fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 16.12.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 16. 12. Freitag.
  Franz Ferdinand und der Sturm.
 
 
 
  Es gibt nicht sehr viele Erklärungs-Möglichkeiten für die Tatsache, dass gestern bei Franz Ferdinand eine Vorband wie die "Rakes" auf der Bühne stand.
Die mögen einzelne nette, sogar radiotaugliche Songs schreiben oder in kleinen Plätzen wie z.B. dem "Shelter" vor einem kleinen Hardcore-Fankreis sogar ein entsprechend hübsches Set zu bieten haben.

Sie vor Franz Ferdinand zu platzieren, bedeutet aber, sie in ihrer Ärmlichkeit geradezu bloßzustellen, sie als Coverband-Indie-Disco-Clowns zu denunzieren.
Denn wie brav die Rakes und vor allem ihr eilfertiger Gitarrist auch vorzeigten, wie schön sie ihre Lektionen bei den großen Vorbildern gelernt hatten, so doch ein wenig sehr lächerlich kamen die sich Song für Song ändernden Versuche, jetzt wie Barney Albrecht, dann wie Robert Smith, einmal wie The Edge und dann sogar (huch!) wie Lee Ranaldo zu klingen.

 
 
  All das sind durchaus Qualitäts-Referenzen, die zudem nicht einmal so schlecht durchgespielt wurden, aber zur falschen Zeit am falschen Ort erfolgten.
Und die Erklärungs-Möglichkeit verläuft doch innerhalb von guten alten Vorband-Begründungs-Bahnen: man kommt besser rüber, wenn die Anheizer doch nur ein wenig kasperlhaft agieren.

Denn selbstverständlich sind Franz Ferdinand mehr als eine Coverband-Indie-Disco; auch wenn man bei ihnen die Vorbilder oder Vorgänger so genau raushört wie bei sonst kaum einem anderen aktuell an der Spitze der Bedeutungs-Skala rangierenden Band.

FF waren gestern beim Stadthallen-Konzert nicht so dicht dran wie beim Arena-Gig und auch nicht so jubilant wie bei ihrem Wiesen-Auftritt im Vorjahr.

 
 
  Das liegt natürlich auch an der Stadthalle, einem Haus, das ich sehr liebe (auch weil ich dort die Wege kenne und mit einem kleinen Trick problemlos von den Sitzplätzen ins Parkett komme), das aber für Konzerte einfach ungeeignet ist und wohl das nächste Jahrzehnt so nicht erleben können wird; und es liegt auch an einem immer breiter werdenden Publikum, das indirekt automatisch nach unten nivelliert.
Sowas steuert sich gerade bei Konzerten dieser Größenordnung, wo so etwas wie ein reelles Feedback nicht mehr stattfinden kann, weil diejenigen, die FF gerademal aus den heurigen "Die neuen Beatles!"-Mainstream-Medien-Abfeierungen kennen, sich bis auf bei den drei Hits komplett indifferent verhalten.

Nur eine Band, die in sich wirklich stark und geschlossen ist, eine geradezu bösartige Selbstsicherheit hat, kann diese gefährliche Phase (vor zwei Jahren noch in 100er-Clubs, heute in Viel-Tausender-Hallen) überstehen.

 
 
  Franz Ferdinand ist das durchaus zuzutrauen.
Leicht wird es aber nicht.
Dazu hatte es die Band (aus nicht unkomplizierten historischen Gründen) bisher zu leicht. Und wer sich sein Standing (auch sich selber gegenüber) nicht ernsthaft erarbeiten musste, wird es in kritischen Situationen nicht leicht haben.

FF sind einerseits ein Glücksfall, hatten andererseits aber reines Glück.

