"Die Zeit", das große bürgerlich-liberale Print-Flaggschiff der Hamburger Verlags-Landschaft, die alte Dame mit dem scharfen Blick, bietet in ihrer aktuellen Ausgabe, die seit heute Abend am Kiosk erhältlich ist, erstmals ein Österreich-Special an, das ab nun wöchentlich erscheinen wird.
Auf zwei Seiten im ersten Buch (also durchaus prominent platziert) werden da österreichische Themen behandelt. Und das deswegen, weil - wie CR Giovanni di Lorenzo in einem programmatischen Begleittext schreibt - nicht zuletzt die EU-Rats-Präsidentschaft ab 1.1. einen Blick über die Grenzen (auch der nur scheinbar gemeinsamen Sprache) lohnt.
Nun ist die Zeit nicht nur seit Jahren traditionell mit österreichischen Schreibern durchsetzt (Frau N. werkt dort, Herr K. ist erst kürzlich hinüber, Herr N. war da, Herr P. ist schon lange dort...), es hat sich auch in den letzten Monaten überraschenderweise der deutsche Blick vom jahrelangen Verharren auf dem eigenen Nabel eroben und forscht durchaus merkbar in der Gegend herum.
Und weil man (um hier indirekt an gestern anzuschließen) bei den Nachbarn vielleicht mehr über sich selber erfahren kann als z.B. bei interessanten Exoten overseas, ist diese neue Tendenz auch kein reiner Medien-Hype, sondern durchaus populäre Übung.
Natürlich sind auch 25.000 Jahre Mozart oder 150 Jahre Freud ein Anlass; und dass Arno Geiger, ein Österreicher, den deutschen Buchpreis dieses Jahres gewonnen hat, sehen die Zeit-Menschen als zusätzlichen Fingerzeig. In der ihm gewidmeten Geschichte wird dann zwar die Geiger-Doppelexistenz als Vorarlberger in Wien völlig ausgespart - aber darum (also das, was den heimischen Leser daran interessieren könnte) soll's ja scheinbar nicht gehen, bei diesem wöchentlichen Zwei-Seiten-Versuch: nicht Österreich und den österreichischen Lesern soll was bewiesen werden, es liegt eher der deutsche Leser im Blickfeld.
Zudem gab es zum Anheizen auch noch ein Dossier mit "Wien" als Generalthema.
Dass der immer noch mit Klischees aller Art hauptgefüttert wird, liegt an einem Start-Programm, das der Verbal-Parvenu di Lorenzo wohl im Cafe Apfelstrudel entwickelt hat: der begabte junge Autor, ein paar deutsch-österreichische Austausch-Nettigkeiten, ein wenig Außenwerbung des Bundeskanzlers und eine Wien-Story, die vor Glück über die Lebensqualität der scheinbar einzigen Stadt, die derzeit sowas von keine Integrations-Probleme hat, geradezu weint.
Nun hat dieser geschönte Blick auf das Alpen-Vorland nichts mit den neoliberal angeheizten Vorwahl-Kampagnen gemein, die die "unabhängige" Presse angezündet hatte, um die vormalige deutsche Regierung noch toter zu schreiben, als sie es eh schon war.
Die hohlen Nichtigkeiten, die im Frühjahr über das neue Vorbild- und Boom-Land Österreich in den Vorfeld-Publikationen derer (die jetzt interessanterweise keinerlei Regierungs-Verantwortung haben, man weiß gar nicht, warum eigentlich...) erschienen sind, waren taktisch kalkulierte Unterlassungs-Erklärungen, die so taten, als wäre Österreichs Entwicklung der letzten 15 Jahre ernsthaft mit denen Deutschlands vergleichbar.
Hätte Österreich seit 1989, nur als DDR-Vergleichs-Hausnummer, die slowakische Wirtschaft mitaufbauen müssen, stünden Staat und Haushalt auch eher anderswo, würde ich meinen...
Die aktuelle Österreich-Beachtung hat jetzt, in deutschen Nicht-Wahlzeiten, wohl tatsächlich wieder mehr Realitäts-Bezüge.
Jetzt, wo mit dem Krisengerede kein politisches Kleingeld mehr gewechselt wird, lohnen sich Modell-Vergleiche - zumindest bereichsweise - ja durchaus.
Wiewohl die föderale Struktur Deutschlands (gegen die der österreichische Föderalismus nur eine Fix&Foxi-Variante ist) da einiges, was z.B. mit Bildung oder Kultur zu tun hat, dann wieder unvergleichbar macht.
Trotzdem ist das Interesse, das "Die Zeit" da dem bis dato doch nur unter ferner-liefen wahrgenommenen Nachbarn, den man als Durchschnitts-Deutscher ja immer fälschlich als kulturell und sprachlich vollverbrüdert, wenn nicht gar identisch wahrgenommen hatte, kein Zufall, sondern Teil einer Tendenz, die sich in ganz vielen herumschwirrenden Indizien ausdrückt, die mir schon seit einiger Zeit (angenehm) auffallen.
Vielleicht bringen sie z.B. auch die neuerdings zahlreichen deutschen Studenten in den größeren Uni-Städten dazu (in Wien bemerkt man sie schon im öffentlichen Leben, wie ist das andernorts?), sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass sie jetzt nicht bloß von Böblingen nach Tuttlingen gewechselt sind, sondern eine kulturelle Markierungs-Linie überschritten haben und sich jetzt an einem Ort mit anderen Codices aufhalten.
Allein das Wissen um diese Neuerungen und ihre Erforschung stellen eine ungeheure Bereicherung dar, wie wohl jeder Auslands-Aufenthalt in den prägenden Ausbildungs-Jahren.
Insofern sind die beiden Ö-Seiten der Zeit, auch wenn mir da zuviel gelacht, geschunkelt, herumgefreundlichwienert wird, ein ganz wichtiger Ansatzpunkt, eine Wasserstands-Marke für die Beziehungen zwischen Deutschland und Österreich, die sich auch mehr, als man glauben möchte, auf den Einzelnen auswirken wird.