da war nur diese verkniffene Oma-Generation, die ländlichen Kopftuch-Frauen, die sich oft so gar nicht von den islamischen Kopftuch-Trägerinnen unterscheiden, vor allem nicht in ihrer fanatisch-fundamentalistischen Religiosität oder die urbanen Kinder-vom-Rasen-stampernden Keiferinnen.
Ich übertreibe jetzt natürlich, aber es stimmt im Kern leider zu sehr: die herzliche Oma mit dem Herz am rechten Fleck, die in ihrer Jugend rebellisch und wild war und es dann für die Enkel wieder aufkochen kann, die ist selten, so selten, allzu selten.
Das hat einen einzigen Grund: die Vertreibungen und Ermordungen in der Nazi-Zeit.
Die, die aus den Großstädten, den Kleinstädten oder auch dem flachen Land deportiert und ermordet wurden, oder schon ab '33 (und auch schon davor) fliehen mussten, das waren die Widerständischen, die Rebellischen, die Intellektuellen, die Querdenker, die Charakterköpfe.
Nicht alle und ausschließlich, aber doch ein großer Teil.
Und ich spreche hier nicht ausschließlich von der jüdischen urbanen Intelligenz oder den Schwulen oder den Linken, sondern auch von den mutigen Christen und den konservativen aber felsenfesten Republikanern, die genauso verfolgt und umgebracht wurden, und die in ihren Bereichen mindestens genauso bitter abgehen.
Die Bereitschaft die Vertriebenen, die Wissenschafter und die Denker, die Akademiker und die Querköpfe nach 1945 wieder zurückzuholen, war in Österreich noch viel schwächer ausgeprägt als in Deutschland.
Während man dort in den 50ern zumindest ansatzweise erkannte, dass man einen Teil der vertriebenen Intelligenz wieder zurückholen muss um den Kultur-Verlust wieder auszugleichen, geschah im offiziellen Österreich so gut wie gar nichts.
Deswegen diese Lücke.
Deswegen fehlen die guten Omas und Ur-Omas.
Der Nationalfeiertag ist der bestmögliche Anlass um diesen Gedanken in einem Experiment noch weiterzuspinnen.
Der Nationalfeiertag, nein, besser das Nationale an sich ist durch den langjährigen Missbrauch der Idee des Nationalstaats, durch staatlichen Chauvinismus und Rassismus europa- ja, weltweit eine Problemzone.
Nirgends allerdings ist das Problem so ausgeprägt und unumkehrbar punziert wie im Hort des Wahnsinn der Nationalsozialisten, also in Deutschland und Österreich.
Es graust einem vor den ewiggestrigen "nationalen" Anklängen, den Beschwörungen eines Volkskörpers etc, und es graust einem mit Recht.
Nur: dieses eingefahrene Denkmuster ist reif für eine Loslösung.
Und: seit dem Fanal des Nazi-Irrsinns und seinem ebenso unumkehrbaren Scheitern gibt es ja gerade hierzulande die optimale Ausgangs-Lage für eine klare Analyse und Neu-Positionierung der Begrifflichkeiten.
Es gilt das Nationale (also die ideologie-freie Bejahung einer Nation, im speziellen des National-Staats Österreich) und dem "sogenannten Nationalen" zu unterscheiden.
Das "sogenannte Nationale" hat nämlich nicht die Ausreden von LePen oder Fini, deren Thesen historisch ja nie umgesetzt wurden, sondern es hängt immer noch einem historisch eindeutig abgehaktem Irrsinn nach.
Also ist es keineswegs "National", sondern maximal "sogenannt-National".
Um das zu erklären reicht sich eines simplen Denk-Experiments zu bedienen.
Das "sogenannte Nationale" hat unter anderem deswegen in herkömmlichen Debatten und Diskursen leichtes Spiel, weil es zum einen - wie alle verfestigten und nicht denkoffenen Denk-Kulturen - keine Systemkritik zulässt, sondern in solchen Fällen beginnt verschwörungs-theoretisch zu argumentieren, und weil es zum anderen gern eine Gegen-Ideologie konstruiert, der der Diskurs-Kombattant (wenn er ihr nicht eh schon angehört) dann gern zugeordnet wird.
Da es sich hiebei allermeist um ein ebenso historisch abgehalftertes Modell (den Sozialismus kommunistischer Prägung) handelt, artet der Schlagabtausch dann gern in Aufrechnungen auf, was automatisch zu seiner Bedeutungs- und Sinnlosigkeit führt.
Nicht mit einer Ideologie im Rücken gegen das "sogenannte Nationale" anzutreten ist diskutorisch extrem schwierig: denn immer der, der fanatisch glaubt, führt eine solche Debatte.