Sie profitieren von einer Generation von Bands, deren Musik sie mehr oder weniger echoen, von ihren schottischen Landsleuten Orange Juice, den englischen XTC oder den anmerikanischen Talking Heads.
Im Unterschied zu diesen Pionieren mussten sie aber nie um ihre Reputation kämpfen: das Verständnis für diese Art von flirrendem Weißbrot-Funk-Pop mit strangen Breaks, für das die Vorreiter noch mehrheitliches Kopfschütteln und Hirntippen ernteten, ist heute - zumindest im mitlerweile extrem vergrößerten Mainstream der Minderheiten-Sektor - mehr als akzeptiert.

 
 
  Denn sowohl die Musikanten selber (allein die drei genannten Bands sind und waren ungeheure Beeinflusser und Präger der nächsten Generationen) als auch Umfeld oder z.B. auch Journalisten trugen massiv dazu bei.

Da das, was die Macher und Berichterstatter geil fanden, nicht den großen Mainstream-Erfolg fand, blieb eine große Sehnsucht nach einer massiven Verbreitung dieses Sounds übrig. Und da die Bestimmer der Musikbranche mehrheitlich durchaus in einem Alter sind, in dem sie ordentlich von OJ-, XTC- oder TH-Musik sozialisiert werden konnten, liegt die Erwartungshaltung auf der Hand.
Der Tisch für jemanden wie die Franz Ferdinands war also gedeckt, sie mussten nur noch kommen.

Nicht dass das jetzt wieder so ganz leicht war: in den letzten 20 Jahren gab es einige Versuche, diesen speziellen nervösen weißen New Wave-Sound wieder aufleben zu lassen - allesamt gescheitert.

 
 
  FF sind also große und wichtige Wachküsser.
Allerdings fehlt ihnen - auch wegen der mangelnden Widerstände der Außenwelt - durchaus Essentielles: die Auseinandersetzung mit dem, was man da tut, ist viel weniger intensiv.

Im direkten Vergleich zu Partridge/Moulding oder David Byrne steigen Kapranos und Co (noch) schlecht aus, und zwar nicht nur, was die nicht unbeträchtlichen Denkaufgaben für die Musik und ihre Entwicklung betrifft, für die Frontrunner nun einmal zuständig sind, sondern auch im kompositorischen Vermögen.

Gut, es ist erst das zweite FF-Album.
Und "With the Beatles" - um hier ein unzulässiges Beispiel durch die Hintertür reinzulassen - war nun auch nicht gerade ein Werk voller inhaltlichem Bewusstsein.

 
 
  Und gerade in diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage, ob heute, in der auslaufenden Postmoderne und ihrer inhaltlichen Zerfransung, Kriterien dieser Art überhaupt noch relevant sein können.

Ob also Vergleiche mit 20 Jahre Zurückliegendem trotz mehr oder weniger unverändert übernommener Musik bei gänzlich veränderten Parametern im Umfeld überhaupt Sinn machen. Und ob Haltungs-Überprüfung anhand von Umfeld-Daten, die mit der Musik nichts zu schaffen haben, zulässig ist.

Ja sogar die Tatsache, dass die Songs schwächlicher sind als die direkt angepeilten Vorbilder, kann letztlich bereits völlig egal sein; und das nicht nur, weil die erste drei Mitsinger-Reihen diese Referenz-Musiken nie gehört haben und vielleicht auch nie hören werden.

 
 
  All that in mind finde ich jedoch, dass wir uns exakt hier auf der Bruchlinie zwischen reinem Konsum-Produkt und kulturell relevanter Aussage bewegen.

Franz Ferdinand haben gestern gezeigt, dass man natürlich auch gleichzeitig auf beiden Kirtagen tanzen kann; zumindest solange man die entsprechende Erdung im eigenen Bewusstsein aufweisen kann.

Ich wünsche ihnen, dass sich der Gegenwind, den es braucht, um langfristig etwas wirklich Eklatantes zu schaffen, auch tatsächlich sinnvoll aufbaut. Der Sturm, den sie scheinbar immer wenn sie in Wien sind, mitbringen, würde da schon genügen.

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick