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Wien | 20.11.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 20. 11. Sonntag.
  Salzburger Totenkreuze und Auferstehungs-Fantasien.
 
 
 
  Es sind zwar noch ein paar Wochen, bis tief hinein in den Dezember, Bundesliga und auch Champions League zu spielen - trotzdem ist heute sowas wie ein Schlusspunkt im heimischen Fußball.

Das nicht wegen der tiefen Depression, die sich über die schneebedeckten, keinerlei Zuschauer-Ansprüchen genügenden Spielfelder zieht; auch nicht, weil man, wenn man, so wie ich, gestern zuerst Admira - Austria und danach Real - Barcelona und Celtic - Rangers gesehen hat, eigentlich das Totenkreuz schlagen kann, und ganz tief bei sich weiß, dass es fürs nächste Jahrzehnt keine Hoffnung auf Besserung gibt, weil es am Offensichtlichsten fehlt.

Man könnte es auch an der Rückkehr eines 18-jährigen Talents aus Holland, der anstatt dort seine Chance zu suchen (die er als einer der Top 5 im Ranking der jungen Legionäre des Landes durchaus gehabt hätte) sondern es vorzieht nach Österreich in die zweite Liga zu gehen und dort bei Altach der Wunderwuzzi zu sein, festmachen.

Nichts gegen Patrick Mayer, nichts gegen Altach, aber das ist genau das Übel, das Martin Stranzl, einer der fünf heimischen Kicker, die strategisch denken können und das auch öffentlich zu äußern wagen, zuletzt angeführt hat: Österreich ist bei seinen momentanen Liga-Verhältnissen nicht imstande vorne mitzuhüpfen. Also bleibt nur der Export; und für jeden Junior-Kicker muss es das Erstrebenswerteste sein, in eine große Liga zu kommen und sich dort durchzusetzen, dort ums große Geld und den echten Ruhm zu spielen anstatt in Österreich über die Äcker von Kufstein zu tingeln und der Kaiser in den Provinz-Discos zu sein.

All das - und mehr - könnte einen so richtig Jahres-Schlusspunkt-süchtig machen.
Aber darum solls heute nicht gehen.

 
 
  Angelpunkt ist das Team, das sich aus Versehen und wegen der allgemeinen Schwäche der Liga ganz vorn befindet: Mateschitz' Salzburg.
Das Plansoll fürs erste Jahr ist dort deshalb übererfüllt, weil sich die Gegnerschaft entweder (durch Verkäufe wie der GAK, durch ein blauäugiges Hinangehen an ein Gespenst namens Doppelbelastung wie Rapid) selber schwächt bzw in sener internen Struktur zu zerbröseln droht.

Franz Beckenbauer, die Quatsch-Maschine aus München, der Firlefranz, hat - in seiner Rolle als Berater für Mateschitz, also strategisch platziert - dieser Tage ins Demontage-Geheul gegen Austria-Big Boss Frank Stronach eingestimmt, ihn als ahnungslosen, leicht senilen Deppen hingestellt.
Das ist nicht neu und auch nicht so weit weg von der Wahrheit, aber in einer Woche, in der die Basis des Vereins versucht, die Führung auszuhebeln, die den Knebelvertrag mit Stronach geschlossen hat, vorsichtig gesagt, wenig gentlemanlike.

Durch den Vertrag der Austria mit der Magna ist sie auf Gedeih und Verderb Stronach und seinen Launen ausgeliefert, es gibt kein Ausstiegs-Szenario. Die einzige Chance ist es, den Alten so lang zu nerven, bis er drauf scheißt und sich von selber zurückzieht.
Und das passiert gerade.

Dass die Austria, die objektiv bestbesetze Mannschaft des Landes, die die Meisterschaft eigentlich mit Einmal-Berühren mit dem rechten Arm auf den Rücken gebunden einspielen müsste, seit Monaten auch so spielt, als würde sie das unterstützen, steht auf einem anderen Blatt.

 
 
  Wegen all dieser Irrläufer, kleinen Wahnsinnigkeiten und Zufällen steht das einäugige und immer noch an der Star-Operation leidende Salzburg als Tabellenführer einer Blinden-Liga da.

Und zumindest in einem Bereich hat Mateschitz durch seine Übernahme des Vereins richtig kalkuliert: im Gegensatz zu Stronachs Magna, die keinerlei Standort-Problem-Bewusstsein hat und mit einem Stadion-Bau oder Umbau herumeiert wie ein verwirrtes Wiesel, hat er seine Taktik von Vorherein auf ein eigenes Stadion und die entsprechende Event-Umfeld-Kultur konzentriert.

Der Fußball ist Mateschitz wurscht. Aber sowas von.
Die Übernahme der Salzburger Austria war ein Franchise-Projekt, es ging um einen Standort, nicht darum - wie Beckenbauer spöttelt - Österreich zum Weltmeister zu machen. Während bei Stronach auch die Akademie und das Amateur-Team hohe Wichtigkeit genießen ist das Mateschitz und Red Bull auch egal: es geht um einen Image-Transfer, den das erste Fußball-Team (ebenso wie das Eishockey-Team, die Formel I-Mannschaft oder sonstwas) zu gewährleisten hat; und das dadurch als Event-Arena eingeführte Stadion (noch dazu mit EM-Siegel), in weiterer Folge dann zu einer Red-Bull-Spaß-Arena für Veranstaltunegn aller Art zu machen.

Das alles stand so im Mateschitz' Masterplan.
Die Hinhalte-Schmähs von einer Einbeziehung der alten Austria Salzburg-Fans: alles nur Maßnahmen um Zeit zu gewinnen, bis sich die ersten Erfolge einstellen und der Publikums-Komplett-Austausch durchgeführt wurde, gegen den sich eine Lobby-lose Fan-Schar eh nicht ernsthaft wehren kann.

Das ist jetzt passiert. Auch wenn die Wehrkraft der Violetten stärker war, als in den RB-Kalkulationen vorgesehen; was wiederum die Schwächen dieses Managements schonungslos und teilweise aufs Peinlichste offenlegte, Imageverlust inklusive.

 
 
  Und jetzt gibt Red Bull auch offen zu, was bisher bestritten wurde: dass man nichts mehr mit der alten Austria Salzburg zu tun haben will.

Deshalb passiert heute Seltsames: während das neue Salzburger Firmenteam von Red Bull im fernen Graz ein Meisterschafts-Spiel angeht, findet in Salzburg-Lehen ein Abschied statt, ein endgültiger: ein Kehraus-Fest für das alte Stadion, mit Programmpunkten wie der Verabschiedung der großen Austria-Mannschaft von 93/4.

Die Austria Salzburg wird in einer unteren Liga wieder- oder neugegründet und sich dann wahrscheinlich in Regional-Liga-Stärke einpendeln, und so wie die Vienna, der Wr. Sportklub oder Blau-Weiss Linz vor einer vieltausendköpfigen Fan-Gruppe spielen ohne eine reelle Chance zu haben, in die oberste Spielklasse zu kommen, wo man mittels zweitklassiger Legionäre eine Schein-Welt aufrecht erhält, die sich den Anschein gibt, "am Sprung" nach Europa zu sein.

Gerade diese Fans werden (im Verein mit vielleicht noch den Innsbrucker Fans) zu den "intelligenten" Fußball-Fans gezählt, zu denen, die ein über das nächste Spiel hinausgehendes Bewusstsein haben; und es aus leidvoller Erfahrung verstanden haben, dass die Modelle einer Franchise-Sportkultur nach US-Vorbild sich in den europäischen Mentalitäten einfach nie durchsetzen können, wiewohl es gerade in Gebieten, wo sich neureiche Oligarchen dran versuchen (Ukraine, Russland, Chelsea, Prag, Österreich...) heftig vorangeht; und trotz alledem die Freude am Spiel vor der Haustür, im regionalen Verbund, dem reinen TV-Anbeten der wirklich Großen vorzieht.

 
 
  In diese Nomenklatura des Welt-Fußballs kommen diese Gummi-Vereine, die mit schnellem Geld emporgezogen werden, allemal nicht hinein. Das Chelsea-Modell (einen großen Namen mit viel Geld hochzupäppeln) ist im Kleinen (Austria) gescheitert.
Das Modell Salzburg wird auch scheitern, weil es dem neuen Eigentümer nicht um Fußball, sondern um eine Image-Sport-Plattform für seine anderen Projekte geht.

Immerhin wurde heute mit der endgültigen Trennung von Austria und Red Bull Salzburg eine Ehrlichkeit eingezogen, die Mateschitz schon im Sommer gut zu Gesicht gestanden wäre.

 
 
Als PS noch der Aufruf der Violetten:
 
Eine violette Ära geht zu Ende. Unser unvergessliches Lehener Stadion hat viele Höhepunkte unserer Salzburger Austria mitgemacht, es war der Ort unvergleichlicher Siege und der Ort schmerzhafter Niederlagen. Lehen war immer eine Heimat für die Austria, ob diese nun 'oben' oder 'unten' war. Und oft haben wir gemeinsam diese Heimat in ein euphorisches violettes Meer getaucht.

Am Sonntag den 20. November schließt dieses ehrwürdige Stadion für immer die Pforten. Leise? Nein, Lehen wird nicht leise Servus sagen: Lehen wird ein letztes Mal violett erstrahlen! In Lehen wird ein letztes mal die violette Post abgehen! Lehen wird mit einem Feuerwerk an Emotionen verabschiedet werden!

Das Abrissfest für unser Stadion wird von den Veranstaltern ganz klar als "violettes Fest" geplant, als Möglichkeit für alle Violette, für ihr altes Stadion einen ehrenvollen Abschied feiern zu können. Etwaige fehlplatzierte Rinder werden ohnedies selbst wissen, dass Lehen ein Platz ist, wo ihr Erscheinen alles andere als erwünscht wird - und falls sich doch wider Erwarten jemand verirrt und uns Violette durch sein Auftreten provozieren möchte, so werden wir dies ignorieren und den Abschied von unserem Stadion in Würde und in Frieden feiern.

Programm:

15.00 Uhr: Begrüßung durch Bürgermeister Heinz Schaden, Vizebürgermeister Harald Preuner und Stadtrat Johann Padutsch
16.00 Uhr: Showelement von Strongman Franz Müllner; Kinder- und Familienprogramm durch den Verein Spektrum
17.00 Uhr Live-Auftritt der Band StraightUp;
Auftritt der legendären 94er- Mannschaft;
Stadionutensilien werden an die Gäste verschenkt.
18.00 Uhr: Rückblick auf 30 Jahre Stadion Lehen
19.00 Uhr: Feuerwerk und Pyro (vom Veranstalter)
19.30 Uhr: Das Stadion wird für immer geschlossen.

 
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