Deswegen ist die Sozialdemokratie oder auch der bürgerliche Konservative mit den jeweiligen humanistischen, sozialen oder christlichen Ansätzen immer im Hintertreffen, einfach, weil die nicht so fetzen wie die geilen und grellen Parolen, die die "sogenannte Nationale" auf ihren Fahnen tägt; einfach weil das Destruktiv-Verlogene oft lässiger vermarketingbarer ist als das Konstruktiv-Ehrliche.
Dagegen hilft nur eines: sich der Methodik der "sogenannten Nationale" selber zu bedienen und alle Positionen nach ihren eigenen Maßstäben auszumessen.
Das ginge im vorliegenden Fall etwa folgendermaßen:
Durch das Nazi-Regime kam es nicht nur zu Massenmorden an der politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Intelligenz sondern auch zu einer Fluchtbewegung der überlebenden Reste derselben.
Das hat den verbleibenden Volkskörper massiv geschwächt, ja verheerend beschädigt, mit Nachwirkungen, die heute noch spürbar sind.
Der freiwillige Verzicht auf dieses Gen-Material trägt zu einer Art intellektuellen Verelendung bei, an der Österreich leidet. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die nach 1940/42 im Land blieben, sind Anpassler, Kriegsverbrecher, Kriegsgewinnler oder Mitläufer ohne jede Courage. Es handelt sich großteils im Menschen ohne eigene Ideen, ohne wirklichen Willen und auch ohne besondere Fertigkeiten, geschweige denn mit einer guten Ausbildung.
Da es in den Nachkriegsjahren keine Rückholung der Intelligenz gab, sondern sich der Zuzug auf andere Mitläufer und -täter aus anderen deutschen Gebieten beschränkte, ist der Gen-Pool in Österreich innerhalb von nur wenigen Jahren auf ein drastischen Mittelmaß gesunken.
Die Ausdünnung des Volkskörpers durch eine Art Inzucht der verbliebenen Duckmäuser konnte durch die paar überlebenden Widerstands-Nester nicht ansatzweise ausgeglichen werden und führte zu einer Nivellierung nach unten.
Österreich hat seit dern 40ern zuwenig Akademiker, kann an die kulturelle und wissenschaftliche Blüte der Zwischenkriegszeit (Weltkrieg 1 führte nämlich zu keinerlei Vertreibungen dieser Art) nicht einmal ansatzweise mithalten und hat eine mit wenigen Ausnahmen kaum vorhandene Kultur des gesprochenen Wortes (was wiederum zu einer verbalen Unterlegenheit dem englischsprachigen Ausland und auch dem Deutschen gegenüber führte, unter der der Österreicher vor allem als Tourist leidet) und zu einer völligen Abwesenheit einer Diskussions-Kultur, die sich ausschließlich in aus der klassischen Bierzelt-Rauferei übernommenen Ritualen beschränkt.
Während Österreich also in den wesentlichen Gebieten (und Gutskifahrenkönnen gehört da eben nicht dazu) international so gut wie gar nicht konkurrenzfähig ist, liegt der einzige Nutzen dieser Entwicklung in der leichten Verfügbarkeit über die politische Meinung dieses Volkskörpers (siehe auch -> Der Herr Karl).
Erst die Auffrischung desselben durch Fluchtbewegungen aus dem Osten (Ungarn 56, CSSR 68, Jugoslawien ab 90), die ihrerseits wiederum vertriebene Intelligenz einbrachte und wegen der generellen Ausrichtung von Österreich als Auch-Einwanderungs-Land in der 70ern und 80ern, konnte ein wenig Linderung bringen - schließlich setzte sich da nur fort, was bereits fast 100 Jahre davor in einer ersten Welle schon begonnen hatte, nämlich eine Blut- und Gen-Auffrischung um der desaströsen Ausgelutschtheit der österreichischen Bevölkerung zu begegnen.
Das ist jetzt nur eine kurze Skizze, aber so oder so ähnlich kann man mit dem (überaus entsetzlichen) verbalen und ideologischen Instrumentarium der "sogenannten Nationalen" die andere Seite der Medaille auch herzeigen.
Natürlich ist das alles maßlos übertrieben und durch den widerlichen Propaganda-Ton menschenverachtend hoch drei.
Nur: umgekehrt haben wir uns an den völkisch-blödsinnigen Ausländer/Rassen/Volkskörper-Bla-Mist schon so gewöhnt, dass wir das Vokabular in den entsprechenden Debatten ja fast schon übernehmen.
Dann auch einmal gleich auf die Spitze treiben, um zu sehen wie es umgekehrt wirkt, wenn es auf den Urheber zurückfällt.
Denn eines zeigt das Gedanken-Spiel: diese Anti-Ansätze sind im Gegensatz zur jeglicher Grundlage entbehrenden, auf Alt-Nazi-Geschwätz aufbauenden Ausländer-Hetze im Kern ja richtig.
Natürlich ist der "österreichische Volkskörper", also übersetzt die Menschen, die hier leben, durch den Nazi-Terror eines großteils ihrer Besten und Leiwandsten und Wehrhaftesten und Aufrichtigsten beraubt worden.
Und die Nachkommen derer, die sich arrangiert haben oder in Angst geknechtet wurden, tragen dieses wenig wehrhafte oder gar unanständige Erbe durchaus noch in sich - manche können zB auch noch gut mit "arisierten" Besitztümern leben und protzen sogar mit einem solchermaßen erworbenen Millionärs-Status.
Natürlich steckt das nicht in den Genen, das ist Schwachsinn à la Mengele, aber in der Erziehung, der Sozialisation ist sowas noch über Generationen spürbar.
Da können die "Ziehen-wir-doch-endlich-einen-Schlussstrich!"-Blödiane ihr Mantra noch so oft runterrasseln - der Schlussstrich lässt sich nicht ziehen, solange die "Nazi-Oma" den Geburtstags-Kuchen anschneidet, und wohl auch noch weitere ein, zwei Generationen nicht.
Das Experiment, denke ich, zeigt also nicht nur, dass man perversen Ideologien durch die überzogene Pervertierung ihres Denkens entgegnen sollte, anstatt ihnen den Gefallen zu machen erst ein Gegenmodell entwerfen zu müssen.
Warum soll ich jemandem, der seinen Hund einen Krapfen vor meine Tür scheißen lässt, mit dem intelligenten Gegenmodell eines Hundeklo-Sackerls kommen, wenn es eigentlich viel effizienter wäre, ihn mit dem Haufen seinen Gesichts-Teint braun zu färben, also (natürlich nur per Denk-Modell) einfach plastisch-drastisch zu werden.
Das Experiment zeigt auch, dass das "sogenannte Nationale" exakt gar nichts in der programmatischen Hinterhand hat, sondern ausschließlich mit sehr primitiven Grundreizen die Reflex-Zonen der Anfälligen auszuloten imstande ist; also (um wieder in die einschlägige Diktion zu verfallen) dem durch die Katastrophe des realen nationalistischen Wahnsinns geopferten und von ihm verdummten Volkskörper im Versuch, ihn weiter dumpf zu halten, halt weiterhin mit altem Futter zu versorgen.
Je größer allerdings die Antidot-Zufuhr von internationalem Flair in Form von Kulturen, Kultur und Wissen samt dem zugehörigen Transfer des Einzelnen sein wird, desto schwerer wird es diesen rein populistischen Mustern fallen, fürderhin auf fruchtbaren Boden zu stoßen. Sie werden aussterben wie die Pest-Viren.
Um den Unterschied zwischen dem Nationalen, also dem, was uns alle betrifft und umfasst, einem Bekenntnis zu Österreich, einem Kultur einer Mentalität und vor allem auch dem Glauben an die Unabdingbarkeit der Entwicklung derselben, und dem "sogenannten Nationalen" deutlich zu machen, muss man aber auch einfach nur den Sprachgebrauch untersuchen.
Die "sogenannten Nationalen" nämlich trauen sich den Begriff "Nationalfeiertag" gar nicht auszusprechen; sie sagen "Staatsfeiertag" dazu.
Das ist ein bissl zu wie beim Rumpelstilzchen; man hat Angst in die Hölle zu fahren, wenn man das böse Wort ausspricht, weil man nämlich Angst hat, dass man damit eine Nation zu deutlich anerkennen würde, die man eigentlich ja gar nicht akzeptieren mag, weil man ja eigentlich Deutscher ist, so als schwammiger Überbegriff, mit ganz viel germanischer Mythologie der Marke "Thule" und so.
Dass die "sogenannten Nationalen" also ausgerechnet am Tag, wo sie die große Chance hätten sich noch besser zu positionieren, eh ganz offen zugeben, dass sie den Begriff hinter dem sie versteckt agieren, fürchten wie der Teufel das Weihwasser, ist ein schöner Treppenwitz.
Warum sie immer noch straffrei mit dem Diktum des Nationalen hantieren dürfen, wo sie es doch weder wollen noch können noch dürfen, ist einzig und allein unsere Schuld; ich würde mir das Wort einfach zurückholen und ihn wieder zurückdeuten und umbesetzen.
Es wäre nämlich machbar.
Und es wäre eine würdige Gruß-Botschaft der Nachgeborenen an all die, die ermordet und vertrieben worden sind.
Etwa für die lässigen Omas, die M. da in New York getroffen hat, die uns allesamt nie kennenlernen konnten.